Soul-Rock

Erst die DDR und dann die BRD abschaffen? Ost-Band Die Zöllner thematisiert Gesellschaftsspaltung

Mit dem Album „Portugal“ verhandelt die Ost-Berliner Soul-Rock-Band Die Zöllner Polarisierung und Utopie. Und warum ist Gott eine pechschwarze Frau?

5 Min
Will die Übersicht behalten: Dirk Zöllner hochauf.

Will die Übersicht behalten: Dirk Zöllner hochauf.

© Johanna Bergmann

Auf dem Albumcover von „Portugal“ sitzt ein bärtiger Seebär mit Kapitänsmütze in einem Fischerdorf. Das erste Stück „Misst“ beginnt als Schunkel-Shanty über einen Mann, der sich in eine Frau verliebt, die aber Frauen liebt. Sind Die Zöllner etwa zu singenden Seefahrern geworden, getrieben von Fernweh und Meeresromantik? Bandleader Dirk Zöllner wohnt mit seiner Familie an der Dahme und besitzt sogar selbst ein Boot. Er gibt zu, dass der Textautor Jürgen Gutsch, von dem die Vorlage zu „Misst“ stammt, tatsächlich eine Vorliebe für maritime Themen hat. Doch auf das Album habe das keinen Einfluss gehabt: „Unser Portugal steht für einen Ort der Träume – in Europa so weit gen Westen, wie es nur geht.“

Die Textidee zum Titelsong (der mit dem Refrain endet: „Hier ist es zu kalt und viel zu schnell, doch wir könnten nach Portugal fliehn!“) kam aber von einem befreundeten Dichter. Andreas Hähle hatte vor einigen Jahren eine Art Requiem für einen verbitterten Leipziger Wendehelden geschrieben. „Der hatte 1989 die DDR mit abgeschafft und wollte nun Deutschland abschaffen!“, fasst Dirk Zöllner zusammen. Im Jahr 2019 verstarb dann Andreas Hähle. Dirk Zöllner hatte immer gern mit ihm kooperiert und wollte mit dem Weiterspinnen des Textes den Tod des Freundes gewissermaßen ignorieren.

Zöllner holte die Idee nach Berlin und begegnet im Songtext nun einem Paul, der zu Demonstrationen „gegen die Führung“ aufruft. Damit meint Paul: „Die Einheitspartei! Jamaica, Ampel oder wie die grad heißen! Dieser ganze rotgrüne Brei!“ Obwohl dieser Song eine Art Rollenspiel ist und Dirk Zöllner hier eine andere Person reden lässt, thematisiert das Stück nicht nur die gesellschaftliche Polarisierung, sondern polarisiert sogar innerhalb der Band. „Vor allem die im Westen sozialisierten Kollegen haben ein Problem damit“, erläutert Zöllner. „Die Musiker aus dem Osten sehen es lockerer, sie kennen ja Abgehängte wie Paul.“ Der Musiker hält einen gesellschaftlichen Neuansatz statt der Spaltungen für möglich, ja für nötig.

Instrumentiert ist die Begegnung mit Paul wie eine opulente Show-Nummer. Musikalisch haben Die Zöllner wieder sehr eng zusammengefunden – das Gros des Albums wurde in einer zehntägigen Session während des Lockdowns entworfen. Dirk Zöllner hatte Gedichtbände von Autoren mitgebracht, die ihm schon länger aufgefallen waren, etwa von Henry-Martin Klemt aus Frankfurt (Oder). Mitspieler wie Keyboarder André Gensicke und Gitarrist Lars Kutschke brachten musikalische Entwürfe und Ideen mit. Bei den Proben fanden sie wieder in jenen souligen, bläsergetriebenen Rock hinein, die schon die erste Zöllner-Band ausgezeichnet hatte.

Die Zöllner auf dem Album „Portugal“

Anno 1988 hatten Dirk Zöllner und sein Keyboarder André Gensicke für ein großes Livekonzert in Ost-Berlin eine Big Band zusammengetrommelt – als Vorband für keinen Geringeren als Funk-Pionier James Brown. Gensicke ist bis heute als Komponist und Keyboarder an Bord; drei gut eingespielte Bläser (Skip Reinhart an der Trompete, Frank Fritsch am Saxophon und Gerald Meier an der Posaune) gehören seit 30 Jahren zur Besetzung, die das neue „Portugal“-Album ab November auch live präsentieren wird.

Wie gut das funktionieren wird, das ist schon jetzt zu hören. Eine kraftvolle Beschwörung des schwarzen Soul ist das blasphemische Stück „Mama Unser“ mit einem Text von Henry-Martin Klemt. Denn hier erscheint Gott als pechschwarze, zupackende Frau, die sich um die Entrechteten sorgt – und alle Freunde von Dirk Zöllner müssen beim Stück unwillkürlich an seine erste Ehefrau Abini denken, jene Journalistin, die viele Jahre lang die Szeneseiten der Berliner Zeitung betreut und im Buch „Schokoladenkind“ so lebendig über ihre Familie und ihre turbulenten Jahre mit dem Musiker berichtet hatte.

Doch ausgerechnet der Gesang konnte bei den folgenden Studioaufnahmen erst mal nicht aufgezeichnet werden – Dirk Zöllner wurde positiv auf Corona getestet. Dabei hatten sie mit dem Stück „Wenn die Masken wieder fallen“ schon einen hoffnungsvollen Ausblick auf das Ende der Pandemie gegeben. Als Dirk Zöllner die Stücke dann endlich einsingen konnte, waren zwar die Masken noch nicht gefallen, aber Russland hatte die Ukraine überfallen, und die Auseinandersetzungen über die deutsche Haltung verdrängten die Diskussionen um die Corona-Maßnahmen. Im Studio von Holly Loose nahm Zöllner den Gesang auf. Der Sänger von der Letzten Instanz entwickelte mit ihm kreative Chöre und sang im Background mit, ebenso wie Rubini, seine Tochter aus der Ehe mit Abini Zöllner.

Musikalisch will Dirk Zöllner nicht mehr trendy sein, verlässt sich ganz auf seine erprobten Kollegen. „Wir machen Musik für Musiker und Musikkenner.“ Doch auf dem Album „Portugal“ schwingt noch mehr als Soul mit – es geht um Ausgleich und Versöhnung in einer aufgeheizten Zeit. Bestes Beispiel dafür ist „Machandeltal“ nach einem Text von Harald Wandel – die Beschwörung einer idyllischen Gesellschaft, in die alle ihre besonderen Fähigkeiten einbringen. Dirk Zöllner sieht diese friedvolle Utopie nicht als naive Spinnerei: „Kunst hat schon immer eine befriedende Funktion gehabt, schon in der Urgesellschaft.“

Die Zöllner: Portugal. SPV. Konzert: Maschinenhaus der Kulturbrauerei, Freitag, 1. Dezember, 20 Uhr, VVK 40 Euro

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