Einst wurden 100 Soli-Steine für das geteilte Berlin aufgestellt. Ein Frankfurter holt sie nun aus den Depots

Die Rückkehr der Bären

Eva Dorothée Schmid
4 Min

Das Wappentier Berlins, der Bär, hat eine neue Aufgabe bekommen", schrieb die Wochenzeitung Die Zeit am 21. Januar 1954. Er solle an den Autobahnen an die Stadt seiner Herkunft, an den schweren Existenzkampf ihrer Bewohner und damit an das Schicksal unseres geteilten Vaterlandes erinnern, so das Blatt. Am Tag zuvor wurde an der Autobahn Köln-Frankfurt, etwa 25 Kilometer von Bonn entfernt, der erste Berliner Bären-Meilenstein eingeweiht.Er zeigt das Wappentier als Relief. Der Bär steht aufrecht, die Nase reckt er keck in die Luft. Darunter stehen die Inschrift "Berlin" und die Entfernungsangabe. Geschaffen hat den Bären die Berliner Bildhauerin Renée Sintenis. Der Prototyp ohne Kilometerangabe steht deshalb bis heute vor der Renée-Sintenis-Grundschule in der Grünanlage am Laurinsteig in Frohnau.Ein Verein für Berlin-FansAlle 100 Kilometer sollte einer der vom Bund finanzierten Bären-Kilometersteine aufgestellt werden - so der Plan des Verlegers Gerd Bucerius, dem damaligen Berlin-Beauftragten der Bundesregierung. So wollte er die Situation der Stadt in Erinnerung rufen. Einige Brücken aus den 30er-Jahren, die kurz vor dem Berliner Ring standen, hatten ihn auf diese Idee gebracht. In sie war nämlich auch jeweils ein Bär und die Entfernung bis in die Hauptstadt eingemeißelt.Bucerius' Plan wurde zwar nur an manchen Stellen verwirklicht, zum Beispiel an der A5 bei Frankfurt am Main, an der A2 bei Oelde sowie an der A9 in München. Aber insgesamt wurden bis 1985 hundert der Bären-Steine in der alten Bundesrepublik aufgestellt, nicht nur an Autobahnen, sondern auf Initiative des Bundes der Berliner und Freunde Berlins (BdB) auch in zahlreichen Städten Westdeutschlands. Der Verein hatte es sich nach der Berlin-Blockade zur Aufgabe gemacht, den Kontakt und die Erinnerung an Berlin wach zu halten. Vor allem der Referent für Berlin-Werbung des BdB, Ernst Theodor Damm, regte zahlreiche Stein-Aufstellungen an. So wurden beispielsweise in Göttingen, Kiel, Regensburg, Saarbrücken und Essen Kilometersteine aufgestellt. Den 100. ließ der große Berlin-Fan Damm am 17. August 1985 in seiner Heimatstadt Bad Vilbel (in der Nähe von Frankfurt/Main) errichten.Sogar in Berlin steht auf dem Mittelstreifen der Straße Unter den Eichen in Steglitz einer der Steine. Er trägt die Inschrift "Berlin-Zürich 863 km" und wurde 1958 von der Schweizer Stadt gestiftet. Manche Kilometersteine stehen noch heute, andere wurden nach der Wende abgebaut und verstauben in irgendwelchen Depots, weil man der Meinung war, in einer wiedervereinigten Republik seien sie überflüssig.Michael Damm, der 61-jährige Sohn des 1990 verstorbenen Ernst Theodor Damm, sieht das anders. Von seinem Vater muss der Frankfurter Gastronom das Berlin-Gen geerbt haben. Er studierte in den 1970er-Jahren an der Spree und hat noch immer, wie er sagt, "einen Koffer in Berlin." Damm ist der Meinung, die Bären-Meilensteine müssten wieder aufgestellt werden: "Die verkörpern die gesamte Nachkriegsgeschichte seit 1946!"Er hat sich auf die Spur der Steine begeben und zwei verschwundene wieder ausfindig gemacht: den 2005 abgebauten aus Bad Vilbel sowie jenen, der 1958 am Frankfurter Kreuz im Beisein von Willy Brandt aufgestellt wurde. Er kämpft jetzt dafür, dass sie wieder aufgestellt werden.In Bad Vilbel hat das Stadtparlament bereits beschlossen, dass der Stein wieder errichtet wird. Diese Woche soll es so weit sein - ein schönes Geschenk zum 773. Geburtstag Berlins, der am Donnerstag begangen wird. Und in Frankfurt will die CDU im Ortsbeirat heute einen Antrag stellen, den Stein wieder aufzubauen. Damm ist optimistisch, dass er durchkommt. Er will sich danach auch noch um all die anderen verschollenen Bären-Steine kümmern, in Kiel, Oldenburg oder Mönchengladbach beispielsweise. Und vielleicht sogar erreichen, dass neue aufgestellt werden - als Zeichen der Verbundenheit zwischen Hauptstadt und Provinz.------------------------------Foto: Berlin-Fan Michael Damm hat den Stein, der einst am Frankfurter Kreuz stand, auf dem Gelände einer Autobahnmeisterei wiedergefunden. Er möchte, dass er neben der Frankfurter Paulskirche aufgestellt wird - in der Berliner Straße.Foto: Bundespräsident Theodor Heuss (r.) persönlich enthüllte 1954 den ersten Berliner Bären-Kilometerstein zusammen mit Gerd Bucerius, damals Berlin-Beauftragter der Bundesregierung. Der Stein sollte Solidarität mit der geteilten, ehemaligen Hauptstadt symbolisieren.

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