Stadtbild

Endlich mal Eigenbedarf, der andere nicht schädigt

Im Buchladen lernt unsere Autorin ein altes Wort neu kennen. Und dann wird ihr auch noch eine Stunde geschenkt.

Babara Weitzel
3 Min
Kann man nicht genug haben: ein Verkaufsstapel Bücher.

Kann man nicht genug haben: ein Verkaufsstapel Bücher.

© dpa

Um 9:45 Uhr stehe ich schon vor der Tür einer Beratungsstelle, in der ich um 10.00 Uhr einen wichtigen Termin habe. Da geht man auf Nummer sicher. Im Gebäude daneben befindet sich eine Buchhandlung. In der U-Bahn habe ich in der Zeitung von einem Buch gelesen, das mich interessiert. Der Neugier stehen hohe Stapel Ungelesenes im Weg. Doch der vertraute Magnetismus greift: Ich habe Zeit. Die Tür ist offen. Mehr braucht es nicht.

Ich gehe hinein, neben mir der unsichtbare Nörgler, der so verlässlich ist wie meine Maßlosigkeit in Sachen Lektüre. Mit seiner zu hohen Stimme krittelt er an mir herum. Ich halte dagegen: „Wenn es im Regal steht, ist das ein Zeichen.“ Und da steht es. Ein Exemplar. Meines. Ich gehe damit zur Kasse. „Als Geschenk?“, fragt die Buchhändlerin. „Nein, für mich“, sage ich und denke daran, dass ich mir mal ein besonders dickes Buch habe einpacken lassen, um meinen Erwerb gegenüber der Familie zu verschleiern. „Also Eigenbedarf“, sagt die Buchhändlerin. Helle Freude durchströmt mich über den neuen Klang des geläufigen Wortes. Man kennt den „Eigenbedarf“ ja eher aus dem Kontext dubioser Kündigungsverfahren. Doch jetzt: Ein neues Buch ist mein Bedarf. Ich packe es in den Rucksack, verabschiede mich strahlend und gehe in die Beratungsstelle.

Dort erfahre ich, dass mein Termin um 9:30 Uhr gewesen wäre. Ich könnte weinen. Weil ich doch auch hier Bedarf habe, Beratungsbedarf. Die Frau, mit der ich vor einer halben Stunde verabredet war, fragt: „Heute kürzer oder einen neuen Termin? In – zwei Wochen?“ Sie guckt so unglücklich, dass ich das Gefühl habe, in einen Spiegel zu schauen. Ich weiß nicht, was ich antworten soll, denn eine halbe Stunde ist zu wenig und zwei Wochen sind lang. In mein Nein hinein sagt sie, in ihrem Kalender blätternd: „Ah! Können Sie morgen?“ Jetzt fehlt nur ein Riesensonnenstrahl, der den Raum flutet. „Ja, das geht“, sage ich, innerlich der Liste von morgen den Kampf ansagend. „Mache ich eben alles heute“, denke ich.

„Und jetzt gehen Sie einen Kaffee trinken“, ermuntert mich die Beraterin. „Nehmen Sie es als geschenkte Zeit.“ Sie lächelt hinter ihrer Maske. Leicht verlasse ich das Gebäude, im Rucksack ein Buch, eine verbündete Buchhändlerin in Gestalt eines Wortneuklangs, eine Möglichmacherin, die schon vor der Beratung einen guten Rat gibt, Sonne satt und eine freie Stunde. Nichts davon muss man einpacken. Alles Eigenbedarf. Und trotzdem ein Geschenk.

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