Energie Cottbus

Trainer Schmidt kämpft gegen den Abstieg

Stephan Schmidt ist der jüngste Trainer der zweiten Fußball-Bundesliga. Jetzt will er Energie Cottbus vor dem Abstieg retten: mit Intensität, Kreativität und manchmal einem Lächeln.

Max Bosse
5 Min
Weiß auf schwarz: Die Cottbuser Fußballanhänger äußern klar ihre Vorstellung.

Weiß auf schwarz: Die Cottbuser Fußballanhänger äußern klar ihre Vorstellung.

© contrast/Behrendt Lizenz

Freitagvormittag, ein Tag vor der Abreise nach Franken, Schmidt läuft zwischen den drei Trainingsgruppen hin und her. Er lobt, feuert an. „Sauber“, „sehr gut“, genauso“, ruft der Coach. „Wir müssen uns auch mit dem Positiven befassen“, lautet seine Devise. Die Fußballer scheinen daran Gefallen zu finden. „Gut gemacht, bravo“, stimmt Julian Börner ein. Dass der Verteidiger danach seinem kroatischen Abwehrkollegen Jurica Buljat erst einmal die Bedeutung von „bravo“ erläutern muss, verrät einiges über die vergangenen Wochen in Cottbus. Buljat ist seit vier Monaten hier und hat bislang keine Möglichkeit gehabt, das Wort zu lernen.

„Wir wollten ganz oben rein und sind ganz unten angekommen“, sagt Vereinspräsident Ulrich Lepsch. Die hohen Erwartungen sollten vor der Saison Mut wecken, doch sie verwandelten sich in große Enttäuschung. Bommer fühlte sich leer und quittierte den Dienst. Die Anhänger kommen seltener ins Stadion, erstmals seit 1999 liegt der Zuschauerschnitt unter 10 000. Die Fußballer knicken unterdessen beim ersten Rückschlag ein. Gut zu sehen vor einer Woche, als gegen den FSV Frankfurt in der Schlussviertelstunde aus einem Unentschieden ein 1:4 wurde.

Alles, was Schmidt anpackt, ist ein Prozess

Auf dem Trainingsfeld wendet sich Schmidt von Börner und Buljat ab, die Pässe hinter seinem Rücken werden schludriger. „Halt! Stopp!“, der Neue schreitet sofort ein. Er kann auch schroff sein, wenn die Spieler nicht folgen. „Der neue Trainer ist ein erstes Pflänzchen“, sagt Lepsch. Die beiden besprechen sich täglich, die Hoffnung keimt.

Nun ist der 37-Jährige, den der Klubboss verpflichten ließ, keiner, der mit dem Schaufelbagger ankommt und die Mannschaft mit drei Spatenstichen aus der Abstiegszone befreit. Er ist eher einer, der den Sumpf mit Hilfe eines sportwissenschaftlich durchdachten Konzepts entwässern will. Für Cottbus ist das ein Risiko und eine Chance. Schmidt ist der jüngste Trainer der Zweiten Liga, Abstiegskampferfahrung hat er keine. Zwei Jahre trainierte er die A-Jugend von Hertha BSC, drei Jahre den Nachwuchs des VfL Wolfsburg, den er zur Deutschen Meisterschaft führte. Das Engagement beim SC Paderborn wurde 2013 nach weniger als einem Jahr beendet – wegen unterschiedlicher Zukunftsvisionen.

Alles, was Schmidt anpackt, ist ein Prozess. Das Kennenlernen, die Fitnessarbeit, das Taktiktraining. Seine Ansätze zeigen Wirkung, doch bis sie zur vollen Entfaltung kommen, wird Zeit vergehen. Zeit, die der Klub nicht unbedingt hat. Nur 13 Punkte stehen zu Buche, die Hinrunde ist bald vorüber. Ein Abstieg aber wäre fatal, denn der Wideraufstieg wäre angesichts der starken Konkurrenz und der zwangsläufigen Budgeteinschnitte sehr schwer. „Klar wäre das existenzbedrohend“, sagt Lepsch. Also gilt es, lieber gar nicht dran denken. „Das klappt!“, sagt Frank Szymanski, er ergänzt: „Wir heißen Energie und das werden wir umsetzen.“

Die Angst zerstreuen

Wir, das sind der Oberbürgermeister von Cottbus und der Klub, in dessen Verwaltungsrat Szymanski sitzt. Wir, das sind auch die Fans und die Mannschaft. Am Dienstag trafen sich etwa 200 Anhänger und die komplette Mannschaft in einer Turnhalle zur Aussprache. Das fanden alle gut, Lepsch, Szymanski und Schmidt. Der Trainer sagt: „Es gab nur ein Ausrufezeichen und das bedeutet: Gemeinsam!“

Gemeinsam gilt es für Schmidt die Angst vor dem Absturz zu zerstreuen und Unheil von der Stadt abzuwehren. Während er am Freitag das Umschalten von Abwehr auf Angriff üben lässt, tagt keine eineinhalb Kilometer entfernt die Oberbürgermeisterkonferenz der neuen Bundesländer in einem schicken Hotel. Szymanski ist der Gastgeber. Thema unter anderem: „Rolle der Städte in Ostdeutschland“. Ohne den Zweitligaklub würde Cottbus etwas fehlen. „Der Verein ist ein ganz bedeutender Imageträger für unsere Stadt und Region“, sagt Szymanski.

Seit 2006 ist er Oberbürgermeister, genauso lang lenkt Lepsch die Geschicke von Energie. Hauptberuflich steht er der Sparkasse Spree Neiße vor, deren wuchtiger Bau über den Zugang zur Altstadt wacht. 2005 hatte er den Verein mit einem Kredit gerettet, manchen gilt er als eine Art Bürgermeister der Stadt. Doch seit einem Jahr kokettiert der Präsident mit seinem Rücktritt. Bräuchte es nicht gerade jetzt in der Krise mehr Rückhalt? „Keiner läuft davon“, sagt Lepsch.

Was für den Vorstand eine Bekenntnisfrage ist, war für die Mannschaft eine Frage der Fitness. Denn Schmidt zufolge hätte das Team bei seinem Amtsantritt gar nicht weglaufen können. In Sachen Laufbereitschaft läge man auf Platz 18 der Liga, hatte er festgestellt. Das versucht er seitdem mit einem Mix aus Intensität und Kreativität zu ändern. Wobei Schmidt betont: „Kreativität bedeutet momentan auch Zweikämpfe.“ Ein Lächeln zuckt durch sein Gesicht. Das tut es immer, wenn ihm ein besonders passender Satz einfällt. Die Arbeit im Sumpf macht ihm Spaß.

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