Eröffnung der Badesaison

Mutige planschen bei elf Grad Celsius

Im Strandbad-Wannsee wurde mit dem traditionellen „Anbaden“ die Saison eröffnet.

Juliane Meißner
5 Min
Freudestrahlend und erfrischt sind die Anbader nach ein paar Minuten wieder aus dem Wasser gekommen.

Freudestrahlend und erfrischt sind die Anbader nach ein paar Minuten wieder aus dem Wasser gekommen.

© Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Die 18-jährige Jackie Paetzel ist die erste, die in diesem Jahr im Wannsee gebadet hat. Schnell folgen ihr die anderen Unerschrockenen ins Wasser. So stehen um kurz nach 10 Uhr vormittags etwa 20 Frauen und Männer bis zu den Schultern im Wannsee und planschen. Die meisten von ihnen bleiben etwa fünf Minuten im Wasser.

Vor dem Strandbad-Wannsee stand eine kleine Schlange von Anbadern.

Vor dem Strandbad-Wannsee stand eine kleine Schlange von Anbadern.

© Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Am Ufer stehen – dick eingepackt – ihre Begleiter, mit Mütze, Schal und Thermoskannen. Die Handtücher für die Anbader haben sie in Griffweite. Aber als die ersten Mutigen wieder aus dem Wasser kommen, wird erst einmal geklatscht. Einige der Badenden reißen die Arme zum Jubel in die Höhe. Wie auch Jackie Paetzel.

„Das Wasser war super kalt, es hat sich angefühlt wie tausend Nadelstiche“, sagt sie und hüllt sich in ihr Handtuch. Kalt sei ihr aber nicht, im Gegenteil. Die 18-Jährige hat keine große Eile, wieder in ihre Sachen zu schlüpfen. Zusammen mit ihrer Freundin ist sie aus Pankow zum Strandbad gefahren. Nicht zuletzt deshalb, weil die ersten zehn Besucher eine Freikarte für die Sauna bekommen sollten. Aber für Jackie Paetzel, die erst am Vortag vom Anbaden in Wannsee erfahren hat, geht es vor allem um eins: „Um später einmal sagen zu können, dass ich bei so einer Aktion dabei war.“

„Auf Hawaii baden kann jeder“

Auch Agnes Saß kommt freudestrahlend aus dem Wasser, ihr Mann reicht ihr sofort das Handtuch. „Mit der Kälte habe ich gerechnet, aber man läuft doch recht lang, bis man im tiefen Wasser ist – man will ja endlich eintauchen.“ Aber toll sei es, wenn alle hineinrennen und sich dann gegenseitig anstrahlen.

Für Agnes Saß, die mit ihrem Mann in Schlachtensee wohnt, waren die kühlen Temperaturen keine große Hürde. Sie möge es lieber kühl statt heiß, darum sei sie im Urlaub auch gern in Skandinavien unterwegs.

„Und auf Hawaii kann ja jeder in die Fluten springen“, sagt Agnes Saß und lacht. Aber mit dem kühlen Wannsee will sie sich nicht zufrieden geben: „Als nächstes kommt Eisbaden, aber das weiß mein Mann noch nicht.“

Freunde und Verwandte haben mit Handtüchern und Smartphone auf die Wagemutigen gewartet.

Freunde und Verwandte haben mit Handtüchern und Smartphone auf die Wagemutigen gewartet.

© Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Der steht etwas weiter weg und schaut, wer sich noch ins Wasser traut. Auf die Frage, ob Agnes Saß nochmal baden geht, blickt sie zu ihrem Mann, der sich wieder zu ihr gestellt hat. Sie fragt, halb an sich, halb an ihn gerichtet: „Gehe ich nochmal?“ Er antwortet: „Klar, jetzt wo du schon mal hier bist.“ Sie nimmt das Handtuch von den Schultern, gibt es ihrem Mann und rennt zum Wasser.

Gelassen sieht sich Frank Archie das Geschehen an. Der 51-Jährige ist Schwimmmeister und arbeitet seit elf Jahren im Strandbad, seit September vergangenen Jahres wohnt er sogar da. „Auf die Saisoneröffnung hier habe ich mich gefreut. Aber ganz so euphorisch wie die Badegäste bin ich nicht. Für uns wird es ja hier schnell zum Alltag“, erklärt Archie. Zum Anbaden kämen meistens etwa 15 bis 25 Leute, also wie in diesem Jahr auch.

Nicht lange zögern

Für die Anbader, so vermutet Archie, motiviere vor allem der Kick, bei diesen Temperaturen baden zu gehen. Die Leute seien völlig euphorisch, wenn sie aus dem See kommen. „Man merkt auch, wer zum ersten Mal da ist und wer das schon mal gemacht hat – also ob die Leute langsam oder schnell ins Wasser gehen.“

Für Peter Rüttgerdt ist klar: „Beim Reingehen darf man nicht lange überlegen.“ Der 71-Jährige spricht aus Erfahrung. Seit etwa 40 Jahren ist er Rettungsschwimmer. Angefangen hat er damit in seiner Heimatstadt an der Ostsee, in Kühlungsborn, seit 1972 war er dann in Berlin aktiv. Auch jetzt noch, wenn er von der Wasserrettung des Arbeiter-Samariter-Bundes gebraucht wird, behält er die Besucher am Seddinsee im Blick.

„Wenn die Badesaison losgeht, dann ist das Wasser noch nicht warm. Da muss man ja als Rettungsschwimmer trotzdem rein, wenn etwas passiert.“ Peter Rüttgerdt, der sein rotes Basecap vom Samariter-Bund sogar im Wasser trägt, war im Wannsee nicht nur planschen, sondern ist auch ein paar Bahnen geschwommen.

Mit dicker Jacke und Kapuze ließ sich das Treiben auch vom Strandkorb aus gut beobachten.

Mit dicker Jacke und Kapuze ließ sich das Treiben auch vom Strandkorb aus gut beobachten.

© Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Wie auch Jaqueline Jänicke und ihr Mann, die extra aus Potsdam zum See geradelt sind. Für die 51-Jährige haben sich die elf Grad Celsius Wassertemperatur aber angenehm angefühlt. Und das nicht ohne Grund: Jaqueline Jänicke ist Vizeweltmeisterin im Winterschwimmen. Im Januar vergangenen Jahres ist sie dafür ins sibirische Tjumen gereist und hat beim Brustschwimmen über 50 Meter den zweiten Platz geholt.

„Das Wasser da war 0,2 Grad Celsius kalt. Aus dem Becken wurden Eisblöcke rausgeschlagen, damit man mehrere Bahnen für die Schwimmer hatte.“ Bei diesen Temperaturen spüre man im Wasser seine Finger nicht mehr. „Aber wenn man es dann geschafft hat, ist es einfach ein schönes Gefühl.“ Damit spricht sie den Anbadenden vermutlich aus der Seele.

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