RIGA. Drückt man es positiv aus, dann könnte man sagen, Rigas Markthallen haben für jeden etwas zu bieten. Die Obststände sehen nicht anders aus als etwa in einem kalifornischen Supermarkt: In den Körben liegen Bananen und Pflaumen, Birnen und Nektarinen, Äpfel und Ananas. Ein Teil der Ware stammt aus heimischer Ernte, ein anderer Teil ist importiert. Garantiert aus einheimischer Produktion kommt das Angebot auf den winzigen Tischchen vor den Markthallen. Alte Bäuerinnen in noch älteren Mänteln hocken auf ihren Stühlen und bieten das Fallobst aus dem eigenen Garten an. Ein wirklich gutes Geschäft kommt weder drinnen noch draußen zustande.Die auf Hochglanz polierten Früchte auf den großen Tischen drinnen sind zu teuer, zumindest für lettische Löhne. Das Obst auf den kleinen Tischchen draußen ist so billig, dass die Bäuerinnen nach einem langen Arbeitstag meist nur ein paar Cent eingenommen haben. Immerhin, die Pilzernte war gut in diesem Herbst, und viele Rentner haben mit dem Verkauf von Pfifferlingen, Maronen und Steinpilzen ihre Bezüge etwas aufbessern können. Doch was für ein Absturz: Vor ein paar Jahren noch schien Lettland auf dem Weg zu einem hochmodernen internationalen Finanz- und Dienstleistungszentrum. Jetzt hat die Naturalienwirtschaft wieder Einzug gehalten.Kein Land in Europa ist von der Finanzkrise so hart getroffen worden wie die mittlere der drei baltischen Republiken. Fast die halbe Bevölkerung gilt laut offiziellen Statistiken als arm. Um 18 Prozent schrumpfte das Volksvermögen im Vorjahr, um ein Viertel insgesamt seit dem Höhepunkt des Booms 2007. Kein Land hatte allerdings davor auch so zugelegt wie Lettland: Vier Jahre lang hatte es zweistellige Zuwachsraten gegeben. Doch die kamen nicht dank Produktion und Export zustande, sondern aufgrund einer Immobilienblase. Und finanziert war alles auf Pump, mit Krediten, die vor allem schwedische Banken nur allzu gerne auf den scheinbar unersättlichen Wachstumsmarkt pumpten. Jetzt ist der Aufschwung wieder ausradiert, Lettlands Wirtschaftsleistung ist wieder auf dem Niveau von vor dem EU-Beitritt 2004. Nur mit einem radikalen Sparprogramm hat die Regierung unter Premier Valdis Dombrovskis den 7,5-Milliarden-Euro-Kredit der EU und des Internationalen Währungsfonds erkaufen können, mit dem sie Lettlands Ruin noch einmal abgewendet hat. Alles ist zerronnen, was das Land in den letzten Jahren gewonnen hatte."Mein Lohn ist um 40 Prozent gekürzt worden, und ich hatte noch Glück, dass meine Schule nicht geschlossen wurde", sagt DaigaS., Mathematiklehrerin in Riga. Sie lebt mit ihrer Tochter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Die Mieten stiegen, die Preise für Heizung und Strom auch: "Was ich verdiene, geht für die Wohnung drauf, und ich weiß nicht, wie wir über den Winter kommen sollen", sagt sie."In meiner Familie bin ich die Einzige, die noch Lohn bekommt", klagt auch Aviva G., Werbekauffrau. Ihr Mann verdient ein paar Lat schwarz mit Reparaturarbeiten, aber auch seine Kunden haben kein Geld. Der Sohn studiert noch, ihm muss Aviva ständig etwas zuschießen. Die Tochter hat ihren Job verloren, nun zahlt die Mutter ihr die Miete und den Kindergarten für die Enkelin. "Ich hatte vier gute Freundinnen, wir hielten immer zusammen", sagt Aviva. "Eine von ihnen arbeitet im Rathaus, auch ihr Lohn wurde gekürzt, aber sie hat wenigstens noch ein Einkommen. Die zweite ist arbeitslos. Die anderen beiden sind ausgewandert."Nach offiziellen Zahlen arbeiten allein 40000 Letten auf den britischen Inseln. Nach inoffiziellen Angaben haben etwa 200000 Menschen die Heimat verlassen - von einer Bevölkerung von nur 2,2 Millionen. Ärzte reisen aus, um anderswo das Zehnfache zu verdienen. Lehrer pflücken in Spanien Orangen, statt daheim Kinder zu unterrichten. Architekten stehen in Irland auf dem Bau. Jetzt gehen auch die Studenten in großen Scharen. "Die Senkung der Löhne führt dazu, dass die besten Lehrkräfte die Schulen und Unis verlassen", sagt Jurita K., die Wirtschaft studiert. "Da fürchtet man um die eigene Ausbildung und sucht sich einen Studienplatz im Ausland."Rest-Lohn im BriefumschlagTrotz dieses düsteren Panoramas sähen die Letten keine Alternative zum Sparkurs, erklärt Morten Hansen, Professor an Rigas Wirtschaftsfakultät. Das beweise die Wiederwahl der konservativen Regierungskoalition am vergangenen Wochenende. "Die Zeiten sind hart, aber die Leute erinnern sich noch an die ersten Jahre der staatlichen Selbstständigkeit, und damals war es noch viel härter, gar kein Vergleich." Die wenigen Jahre mit den teuren Häusern, den schicken Autos und den großen Reisen seien ein kurzer Traum gewesen, doch für die Letten noch nicht der Normalzustand. "Die halbe Bevölkerung hatte auch auf dem Höhepunkt des Booms überhaupt keine Schulden, weil sie zu arm war, sich Geld borgen zu können", sagt Hansen.Die Krise trifft vor allem die Mittelklasse. Wer 2006 ein Haus kaufte und sich vielleicht auch noch ein Auto aufschwatzen ließ, hat nun 60bis 70 Prozent seines Vermögens eingebüßt. Die Kredite muss er trotzdem in voller Höhe zurückzahlen. Auch wenn jetzt der Lohn gekürzt wird. Auch wenn jetzt die Frau den Job verliert.Doch die Letten sind gewohnt, sich durchzuwursteln. Manch ein Arbeitgeber zahlt seinem Mitarbeiter offiziell nur den Mindestlohn von 180 Euro und steckt ihm den Rest im Briefumschlag zu. So erspart er sich ein Drittel der Restsumme an Sozialabgaben, und der Mitarbeiter behält die 28 Prozent Lohnsteuer für sich. Dass die gähnend leere Staatskasse sich so nicht wieder füllen kann, ficht viele nicht an. Sie sehen das Schwarzgeld als Selbstverteidigung gegen den "Räuberstaat". "43 Prozent der Bevölkerung zahlen keine Steuern", klagt Solvita Aboltina, die Fraktionschefin des regierenden Einheitsblocks.Eine Kürzung der Renten hat das Verfassungsgericht verboten, doch an eine Erhöhung ist bei der derzeitigen Budgetlage nicht zu denken. 60 Euro bekommt die alte Frau vor der Markthalle im Monat. Sorgsam poliert sie die vor ihr ausgebreiteten Äpfel, damit die braunen Flecken nicht zu auffällig sind. Dann nimmt sie Wolle aus der Tasche und strickt. Vielleicht kauft ihr ja jemand ein paar warme Socken ab.------------------------------Sparen, bis es quietschtDie lettische Regierungskoalition hat sich verpflichtet, die öffentlichen Ausgaben drastisch zu kürzen.Obwohl dieser Kurs wenig populär ist, konnte sie bei der Parlamentswahl am vergangenen Sonntag ihreMehrheit verteidigen.Das Haushaltsdefizit von neun Prozent soll bis 2011 auf sechs und bis 2012 auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken. "Das geht nur mit weiteren drastischen Einschnitten", sagt Premier Dombrovskis.Die wirtschaftliche Talfahrt ist zwar gebremst, aber noch nicht vorbei. Der Konsum erholt sich nicht, weil die Bürger um ihre Jobs bangen und nur das Nötigste kaufen. Die Arbeitslosenrate liegt bei 19 Prozent.------------------------------Foto: In Riga bessern sich diese Frauen mit kleinen Verkäufen die Rente auf.
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