In den vergangenen Tagen sind Politiker sämtlicher Parteien in die Überschwemmungsgebiete aufgebrochen, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Erregte Flutopfern warfen manchem von ihnen – auch dem Oppositionsführer Ed Miliband – vor, sie schlügen politisches Kapital aus der Situation. Dem Chef der zuständigen Umweltbehörde EA warfen Bauern vor, er habe den Hochwasserschutz für die Landwirtschaft vernachlässigt.
Der Süden Englands erlebt den niederschlagsreichsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen,, und die Suche nach Schuldigen für die Umweltschäden beschäftigt Politik und Medien seit Wochen. In einem öffentlichen, zunehmend erbittert geführten Streit schoben sich Minister und EA-Chef Chris Smith gegenseitig die Verantwortung für Versäumnisse zu. Premier Cameron hat nach einer zweitätigen Reise durch überschwemmte Dörfer und teilweise evakuierte Küstenstädtchen nun ein Machtwort gesprochen. „Dies ist keine Zeit für Rücktritte“, verfügte er, als er wieder die Downing Street erreichte. Ausdrücklich lobte er den unermüdlichen Einsatz der Rettungskräfte, auch der EA, die zum Teil seit Weihnachten gegen die Fluten kämpfen: „Nichts ist wichtiger“, sagte er, „als mit diesem Hochwasser fertig zu werden.“
Etwa 16.000 Soldaten unter dem befehl eines Generalmajors sind nun im Einsatz, um Sandsäcke zu füllen. Cameron hat Millionen Pfund für Flutopfer und ihre durchweichten Besitztümer versprochen, Steuererleichterungen für Betriebe sowie Finanzhilfen für Landwirte in Aussicht gestellt. Freilich hat er den Leidtragenden eine „deprimierende Wahrheit“ vermitteln müssen: Es kann noch Wochen dauern, bis sich das Wetter bessert und der Grundwasserpegel langsam sinkt. „Die Lage wird sich noch verschlimmern, ehe es besser wird“, sagte er.
Politische Beobachter gehen davon aus, dass der Premier gerade noch rechtzeitig eingegriffen hat, ehe die Flut auch sein eigenes Ansehen unterspülte. Zwar ist er seit Weihnachten mehrmals in die verheerten Landschaften gereist, und der Krisenstab der Regierung hat 28 Mal getagt. Aber der politische Kleinkrieg der Schuldzuweisungen lenkte von der Katastrophenhilfe ab. Nicht zu Unrecht wurde in den britischen Medien an das Beispiel des früheren US-Präsidenten George W. Bushs erinnert: Der galt spätestens als gescheitert, als er die Hilfe für das Hurrikan-geschädigte New Orleans Anderen überließ.
Zur Taktik des Premiers gehört es in der jetzigen Lage auch, jede politische Klimadebatte zu vermeiden. Cameron hatte sich einst einen Namen als grüner Tory gemacht, der mit Husky-Schlitten zu abschmelzenden Gletschern fuhr und eine Windturbine auf seinem Hausdach anbrachte. Doch ein nicht unerheblicher Teil seiner konservativen Partei, sogar der Umweltminister, gehört zu den Skeptikern des Klimawandels. Und Widerspruch an dieser Front ist das letzte, was der Regierungschef jetzt gebrauchen kann.
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