Einheits-Erinnerungen in Leipzig und Berlin: Die Denkmal-Diskussionen

Der Leipziger Stadtrat hat die Reißleine gezogen. Das dortige Projekt Einheits- und Freiheitsdenkmal, seit je heftig umstritten, wird nicht gebaut. Jedenfalls nicht am Wilhelm-Leuschner-Platz und auch nicht nach einem der Entwürfe, die im Wettbewerb 2011 ausgewählt wurden. Man werde neu debattieren, vielleicht einen neuen Wettbewerb veranstalten. Leipzig ist nämlich sehr stolz auf die Erinnerung an die Massendemonstrationen von 1989 und 1990. Lange vor Berlin, wird immer wieder betont, habe man sich vom totalitären Machtanspruch der SED emanzipiert. Hier akzeptiert man keine zweitklassige ...

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Berlin/Leipzig - Der Leipziger Stadtrat hat die Reißleine gezogen. Das dortige Projekt Einheits- und Freiheitsdenkmal, seit je heftig umstritten, wird nicht gebaut. Jedenfalls nicht am Wilhelm-Leuschner-Platz und auch nicht nach einem der Entwürfe, die im Wettbewerb 2011 ausgewählt wurden. Man werde neu debattieren, vielleicht einen neuen Wettbewerb veranstalten. Leipzig ist nämlich sehr stolz auf die Erinnerung an die Massendemonstrationen von 1989 und 1990. Lange vor Berlin, wird immer wieder betont, habe man sich vom totalitären Machtanspruch der SED emanzipiert. Hier akzeptiert man keine zweitklassige Lösung.

Sofort war in manchen Medien und bei einigen für das Denkmal engagierten Politikern die Rede von der „Blamage“ der Stadt. Und davon, dass „Deutschland“ nicht in der Lage sei, sich mit einem Denkmal an ein freudiges Ereignis wie die friedliche Revolution von 1989 zu erinnern. Das Gegenteil ist richtig: Die Leipziger Stadtverordneten hatten Bürgermut, der in Deutschlands Parlamenten viel zu selten herrscht. Sie haben sich der letztlich inhaltsfreien Dauerargumentation von Politikern, Bauverwaltungen, Architekten- und Künstlervereinigungen entzogen, es gäbe einen Wettbewerbssieger, man habe schon so viel investiert, Beschlüsse seien einzuhalten. Sie haben das für die Demokratie konstitutive Recht auf Neustart der Debatte in Anspruch genommen.

Der Abbruch ist keine Blamage

Sicher spielte in Leipzig eine Rolle, dass die im ersten Wettbewerb 2011 erfolgreichen Künstler Marc Weiss und Martin de Mattia mit einem Prozess gedroht haben, den die Stadt aller Voraussicht nach verloren hätte. Weiss und de Mattia wollten 70 000 frei bewegliche bunte Sitzhocker auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz aufstellen. Als Aktion des Stadtmarketings eine grandiose Idee, doch vielen Bürgern erschien sie als zu fluffig, zu wenig seriös. Die Stadt veranstaltete daraufhin, obwohl das nicht vorgesehen war, einen zweiten Wettbewerbsschritt, in dem Weiss und de Mattia auf dem dritten Platz landeten, stattdessen eine Gartenanlage gewann. Die jetzt aber, letztlich wegen ihrer Belanglosigkeit, auch gescheitert ist.

In Leipzig hat man die bereits aufgebrachten Planungskosten also als Lehrgeld betrachtet. Recht so! Ein Projekt, das sich nicht als sinnreich erwiesen hat, muss gestoppt werden können. Es ist absurd, dass sich Rechnungshöfe oder Politiker immer wieder über angeblich umsonst ausgegebene Planungsgelder erregen. Auch eine abgebrochene Planung ist zu etwas gut: Man weiß, dass es so nicht geht, andere Lösungen preiswerter, effizienter, sinnreicher sein können.

Immer wieder müssen wir sehen und bezahlen, was geschieht, wenn es kein solches Besinnen gibt, von der Riesenbrücke über das Moseltal bis zu dem inzwischen auf über 100 Millionen Euro geschätzten Foyerbau zur Berliner Museumsinsel, vom gegen alle Denkmalpflege-Methodik verstoßenden Radikalumbau des Pergamonmuseums über die Vandalisierung des Stuttgarter Hauptbahnhofs bis zur dysfunktionalen Planung des Berliner Schlosses und seiner eiskalten Ostfassade: Immer wieder begründen Verwaltungen, Bauherren und Politiker das Verfolgen teilweise uralter Planungen damit, man habe schon so lange geplant.

Leipzig ist nicht allein mit dem Problem

Und damit sind wir beim Berliner Einheits-Denkmalprojekt. Auch bei diesem läuft schlichtweg nichts rund, sind die Probleme fast genau die gleichen wie in Leipzig. Auch in Berlin soll an einem Ort – auf dem Sockel des 1898 eingeweihten Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. – an die Revolution von 1989 erinnert werden, der rein gar nichts mit den damaligen Ereignissen oder irgendeinem Freiheitsgedanken zu tun hat. Eine große, golden schimmernde Wippe soll sich darauf je nach Anzahl der Besucher in die eine oder andere Richtung neigen.

Als Kunstaktion hätte das Witz. Doch je dauerhafter, also denkmalmäßiger die Anlage wird, desto weniger überzeugt sie: Lange Zugangsrampen und hohe Sicherungsgeländer nehmen ihr jede Eleganz, die Wipptechnik erfordert einen massigen Aufsatzpunkt, für den das Kaiserdenkmal schwer beschädigt werden muss. Die historischen Mosaiken sollen nur als „archäologisches Fenster“ zu sehen sein. Dass Fledermäuse in dem Sockel wohnen, die unter strengstem Naturschutz stehen, haben die Planer erst vor kurzem entdeckt. Und jetzt wird auch noch das „Wippen“ der Schale, wie der Berliner Behindertenbeauftragte mitteilte, „kaum spürbar“ sein. Es fehlen also nur noch Bananen, um aus dem Denkmal eine gigantische Obstschale zu machen und das Erinnern an 1989 endgültig in die Lächerlichkeit zu ziehen.

Doch der Bundestag ist nicht bereit einzusehen: Denkmalprojekte, die wie diese ohne jede bürgerschaftliche Begeisterung entstehen, enden als Kranzabwurfanlagen. Vor allem aber: Denkmäler, die dauerhaft erfolgreich an freudige Ereignisse erinnern, gibt es nur sehr wenige, wenn überhaupt welche. Sie sind per se als tragisch oder heroisch eingeschätzten Ereignissen vorbehalten, erinnern an Kriege, Siege, Verluste, Helden, ganz selten einmal auch – das Berliner Holocaust-Denkmal ist ein Beispiel dafür – an Schandtaten.

An Ereignisse aber, derer man sich gern erinnert – erfolgreiche Revolutionen, die Befreiung von Besatzung und Not, Stadtjubiläen oder Staatsgründungen etwa –, erinnern sich westliche, zumal demokratische Gesellschaften in aller Regel mit immer neu entstehenden Ritualen und Festen. An diesem Grundkonflikt leiden alle Denkmalprojekte, die an die Revolution von 1989 erinnern wollen – es gab damals nicht einen Helden, sondern einen Aufstand, dessen Heroismus gerade in seiner unpathetischen Friedfertigkeit lag.

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