Leo & Gutsch

Und dann landet die Blautanne bei den Fledderern von der BSR

Fallen Sie nach Weihnachten auch immer ins Stimmungstief? Sie sind nicht allein.

Maxim Leo
4 Min
Und tschüss: Nach Weihnachten landen die Bäume auf der Straße und werden von der Stadtreinigung abgeholt.

Und tschüss: Nach Weihnachten landen die Bäume auf der Straße und werden von der Stadtreinigung abgeholt.

© dpa

Heute morgen liefen zwei Männer von der Stadtreinigung durch unsere Straße und sammelten die Weihnachtsbäume ein. Sie packten die Bäume achtlos an den Stämmen und warfen sie in den Schlund ihres Müllautos. Auch unsere schöne Blautanne war dabei. Im Müllauto werden die Bäume zusammengepresst, die Zweige brechen, die prächtige Krone knickt ab, im Nu ist aus einem stolzen Weihnachtsbaum ein elendes Bündel geworden.


Leo & Gutsch

Wöchentlich wechselnd liefern sich Maxim Leo und Jochen-Martin Gutsch einen kolumnistischen Schlagabtausch. Leo war viele Jahre lang Redakteur der Berliner Zeitung im Ressort Seite 3/Magazin, Gutsch arbeitet für das Gesellschaftsressort des Spiegels.

Gemeinsam veröffentlichten die beiden bereits die Bücher „Single. Family. Zwei Männer. Zwei Welten. 66 wahre Geschichten", „Sprechende Männer" und zuletzt „Es ist nur eine Phase, Hase".

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Mich macht das traurig, weil es so brutal zu Ende geht. Eben noch stand die Blautanne bei uns im Wohnzimmer, erfreute uns mit ihrem harzigen Geruch, mit ihrem dichten Nadelkleid. Eben noch saßen wir im Schein der Kerzen, wickelten die Geschenke aus, die sich am Fuße der Tanne auftürmten. Eben noch gehörte die Blautanne zur Familie, jetzt lassen wir sie sterben, übergeben sie den Leichenfledderern von der BSR, die sie zum Heizkraftwerk schaffen. Dies wird der letzte Gruß unseres treuen Gesellen sein – ein kurzes Glucksen nur im Heizungsrohr.

Ich weiß, ich klinge gerade ein wenig schwermütig, das ist die verdammte Tannen-Trauer. Schon die Tage vor dem Abtransport tun mir in der Seele weh, wenn die Baumleichen am Rande des Gehweges liegen. Unsere Blautanne habe ich am 1. Januar hinuntergebracht. Dort lag sie dann, in den Resten der Feuerwerkskörper, den bebeilten Baumstumpf anklagend in die Höhe gerichtet. Ich habe sie zwei Häuser weiter abgelegt, weil ich sie nicht jedes Mal sehen wollte, wenn ich die Haustür öffne.

Neues Konzept für Weihnachten

Am allertraurigsten macht mich, dass alles so schnell vorbeigeht. Weihnachten könnte ich locker fünf bis sechs Monate feiern. Diese ganze dunkle Zeit hindurch könnte ich Glühwein trinken, Rosinenstollen essen, Kerzen anzünden, mit Nadja „Oh Tannenbaum“ vierhändig auf dem Klavier spielen und geheimnisvoll mit Geschenkpapier rascheln. Wenn nach Weihnachten direkt der Frühsommer käme, dann wäre das alles viel besser zu verkraften.

Im Moment zerfällt der Berliner Winter doch in zwei Teile: Es gibt den optimistischen Vorfreude-Winter, an dessen Ende Weihnachten steht. Und es gibt den depressiven Ach-du-Scheiße-jetzt-dauert-das-alles-noch-mindestens-vier-Monate-Winter, der jetzt beginnt, und den man irgendwie überleben muss.

Bisher war es bei mir immer so, dass der Zauber des ersten Winterteils noch ein bisschen in den zweiten Teil hineinschwappte und die Sache erträglicher machte. Bis Anfang Februar aß ich die Stollen- und Lebkuchenreste und leerte die vom Weihnachtsmann überbrachten Whiskeyflaschen. Dann kamen die Skiferien, und dann war der Frühling ja praktisch schon da. Es gelang mir also, einige optimistische Grundelemente in die depressive Phase hinüberzuziehen.

Das ist leider anders geworden. Neuerdings muss ich schon in der letzten Phase des ersten Winterteils an den beschissenen zweiten Teil denken. Ich weiß nicht, woran das liegt, aber es ist so.

Noch eine andere Sache ist übrigens heute passiert, die meine Weihnachtsromantik ähnlich brutal ins Wanken brachte. Meine Frau Catherine fragte mich, ob ich zufällig noch den Kassenzettel für den Pullover hätte, den ich ihr zu Weihnachten geschenkt habe. Ich fragte, ob ihr der Pullover nicht mehr gefalle. Catherine sagte: „Doch, doch, also eigentlich schon.“ Ich sah sie prüfend an und erinnerte sie daran, wie sie am Weihnachsabend in meine Arme fiel und rief: „Das ist der schönste Pullover, den ich je gesehen habe!“ Catherine schien sich daran überhaupt nicht erinnern zu können. Sie schüttelte ungläubig den Kopf und sagte: „Na ja, es war Weihnachten, wahrscheinlich war ich betrunken.“

Ich versuche jetzt, irgendwie aus diesem Stimmungstief herauszukommen, die Enttäuschung und das Leid zu vergessen. Wenn Sie, liebe Leser, ihren Weihnachtsbaum noch im Wohnzimmer stehen haben und nichts dagegen hätten, wenn ich von Zeit zu Zeit vorbeikomme, um ein Becherchen Glühwein im Schatten ihrer Tanne zu zwitschern, dann bitte ich um baldige Nachricht.

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