Seit zwei Jahren nähert sich am Kupfergraben eine der skandalträchtigsten und teuersten Baustellen der Berliner Museumsgeschichte ihrem Ende: Gestern wurden erstmals die Innenräume des neuen Eingangsgebäudes am Kupfergraben den Medien gezeigt.
Und selbst Skeptiker des Projekts, die etwa die nun verstellte Westseite des Neuen Museums gern offener gelassen hätten oder die Pfeilerreihen als spirrlig kritisierten, durften aufatmen: Hier erhält Berlin ein neues Architektur-Meisterwerk. Jedenfalls, wenn man Architektur als reine Kunst der Materialien, der Konstruktion von Oberflächen und Raumgefüge ansieht.
Berliner Rarität
Entworfen wurde dieser Bau seit 2006 vor allem von Alexander Schwarz, der im Berliner Büro von David Chipperfield als „Creative Director“ fungiert. Schon der Aufstieg hoch zur Terrasse und zum künftigen Haupteingang über die breite Treppe ist ein Erlebnis.
Bauen auf der Museumsinsel
Schon zu DDR-Zeiten wurde ein Eingangsgebäude für die Museumsinsel geplant. 1993 scheitert ein erster Wettbewerb, 1999 erhält David Chipperfield Architekten mit dem Entwurf eines gestaffelten Glasbaus den Auftrag. 2007 wird dieser sehr überarbeitet zugunsten des nunmehr ausgearbeiteten Entwurfs von Chipperfield und Alexander Schwarz.
Der Eingangsbau wird nach James Simon (1851-1932) benannt. Der Berliner Kaufmann war der wohl bedeutendste Mäzen der Königlichen Museen, förderte unter anderem das heutige Museum für Europäische Kulturen, das Vorderasiatische und das Ägyptische Museum mit der Nofretete, die Gemäldegalerie und die Skulpturensammlung.
Die Baukosten für den Foyer- und Garderobenbau mit Ausstellungshalle, Auditorium und Shop stiegen von 72 auf mindestens 134 Millionen Euro. Grund seien Probleme mit der Fundamentierung und mit Baufirmen. Der schlechte Baugrund ist seit 1908 bekannt, seinetwegen war der hier geplante Seitenflügel des Pergamonmuseums nicht errichtet worden.
Der Beton ist sorgfältig gegossen, in Berlin eine Rarität, die Stützen, vorgefertigt in einer Fabrik und atemberaubend maßgenau, wurden per Sandstrahler aufgeraut. Nur ganz wenige „kostbare“ Materialien kontrastieren mit dieser Zurückhaltung, hier eine Holzdecke, dort ein marmorn schimmerndes Fenster. Nicht einmal die Fensterrahmungen sind hervorgehoben, keinerlei Architektenkunstgewerbe drängt sich auf.
Archäologische Promenade
Ähnlich erfreulich sind die dicht verschränkten Raumgefüge, die Foyers und langen Treppenhallen. Genau an der richtigen Stelle steht der Doppel-Aufzug, der den schnellen Publikumsverkehr erleichtern soll. Zu eng und finster allerdings sind die Garderoben und der regelrecht abgehängte Museumsshop.
Die Sicht auf die Westseite des Neuen Museums ist durch die Betonstreben gerastert.
© Berliner Zeitung / Gerd Engelsmann
Auch die Ausstellungshalle ist niedrig gehalten, da wird es wie im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums schwierig werden, große und hohe Objekte unterzubringen. Das benachbarte Auditorium dagegen könnte sich, wenn die Staatlichen Museen es zulassen, schnell zum Konzertraum entwickeln.
Direkt im Übergangskorridor zum Neuen Museum und zur Archäologischen Promenade, die dereinst einmal die Bauten der Museumsinsel miteinander verbinden soll, hängt ein gewaltiger, zehn Meter hoher Holzpfosten. Er stammt aus dem Fundament des einstigen Packhofs, der nach Plänen Karl Friedrich Schinkels hier 1836 eingeweiht worden war und hundert Jahre später abgerissen wurde.
Kostenexplosion
Er sei der Anlass, um sich den Bauskandal noch einmal vor Augen zu führen: Seit spätestens 1908 ist der schlechte Baugrund bekannt, der nun mehrere Baufirmen in den Bankrott trieb und die Kosten von schon überaus üppig kalkulierten 72 auf mindestens 134 Millionen Euro trieb.
Es ist nicht das einzige Aber, das einem in den Kopf kommt angesichts des kühl klassizierenden Baus und selbst in dem wirklich hinreißenden, von Pfeilerhallen gerahmten Innenhof – auch hier stimmt jeder Zentimenter.
Selten gut verarbeiteter Beton, aber zu kleine Dimensionen.
© Berliner Zeitung / Gerd Engelsmann
Die Staatlichen Museen rechnen nach Angaben des stellvertretenden Präsidenten Günther Schauerte mit fünf bis sechs Millionen Besuchen auf der Museumsinsel. Angesichts der Steigerungsquoten, die der Pariser Louvre nach der Einweihung der Pyramide und das British Museum in London nach der des vergleichbar spektakulär überdachten Elisabeth Court zählen mussten, ist das nicht unwahrscheinlich.
Aber dieser Eingangsbau reicht, selbst wenn er die maximale Ausnutzung von 8000 Besuchen am Tag über 365 Tage nutzt, kaum für die Hälfte des Besucherzuwachses aus. Alle anderen Eingänge der Museen müssten also offen bleiben, was aber nicht so leicht funktioniert.
Zu kleinteilig, zu intim
Das hat gerade auch der Vatikan lernen müssen, der nun auch einen weiteren Seitenzugang öffnen will. Solche aber treiben die Personalkosten erheblich in die Höhe. Und vor allem ist der Eingangsbau für diese Last schlichtweg zu kleinteilig, zu intim geformt.
Dieses Raumkunstwerk von Schwarz und Chipperfield ist unverkennbar an den um 1900 entstandenen, vergleichbar präzis in sich verzwirbelten Wohnhausbauten von Adolf Loos oder Frank Lloyd Wright orientiert. Doch genau wegen dieser Grundriss- und Schnitt-Tüftelei fehlt dem Bau das Zentrale, Wichtige für ein Museum: Großzügigkeit und damit Flexibilität. Sie sind es, die das Alte Museum Schinkels und alle ihm folgenden Berliner Museumsbauten, aber vor allem die neuen Foyers in Paris, Washington, Peking oder London auszeichnen.
Auf die Terasse!
In diesem Eingangsbau kann man möglicherweise, wenn nicht zu viele Menschen da sind, erhaben wandeln. Doch sich einfach nur treiben lassen, herumsitzen, mit dem Rollator zuckeln, jugendlich spielen, das ist nicht vorgesehen. Es ist also ein erstaunlich altmodischer, nur auf das Sehen hin geplanter Bau, bis hin zum steilen Auditorium, das sich für Vorträge, aber nicht für wirklichen Streit eignet. Das obere Foyer, dort, wo das Licht durch dünne Marmorscheiben einfällt, kann man sich eher eine Kapelle vorstellen als die Schalterhalle für Museumsführer und Audioguides.
Aber dann steht man wieder im Café auf der Terrasse, sieht hinaus auf die Weite der Berliner Innenstadt bis hin zur nachgebauten Schlossfassade und auf das Magnus-Haus. Es wird einer der Treffpunkte Berlins werden. Einfach deswegen, weil es so schön ist. Dass sich die Menschen im Foyer darunter stauen, das sieht man ja von hier aus nicht. Und die Baukosten wird man in Berlin wohl eh schnell vergessen haben. Es zahlte schließlich der Bund.
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