Zelt, Klappstuhl und eine Wurststulle aus der Kühltasche. Frühere Generationen konnte man damit glücklich machen. Sie hatten kein WLAN, keine Restaurantliste und vor allem: keine Beschwerden.
Ganz anders bei den Millennials und der Gen Z. Es geht nicht mehr darum, irgendwo zu sein. Es geht darum, irgendwo zu sein, wo es exakt so aussieht wie das Moodboard auf Pinterest, das man sich vor sechs Monaten angelegt hat: Boho-Interieur, Infinity Pool mit Meerblick, vegane Chia Açai Bowl beim Frühstück.
Boomer gegen Millennials: Wer ist die tragischere Figur?
Der klassische Boomer, und Vorlage für zahlreiche Witze über deutsche Urlauber, hatte eine einzige Anforderung an den Urlaub: Schnitzel mit Pommes, und zwar am liebsten auf der Speisekarte in Deutsch ausgeschrieben. Gab es das, war alles gut. Gab es das nicht, folgten Diskussionen mit der hilflosen Bedienung auf Deutsch.
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Diese Anspruchshaltung war aber nicht aus Entitlement geboren – also dem Verhalten, zu glauben, am Urlaubsort stünden einem besondere Rechte oder Privilegien zu –, sondern aus Angst und Unkenntnis. Viele der Generation unserer Eltern und Großeltern konnten schlicht kein Englisch. Sie wollten nichts Falsches sagen und schon gar nichts Falsches bestellen.
Boomer-Lieblingsspeise: Schnitzel Wiener Art mit Pommes
© IMAGO/Manfred Segerer
Heute sind wir überinformiert, bestens in der Fremdsprache gebildet, die uns die Welt erschließt und leider auch bestens über unsere Vorlieben und Wünsche im Bilde.
Den Aperol Spritz im dickwandigen Glas mit Aperol-Aufschrift? Über meine Leiche! Ein nierenförmiger Pool? Ich will den Interiordesigner sprechen! Den Kaffee gibt es nur mit Kuhmilch? Rufen Sie sofort den Gleichstellungsbeauftragten!
Ein authentischer Italiener verliert sofort an Glanz, wenn auf der Karte nichts Veganes steht außer Pasta mit Tomatensoße (die natürlich nicht glutenfrei und proteinreich zugleich ist). Und nichts zerstört die mühsam aufgebaute Urlaubs-Ästhetik schneller als schwarze Korbmöbel auf der Terrasse. Da nützt auch der schönste Sonnenuntergang nichts mehr. Unbewohnbar. Unfotografierbar.
Wir haben mehr Optionen als jede Generation vor uns
Wir haben Buchungstools und Hotelvergleicher, wir folgen 47 Reise-Influencern, die uns zeigen, wie der perfekte Urlaub auszusehen hat – und dann wundern wir uns, dass der echte Urlaub dagegen verliert. Dass das Hotel in Wirklichkeit kleiner ist. Die Terrasse windiger. Der Pool nicht ganz so infinity.
Gardasee im Jahr 1960: Da war die Welt noch in Ordnung und die Ansprüche niedrig.
© Seyfferth
Das Problem an der Sache: Das echte Leben hat keinen Filter. Der Infinity Pool ist manchmal kälter als gedacht, das Boho-Interieur entpuppt sich als billiges Sperrholz, und der Italiener hat nur Kuhmilch.
Unsere Großeltern hatten kein Referenzbild im Kopf, als sie im Urlaub ankamen. Deshalb war der Gardasee für sie immer schöner, als sie es sich vorgestellt hatten. Wir dagegen reisen mit einer Checkliste an, die kein realer Ort der Welt jemals erfüllen kann.
Vielleicht sollten wir im nächsten Urlaub einfach mal ein Experiment wagen: Die Wurststulle einpacken. Das Schnitzel bestellen. Den Cappuccino mit ganz normaler Kuhmilch trinken (wenn wir es körperlich vertragen). Und das Handy einfach mal in der Tasche lassen, statt dem Kellner im Kopf schon die Zwei-Sterne-Bewertung zu schreiben.
Aber Vorsicht: Es könnte passieren, dass wir unseren Urlaub tatsächlich genießen.
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