Eine Attacke verändert eine Sportart: Als ein gedungener Schläger am 6. Januar 1994 in Detroit das Knie der US-Eiskunstläuferin Nancy Kerrigan mit einer Eisenstange malträtierte, ahnte er nicht, welche Folgen das haben würde. Der Angriff auf die 24 Jahre alte Sportlerin empörte nicht nur die Nation. Auch die Fernsehsender in den USA erkannten schnell das Potenzial der Geschichte.
Schon Tage nach dem Angriff, den der Ex-Ehemann von Kerrigans Konkurrentin Tonya Harding in Auftrag gegeben hatte, war der Eiskunstlauf zum Massenthema gemacht worden. Als schließlich sechs Wochen später die wieder genesene Kerrigan bei den Olympischen Spielen in Lillehammer die Silbermedaille gewann, Harding jedoch nur Achte wurde, war das der Höhepunkt des Märchens von der Eisprinzessin im Glück.
Die TV-Anstalten verzeichneten gewaltige Einschaltquoten. In fast der Hälfte aller US-Haushalte liefen damals die Fernsehgeräte – ein Wert, den für gewöhnlich nur besonders spannende Endspiele im Football liefern. Tom Collins, drei Jahrzehnte lang Chef der Show „Champions on Ice“, erinnert sich jetzt wehmütig an diese Zeiten zurück. Das Geschäft habe sich seinerzeit vervierfacht, sagt er: „Das Eiskunstlaufen wurde in die Stratosphäre katapultiert. Wir konnten gar nicht genügend Tickets verkaufen.“
So ging es jahrelang weiter, bis die Erinnerung an das bekannteste Knie der Eiskunstlaufgeschichte schließlich doch verblasste. Erst in diesen Tagen wird wieder eifrig an die „Eiskapade“, wie es eine US-Zeitung nannte, erinnert. Das liegt nicht nur am 20. Jahrestag des Vorfalls. Im kommenden Monat beginnen die Olympischen Winterspiele in Russland, und die Hoffnungen des US-Teams, Medaillen im Eiskunstlauf zu gewinnen, sind bescheiden. Da kann eine Erinnerung an das Märchen von Lillehammer schon vorab tröstlich sein.
Nancy Kerrigan übrigens hat kurz nach ihrem damaligen Erfolg mit dem aktiven Sport aufgehört. Heute kümmert sie sich um ihre drei Kinder und eine Stiftung für Sehbehinderte. Sie sagt, sie blicke selten zurück auf die Zeit, als die Eisenstange sie traf: „Ich habe nicht darum gebeten, ins Blitzlicht gerückt zu werden.“ Mit ihrer damaligen Konkurrentin hat die frühere Eisprinzessin seit 20 Jahren nicht mehr gesprochen. Tonya Harding lebt zurückgezogen auf dem Land.
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