In einer Zeit, in der Europa fast acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und zweieinhalb Jahrzehnte nach den Jugoslawienkriegen erneut von Konflikten heimgesucht wird, stellt sich die brisante Frage: Haben wir tatsächlich aus unserer Geschichte gelernt? Der russische Angriff auf die Ukraine hat unsere vermeintliche Sicherheit und die Überzeugung, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen zu haben, erschüttert.
Das Europäische Netzwerk Erinnerung und Solidarität (ENRS) befasst sich mit dieser drängenden Thematik in seinem Forum „What’s the point of history… if we never learn?“ Das Forum trägt den Untertitel „Dialogue, Remembrance and Solidarity in Europe. New Challenges for Public History and Historical Education“ und findet am 16. und 17. Oktober im Humboldt Forum in Berlin statt.
Das kommende internationale populärwissenschaftliche Forum „What’s the point of history… if we never learn?“ verdankt seinen Namen einem Rap-Text, den Jugendliche während des ENRS-Projekts „Sound in the Silence“ in Gusen verfasst haben. Der Titel, „Was nützt diese Geschichte, wenn wir nicht viel lernen?“, reflektiert die Bedenken der jüngeren Generation und ruft zur kritischen Auseinandersetzung auf.
Historische Narrative variieren nicht nur zwischen Ländern, sondern auch innerhalb verschiedener gesellschaftlicher Gruppen. Diese vielfältigen Sichtweisen auf die Vergangenheit beeinflussen maßgeblich unsere Wahrnehmung der Gegenwart und die politische Landschaft in Europa.
Die politische Herangehensweise einzelner Staaten an die Geschichtsaufarbeitung steht in stetigem Dialog mit den Erinnerungspraktiken der Zivilgesellschaft. Ist es überhaupt möglich, angesichts dieser Unterschiede in unseren Erfahrungen und Erzählungen ein gemeinsames Erinnern zu etablieren?
Eine zentrale Frage ist, wie die europäischen Erinnerungspraktiken und die historische Bildungsarbeit angesichts der komplexen Migrationsbewegungen der letzten Jahre weiterentwickelt werden sollten. Wie können wir unsere Geschichte so vermitteln, dass sie den vielen Menschen gerecht wird, die in den letzten Jahren nach Europa immigriert sind?
Das bevorstehende Forum widmet sich dieser Vielfalt der Perspektiven in Europa und den Herausforderungen in Bezug auf Geschichtsvermittlung im öffentlichen Raum sowie in der Bildung. Im Mittelpunkt steht die gemeinsame Auseinandersetzung mit der europäischen Vergangenheit und ihrer Bedeutung für unsere gemeinsamen Werte: Wahrheit, Frieden, Demokratie, Freiheit und Toleranz. Das ultimative Ziel ist die Förderung einer Kultur des Erinnerns, die Unterschiede respektiert, nach Gemeinsamkeiten sucht und durch offenen Dialog die Verständigung und Solidarität in Europa stärkt.
Das Forum wird organisiert in Zusammenarbeit mit der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, der Botschaft von Rumänien in der Bundesrepublik Deutschland und der Botschaft der Republik Polen in Berlin.
Neben dem Forum ist das Netzwerk diesen Herbst und Winter sehr aktiv in Deutschland. In der ersten Oktoberwoche begann das Bildungsprojekt „Sound in the Silence“ im Haus der Wannsee Konferenz. Gymnasiasten und ihre Lehrer aus Kroatien, Deutschland, Polen und Rumänien lernen gemeinsam die Geschichte dieses Ortes kennen und bereiten anschließend in Workshops mit Künstlern aus den USA, Großbritannien, der Ukraine und der Slowakei eine Aufführung vor. Anfang Oktober wurde die Open-Air-Ausstellung „Nach dem großen Krieg. Ein neues Europa 1918–1923“ in Bremen eröffnet und bleibt dort bis zum 29. Oktober. Die nächste große ENRS-Ausstellung „Zwischen Leben und Tod. Geschichten von Rettung während des Holocaust“ wird am 17. Oktober eröffnet und kann bis zum 15. Dezember an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin besucht werden. Jedes dieser Events ist kostenlos für seine Besucher.
Seit 2005 widmet sich das ENRS vor allem der Verbreitung des Wissens über die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Europa, insbesondere im Kontext von Diktaturen, Kriegen und Unterdrückung. Gegründet wurde das Netzwerk von den Kulturministern Deutschlands, Polens, der Slowakei und Ungarns, dem später Rumänien beitrat. Seit 2010 werden die Projekte vom Sitz in Warschau unter der Leitung von Rafał Rogulski koordiniert.
Text von Agnieszka Osiak