Erich Böhmes Betrachtungen zum Wochenende

Ratte und Wurst

BLZ
3 Min

Nächste Woche beginnt der bunteste Jahrmarkt der Republik, die Frankfurter Buchmesse. Jährlich war ich dort Gast. Nun mag ich nicht mehr hingehen. Denn Deutschlands Verleger sind auf die schiefe Bahn geraten. Sie endet im Rotlichtviertel. Wie das?Ich möchte nicht Zeuge sein, sollte der Musik-Prol Dieter Bohlen seinen zweiten "publizistischen" Bankert gebären, in dem er seine Partner, seine Weiber und Gott und die Welt zuscheißt. Zwar hat ein Hamburger Gericht die Auslieferung des Schinkens vorläufig gestoppt, doch der kongenialen Bild-Zeitung gab er bereits zu Protokoll, sein langjähriger Kompagnon Thomas Anders sei eine "Kanalratte". Der gab zurück: "Du arme Wurst". Und im dritten Fall Einzahl gestand der Buch-"Autor": "Will er sich denn unbedingt die Taschen voll machen? Antwort: Ja, klar." Und auch die seines Verlages, der dem Renommierhaus Bertelsmann gehört. Wo übrigens beim Buch-Label Limes die "Memoiren" des achtzehnjährigen Schlager-Tölpels Küblböck erschienen sind: "Ich lebe meine Töne". Soll er, aber warum muss daran eine ahnungslos unglückliche Leserschaft teilhaben? Und warum soll ich Pate stehen?Bohlens Bettgenossinnen sind ebenfalls gleich paarweise schwanger geworden. Nadja Abd El Farrag gibt beim Herbig-Verlag "Ungelogen" zu Protokoll. Und die Blubb-Verona beschreibt beim einst angesehenen Knaur-Verlag die Geburt des "kleinen Feldbusch", der Rio de Janeiro oder so ähnlich heißt. Und wo bleiben die Memoiren der großen Hollywood-Aktrice und Darmzählerin Susan Stahnke? Will sie noch, oder hat sie gar schon?Die Juhnke-Strohwitwe Susanne erinnert sich (überflüssig) ihrer "guten und schlechten Tage" mit dem alkoholkranken Entertainer (Droemer Verlag) samt TV-gerechtem Zusammenbruch bei Beckmann. "Ich hab s allen gezeigt" brüllt Stefan Effenberg bei Rütten und Loening, der Tochter des einstigen DDR-Renommier-Verlages Aufbau. Was hat er gezeigt? Den berüchtigten Mittelfinger der rechten Hand? Ich weiß es nicht, will auch nichts davon wissen, nichts von den Verlegern, die sich daran gegeben haben, Deutschlands Society-Gülle auszusüffeln.Wochen-, monate-, jahrelang haben die Gerichte damit verbracht auszuloten, ob eine türkische Lehrerin mit Kopftuch unterrichten darf oder den Fetzen ausziehen muss, um deutsche Teenies nicht mit muslimischem Gedankengut zu verseuchen. Wer eigentlich klagt die deutschen Verleger samt ihrer Kotz-Küblböcks an, die geistige Landschaft zu verseuchen? Wer fällt den Umwelt-Verschmutzern in den Arm? Oder fällt das alles unter den Grundgesetzartikel fünf, der jedem das Recht zugesteht, "seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern"? Na, dann guten Appetit.Und wer schützt Finnlands Wälder vor dem unkontrollierten Holzeinschlag zu Gunsten der Papierproduktion für die literarischen Ergüsse der geistigen Pauverté? Ihr Grünen, an die Front! Aber was soll s, die sind gerade mit dem Büchsenpfand beschäftigt. Vielleicht müssen wir uns selbst aufraffen, lassen die Buchmesse links liegen, lassen die Trash-Verleger auf ihren immensen Druckauflagen sitzen. Leser aller Länder vereinigt euch! Na ja, die Welt läuft weiter - und die Druckmaschinen auch.Vielleicht nur deshalb, weil auf diese unkonventionelle Weise pisa-unterbelichtete Nichtleser, die auch unter Androhung von Strafen nie zu einem Buch greifen würden, zu Lesern umerzogen werden könnten. Könnten . Denn wer mag garantieren, dass Küblböck aus einem Analphabeten einen Alphabeten formt.Erich Böhme

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