Bringt uns Merkel“, lautete eine Schlagzeile in Athen, nachdem sich Griechenland vor einer Woche in der Fußball-EM ins Viertelfinale geschossen hatte. „So haben sich eure Schuldner für das Viertelfinale qualifiziert. Angela, sei bereit“, titelte eine andere Zeitung. Am heutigen Freitag nun trifft Griechenland auf die deutsche Mannschaft. „Spielt die Kanzlerin mit?“ Mit dieser rhetorischen Frage kommentiert Miltos Pechlivanos trocken die Zeitungsüberschriften aus seinem Heimatland.
Fußball ist nicht Politik
Der Professor für neugriechische Sprache und Literatur an der Freien Universität kritisiert, dass die Partie emotional so aufgeheizt wird. Er will sich das Spiel mit griechischen und deutschen Kollegen trotzdem anschauen. Miltos Pechlivanos ist einer von rund 10.000 Griechen in Berlin, die sich auf die Begegnung freuen – unabhängig von Schuldenkrise und Sparauflagen. Politik hat für Pechlivanos auf dem Platz nichts verloren. Auch die Wut mancher Landsleute auf die Deutschen können Berliner Griechen nur teilweise nachvollziehen.
„Natürlich gibt es in Griechenland Leute, die mit Hilfe des Fußballs ihren Frust abbauen“, sagt Chrisostomos Papadimitriou. Doch die Kritik an Deutschland – wie auch so manche harsche Schlagzeile der deutschen Boulevardpresse zu Griechenland – sei populistisch. „Dieses Niveau ist für mich nicht akzeptabel“, kritisiert Papadimitriou, der als Biologe in der Pharmaindustrie tätig ist und in Lichterfelde wohnt.
Seit 1972 lebt der 61-Jährige in Berlin, er hat eine deutsche Frau geheiratet, mit der er zwei Kinder hat, und er sagt: „Ich bin länger in Deutschland als ich in Griechenland war. Ich bin ein halber Deutscher, wir Griechen sind sehr anpassungsfähig.“ Normalerweise drückt er bei Fußballspielen den Deutschen die Daumen. „Heute schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich denke zwar nicht, dass die Griechen gewinnen, aber ich wünsche der Mannschaft, dass sie befreit aufspielt.“
Das Spiel guckt er mit seinem Nachbarn Georg Stamelos, einem Halbgriechen. Anders als Papadimitriou würde es Stamelos eine leise Genugtuung bereiten, wenn die Griechen als Sieger aus dieser Partie gingen. „Das Fußballspiel ist eine Demonstration des Selbstbewusstseins der Griechen“, sagt der 47-jährige Pressesprecher und Journalist.
Zwar seien viele der wirtschaftlichen Probleme in Griechenland hausgemacht. „Aber es ist eine Frechheit, wenn deutsche Politiker Griechenland mit einem Basar vergleichen. Ich kann durchaus verstehen, dass die Griechen meinen, so könne man nicht mit ihnen umgehen.“
Auch den vor allem von Deutschland forcierten Sparkurs hält er für zu drastisch. „Das Bruttoinlandsprodukt kann nicht gesteigert werden, wenn die Leute sich nichts anschaffen können“, sagt er. Die Griechen bräuchten eine Perspektive. Doch die finden viele nur im Ausland.
In Berlin waren nach Angaben des Statistischen Landesamtes Ende vergangenen Jahres 10.164 Griechen gemeldet – und damit rund 1000 mehr als im Jahr zuvor. Tatsächlich dürfte ihre Zahl um einiges höher sein. Denn seit dem Ausbruch der Schuldenkrise in Griechenland Ende 2009 verlassen immer mehr Leute das Land, um sich im Ausland eine Existenz aufzubauen. Allein nach Berlin kommen laut Schätzungen der griechisch-orthodoxen Kirchengemeinde monatlich 1400 Griechen.
Es sind Leute wie Panagiotis Andrianessis. Der 46-jährige Wirtschaftsjournalist ist mit Frau und Sohn im August vergangenen Jahres nach Berlin gezogen. Sie haben sich in Schöneberg eine 65 Quadratmeter große Wohnung gekauft. Andrianessis spricht fließend Deutsch. Er kennt Berlin aus seiner Kindheit. Seine Mutter hat bei Siemens gearbeitet. „Ich war schon als Junge oft im Urlaub hier.“ Er sagt, er habe sich gut eingelebt. So gut, dass er in dem Fußballspiel Deutschland die Daumen drückt. „Wir wohnen hier, wir wollen für immer bleiben, dann bin ich auch für Deutschland.“
Elena Papavasiliou formuliert es andersherum. „Ich hoffe, dass die Griechen verlieren. Ich mag es nicht, wenn sie so patriotisch sind“, sagt sie. Auch für deren Ärger über die Deutschen hat sie kein Verständnis. „Die Griechen neigen dazu, anderen die Schuld zu geben.“ Die 25-jährige Germanistin aus Athen ist im Saarland aufgewachsen und absolviert zurzeit ein zweimonatiges Praktikum in einem Berliner Reisebüro.
In zwei Monaten kehrt sie nach Athen zurück. Vor allem sozial schlecht gestellte Menschen würden unter der Krise leiden. „Für sie ist die Lage verzweifelt“, sagt sie. Elena Papavasiliou dagegen muss sich keine Sorgen machen. „Ich habe ziemlich gute Jobchancen. Zurzeit sind alle ganz heiß auf Deutsch. Sie wollen die Sprache lernen, weil sie nach Deutschland gehen wollen“, sagt sie. Es seien vor allem die jungen und gut ausgebildeten Griechen, etwa Studenten und Ärzte, die einen Neustart wagen.
Public Viewing unter Freunden
Von einem „Brain-Gain“, einem Zugewinn an klugen Köpfen, spricht deshalb FU-Professor Miltos Pechlivanos. Angesichts des Fachkräftemangels in der Medizin und der Pflege, aber auch in anderen Branchen könne Berlin vom Zuzug der Griechen profitieren, sagt Pechlivanos.
Der 47-Jährige stammt aus Thessaloniki und ist vor sechs Jahren von der Uni dort an die FU gewechselt. Er will in Berlin bleiben, „weil die Vermittlung zwischen griechischen und deutschen Positionen von immer größerer Wichtigkeit ist“. Am heutigen Spieltag hält er in Hamburg einen Vortrag über die griechisch-deutschen Beziehungen.
Im Anschluss will der Professor mit seinen Kollegen zum Public Viewing. Für welche Mannschaft er ist, will Pechlivanos nicht sagen. „Ich hoffe vor allem, dass es ein schönes Spiel wird.“
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