Gerüche sind auch in sehr großem Maße an Erinnerungen beteiligt. Viele Menschen können sich über einen bestimmten Geruch in eine alte Zeit zurückversetzen, was mitunter als Proust-Effekt bezeichnet wird, weil Marcel Proust in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ geschildert hat, wie jemand von Kindheitserinnerungen übermannt wird, als er frische Madeleines – ein bestimmtes Gebäck – mit Tee riecht.
Studie: Weltweit mögen Menschen die gleichen Gerüche
Gerüche werden im sogenannten Riechhirn verarbeitet, das stammesgeschichtlich alte Teile des Gehirns umfasst. Der Geruchssinn ist neuroanatomisch anders verschaltet als alle anderen Sinne und eng verknüpft mit Hirnarealen, die emotionale Reize verarbeiten und Gedächtnisspuren speichern, etwa das limbische System. Hier liegt für viele Forscher eine Erklärung dafür, dass Erinnerungen, die mit Gerüchen verbunden sind, besonders häufig intensive Gefühle wecken.
Geruchssinn hängt eng mit Nahrungssuche und Paarung zusammen
Forscher sagen auch, dass der Geruchssinn evolutionär besonders wichtig sei, weil er mit Nahrungssuche und Paarung zusammenhänge. „Im Gegensatz zu allen anderen Sinneseindrücken gelangen die Geruchsinformationen von der Nase direkt zur Hirnrinde, ohne zuvor im Thalamus umgeschaltet worden zu sein“, heißt es in einer wissenschaftlichen Darstellung. Zur Rolle des Geruchs bei der Paarung gibt es bereits eine Reihe von Studien. Menschen, die sich „nicht riechen“ können, kommen meist auch nicht zusammen. Damit ist der körpereigene, unverfälschte Geruch gemeint. Und die „Chemie der Liebe“ wird, wie Studien zeigten, unter anderem durch bestimmte Bestandteile des menschlichen Immunsystems beeinflusst, die Humanen Leukozytenantigene (HLA). Je unterschiedlicher im Experiment die HLA-Gene zwischen zwei Probanden waren, desto attraktiver fanden Frauen ihr Gegenüber.
Aber nicht nur in der Partnersuche, auch bei Freundschaften spielt der Geruch eine wichtige Rolle. Hier geht es vor allem um Ähnlichkeit, wie eine neue Studie israelischer Forscher zeigt, die jüngst im Fachblatt Science Advances erschienen ist. Die Wissenschaftler zeigten anhand von chemischen Messungen und mit dem Einsatz „menschlicher Schnüffler“, dass enge Freunde im Durchschnitt einen ähnlicheren Geruch haben als Fremde. Das Forscherteam vom Weizmann-Institut in Rehovot konnte sogar anhand des Körpergeruchs zweier Menschen, die sich bis dato unbekannt waren, vorhersagen, ob sie bei einer Art Spiel-Experiment auf einer Wellenlänge sein würden.
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Freunde sind einander meist ähnlich. Das können wohl viele aus eigenen Erfahrungen bestätigen. Sie haben oft einen ähnlichen Sinn für Humor, ähnliche Ansichten, was Politik, Stil, Lebenspläne und anderes betrifft. Studien zeigten, dass neben Merkmalen wie Alter, Bildungsgrad, Äußerlichkeiten und Religion auch komplexere Charakteristika eine Rolle spielen: die Persönlichkeit, Werte oder Ähnlichkeiten im Erbgut. Nun also kommt der Geruch hinzu – der wahrscheinlich ebenfalls vom Erbgut beeinflusst ist, wie bei der Partnersuche.
Ähnlichkeiten beim Körpergeruch spielen besonders bei spontan entstandenen Freundschaften eine Rolle, wo der erste Eindruck zählt, so lautet die Vermutung. Die israelischen Forscher um den Neurowissenschaftler Noam Sobel sprechen von „Klick-Freundschaften“. Bei Verbindungen, die sich über einen längeren Zeitraum entwickelt haben, dürften hingegen andere Faktoren wie etwa die eigene Biografie eine größere Rolle spielen.
Geruchsprofile von engen Freunden sind auffallend ähnlich
„Nichtmenschliche Landsäugetiere beschnüffeln sich selbst und einander, um zu entscheiden, wer Freund oder Feind ist“, schreiben die Forscher zu Beginn ihrer Studie. Menschen schnüffelten auch an sich selbst und aneinander, doch die Funktion dessen sei unbekannt. „Da Menschen Freunde suchen, die ihnen ähnlich sind, haben wir die Hypothese aufgestellt, dass Menschen sich selbst und andere riechen können, um unbewusst die Ähnlichkeit des Körpergeruchs einzuschätzen, was wiederum Freundschaft fördern kann. Um dies zu testen, rekrutierten wir nicht-romantische gleichgeschlechtliche Freundespaare und sammelten ihren Körpergeruch.“
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An den Experimenten beteiligten sich 20 Freundespaare, zwischen denen es sofort nach dem ersten Kennenlernen „geklickt“ hatte. Die 40 Teilnehmer mussten Proben in Form von getragenen T-Shirts abgeben, an denen möglichst nur der eigene Körpergeruch haften sollte. Sie hatten zuvor mit unparfümierter Seife geduscht und dann zwei Nächte in den T-Shirts geschlafen. Anschließend analysierte eine elektronische Nase – ein Apparat mit Sensoren – den Geruch der T-Shirts auf verschiedene chemische Komponenten.
Für jeden Probanden wurde ein Geruchsprofil erstellt. Der Vergleich zeigte, dass die Geruchsprofile von engen Freunden deutlich ähnlicher waren als bei zufällig ausgewählten Geruchsproben. Experimente mit Menschen, die an den Proben rochen und diese nach bestimmten Kriterien und Ähnlichkeit beurteilten, bestätigten das Ergebnis.
Jeder Mensch vergleicht seinen Körpergeruch unbewusst mit anderen
Doch ist es wirklich der ähnliche Geruch, der eine Freundschaft fördert? Oder hat man vielleicht einen ähnlichen Körpergeruch, weil man befreundet ist, in derselben Gegend lebt, ähnliche Dinge isst und anderes? Um diese Frage zu klären, starteten die Forscher ein weiteres Experiment, und zwar mit 17 Probanden, die einander fremd waren. Auch sie gaben Geruchsproben ab, die von der elektronischen Nase analysiert wurden.
Ungeduscht und nah der Heimat
Außerdem mussten die Teilnehmer eine Art Spiegelbild-Spiel machen. Sie sollten sich gegenüberstellen und die Handbewegungen des jeweils anderen nachahmen, ohne miteinander zu sprechen. Danach sollten die Probanden beurteilen, ob es dabei irgendwie „klick gemacht“ habe, also eine Art Sympathie und Harmonie entstanden sei. Dabei stellte sich heraus: Bei Partnern, die nach eigenem Empfinden gut beim Spiel harmonierten, waren die Geruchsprofile im Schnitt ähnlicher. Die Forscher entwickelten sogar ein Modell, das anhand der Geruchsprofile von zwei Probanden deren Verbundenheit während des Spiels voraussagen konnte.
Wie sich Düfte auf das Gemüt auswirken
Es sei durchaus möglich, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen Körpergeruch und Freundschaft gebe, räumen die Forscher ein. Es könnte ein weiterer Faktor beides beeinflussen. Doch die Ergebnisse der Experimente seien nicht durch andere Faktoren erklärbar gewesen, etwa durch Geburtsland, Bildungsstand, chronische Krankheiten oder die Einnahme der Antibabypille. Die Forscher vermuten, dass jeder Mensch seinen eigenen Körpergeruch unbewusst als eine Art Blaupause wahrnehme und mit anderen Gerüchen vergleiche. Die Mechanismen im Gehirn wurden dabei allerdings nicht untersucht.
Wie roch eigentlich die Vergangenheit?
Um Gerüche geht es auch in einer weiteren Studie, die jüngst veröffentlicht wurde. Hier ging es nicht um Beziehungen zwischen heute lebenden Menschen, sondern um die Frage: Wie roch die Vergangenheit? Dies zu rekonstruieren, ist kaum möglich. Oder weiß jemand wirklich, wie es in steinzeitlichen Behausungen, auf einem römischen Forum, in mittelalterlichen Häusern oder einem Barockschloss roch?
Doch mittlerweile gibt es Wege, Gerüche wieder zum Leben zu erwecken, und zwar aus kleinsten organischen Überresten. „Mithilfe von biochemischen und biomolekularen Methoden ist es möglich, Gerüche und Düfte zu rekonstruieren, die einen wichtigen Teil des historischen Lebens ausmachten und menschliches Handeln, Denken und Erinnern prägten“, sagt Barbara Huber, Forscherin am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Sie ist eine der Autorinnen und Autoren einer Studie, die jüngst im Fachjournal Nature Human Behaviour erschien.
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Die Rekonstruktion der Gerüche sei wichtig, erklären die Forscher, denn man wisse zum Beispiel bisher wenig über die Bedeutung und die Eigenschaften der „besonderen Substanzen, die in der Vergangenheit gesucht, gehandelt und verwendet wurden“. Bekannt sei etwa, dass frühere Expeditionen, Fernhandel und Kriege oft das Ziel hatten, „obskure Materialien mit starken olfaktorischen Eigenschaften“ zu gewinnen. Beispiele dafür sind Weihrauch und Gewürze. Viele der Stoffe hätten bioaktive, psychologische und medizinische Eigenschaften gehabt, „deren Verständnis erst am Anfang steht“.
Harz der Myrrhe aus einem archäologischen Fund, präsentiert in einem Labor in Jena, wo Forscher den Gerüchen der Vergangenheit auf der Spur sind.
© dpa/Martin Schutt
Gerüche sind flüchtig. Und das große Problem für die Wissenschaftler ist, sie aus ihre organischen Quellen –Pflanzen, Harzen, Lebensmitteln und Körpern – wiederzubeleben. Oft sind organische Überreste mit bloßem Auge kaum sichtbar, doch Moleküle, die als sogenannte Duftarchive dienen können, lassen sich finden. Zum Beispiel in Räuchergefäßen, Parfümfläschchen, Kochtöpfen, Vorratsgefäßen, auf historischen Stadtstraßen, Müllhaufen und Körperresten, etwa auf Mumien und im Zahnstein.
Vielleicht würde man den Geruch anderer Jahrhunderte gar nicht aushalten
Diese Reste können mit modernsten Methoden der analytischen Chemie „beprobt, analysiert und identifiziert werden“. „Wir bekommen dann eine Komposition aller Moleküle – einen sogenannten chemischen Fingerabdruck der ehemaligen Duftstoffe – und können ermitteln, in welchen Substanzen diese Moleküle vorkommen“, erklärt Barbara Huber. So lasse sich nicht nur nachvollziehen, ob in einem Gefäß wirklich Weihrauch verbrannt wurde. Sondern es lasse sich auch eine Liste von Substanzen kreieren, mithilfe derer ein Geruch „nachgebaut“ werden könnte.
Zum Beispiel könnte man so die Zusammensetzung eines Parfüms aus dem alten Ägypten rekonstruieren. Oder es lasse sich ermitteln, ob bestimmte Aromen und Gewürze nur lokal vorkamen oder aus fremden Regionen importiert wurden. Was wieder Rückschlüsse auf die Handelswege möglich macht.
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Doch wie roch nun die Vergangenheit? Das wollen Wissenschaftler aus ganz Europa im EU-geförderten Projekt „Odeuropa“ herausfinden. Hier soll eine Art Enzyklopädie der Gerüche vom 16. bis 20. Jahrhundert entstehen. Dazu werden etwa Hinweise auf Produkte, Lebensmittel, Pflanzen und bestimme Szenarien gesucht, die sich in jahrhundertealten Bildern und Texten finden. „Und dann kann man schon rekonstruieren, wie eine Situation an einem bestimmten Ort war, was da gehandelt oder produziert wurde“, sagt Andrea Büttner, Professorin für Aroma- und Geruchsforschung an der Universität Erlangen-Nürnberg, die im deutschen Team von „Odeuropa“ arbeitet.
„Wenn jetzt ein Mensch von vor 500 Jahren durch eine europäische Stadt laufen würde, mit dem ganzen Autoverkehr, könnte es sehr gut sein, dass diese Person diese Gerüche gar nicht aushalten kann“, sagt Büttner. Möglicherweise ist es aber auch umgekehrt. Ein heutiger Mensch würde die intensive Geruchswelt der Vergangenheit nicht aushalten. Alles sei eine Frage der Gewöhnung, sagt Büttner. „Gerade das Riechen ist ein sehr tief verankerter Sinn, was Lernprozesse und Emotionen angeht.“ Ein Beispiel für den Gewöhnungseffekt sei der Geruch von Leder, sagt Andrea Büttner. Heutzutage könnte Leder ganz problemfrei ohne Gerbgeruch hergestellt werden. „Tun wir aber nicht, weil die Menschen gelernt haben, dass Leder nach Leder riecht, und weil sie das als Qualitätskriterium wertschätzen.“
Intensiver Geruch aus Mumifizierungsgefäßen
Es ändere die Geruchswelt massiv, wenn man nicht mehr mit Tieren im selben Haus lebe. „Und es hat natürlich einen dramatischen Einfluss, ob man Fäkalien vor der Haustür hat oder nicht“, sagt Büttner. Im Barock hätten Menschen, die es sich leisten konnten, ihren Eigengeruch mit Unmengen an Parfüm, Schminke und Pasten überdeckt, sagt Barbara Huber. Viele natürliche Aromen der Vergangenheit seien verloren gegangen, erzählen die Forscherinnen. Dafür seien industrielle Gerüche dazugekommen, die einst niemand kannte. Im Rahmen des Projekts „Odeuropa“ sollen auch Gerüche in Museen eingeführt werden – etwa in Kombination mit bestimmten Darstellungen auf Gemälden.
Barbara Huber reist immer wieder zu Museen und Ausgrabungsstätten, um möglichst frische Proben zu sammeln. Besonders faszinierend sei für sie ein Aufenthalt in einem ägyptischen Museum gewesen, erzählt sie. „Als wir da die 2500 Jahre alten Mumifizierungsgefäße geöffnet haben, ist einem sofort dieser intensive Geruch in die Nase gegangen. Damit habe ich nach so langer Zeit überhaupt nicht gerechnet.“ (mit dpa/fwt)
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