Das ganze Rund der Welt

Vor 500 Jahren stach Ferdinand Magellan in See

Der Neil Armstrong seiner Zeit: Magellan und die erste Weltumsegelung.

Martin Dahms
7 Min
Der Neil Armstrong seiner Zeit: Ferdinand Magellan, eigentlich Fernão de Magalhães (1480–1521).

Der Neil Armstrong seiner Zeit: Ferdinand Magellan, eigentlich Fernão de Magalhães (1480–1521).

© imago images / Leemage

„Ich glaube wahrhaft, dass eine solche Reise niemals wieder unternommen wird“, schrieb der Chronist Antonio Pigafetta. Drei Monate und zwanzig Tage war die kleine Flotte über dieses gewaltige, unbekannte Meer gesegelt, ohne Land zu sehen. Die Besatzung litt Hunger und Durst. „Wir aßen Zwieback, der kein Zwieback mehr war, sondern Zwiebackstaub, voller Würmer, die sich darüber hergemacht hatten, und der stark nach Rattenurin roch. Wir tranken gelbes, seit vielen Tagen fauliges Wasser.“ Selbst von diesem elenden Proviant konnte manche Männer nichts mehr zu sich nehmen, weil ihnen der Skorbut den Mund verschwollen hatte. Sie verreckten auf dieser unfassbaren Fahrt über den Pazifik, oder sie sprangen im Wahn von Bord.

Auch ein deutscher Kanonier ist dabei

So werden Heldengeschichten geschrieben, aus Blut und Dreck. Kaum einer überlebte sie. Von den 247 Männern, die am 20. September 1519 unter Führung Ferdinand Magellans in fünf kleinen Schiffen von Sanlúcar de Barrameda im Südwesten Spaniens aufbrachen, kamen am 6. September 1522 an Bord der „Victoria“ 18 wieder im selben Hafen an - darunter im Übrigen auch ein aus Aachen stammender deutscher Kanonier, von dem nur der Vorname Hans überliefert ist. Ihr spanischer Kapitän, Juan Sebastián Elcano, schrieb seinem König und Kaiser Karl V.: „Wir haben das ganze Rund der Welt entdeckt und umrundet, indem wir gen Westen gefahren sind und aus dem Osten zurückkehrten.“

Niemand hatte sich diese Erdumrundung vorgenommen. Magellan wollte auf dem Westweg zu den Molukken, ganz im Südosten der bekannten Welt. Nicht mehr, nicht weniger. „Als Kraftakt übertrifft es den von Kolumbus“, sagt Alonso González de Gregorio. „Wenn die Männer gewusst hätten, was ihnen bevorstand, wären sie niemals aufgebrochen.“ González de Gregorio ist Historiker und Herzog von Medina Sidonia, womit er den ältesten Herzogstitel Spaniens trägt, verliehen 1445. Der Palast seiner Familie liegt auf einer Anhöhe im Zentrum von Sanlúcar de Barrameda, einer andalusischen Stadt von heute knapp 70 000 Einwohnern. Von hier oben sieht man hinab über weiße Häuser bis zum Fluss, dem Guadalquivir, der an dieser Stelle in den Atlantik mündet. „An der Expedition war unsere Familie nicht beteiligt“, sagt González de Gregorio. „Nur indirekt: über die hervorragende Infrastruktur, die der Herzog im Hafen von Sanlúcar zur Verfügung stellte.“ Von dem Hafen ist nichts mehr übrig. Nur die Erinnerung an eine glänzende Vergangenheit.

Die Weltumsegelung von Ferdinand Magellan und Juan Sebastián Elcano (20.9. 1519–6.9.1522)

Die Weltumsegelung von Ferdinand Magellan und Juan Sebastián Elcano (20.9. 1519–6.9.1522)

© Getty Images

Magellan, der Portugiese, wäre statt von Sanlúcar lieber von Belém an der Tejo-Mündung bei Lissabon aufgebrochen, so wie 1497 Vasco da Gama auf dem Weg nach Indien und so wie er selbst auf einer der folgenden Expeditionen der portugiesischen Indien-Armadas. Aber als er seinem König Manuel I. vorschlug, Richtung Westen zu den Gewürzinseln, zu den Molukken im heutigen Indonesien, aufzubrechen, winkte der ab. Wozu ein solches Wagnis eingehen? Der Spanier Núñez de Balboa hatte 1513 als erster Europäer den Ozean im Westen Amerikas erblickt, den er Südsee nannte, aber wie dort mit dem Schiff hinzugelangen wäre, war noch ein Geheimnis. Und wenn die Erde tatsächlich eine Kugel sein sollte (woran die klügeren Zeitgenossen nicht zweifelten) – wie weit wäre wohl der Weg über die Südsee bis nach Asien?

Viel Ungefähres also, und für König Manuel kein erkennbarer Nutzen: Zu den Molukken konnte er ja seine Schiffe auf dem kürzlich gefundenen Ostweg schicken. Nein danke also. Zum Glück für Magellan aber lag gleich neben Portugal die aufstrebende Weltmacht Spanien, und die war aufgeschlossener. „Das Maß aller Dinge in Europa Anfang des 16. Jahrhunderts war Portugal“, sagt González de Gregorio, der Herzog von Medina Sidonia. „Manuel I. war der König mit den höchsten Einnahmen, und die erzielte er durch etwas viel Wertvolleres als Gold: durch Gewürze.“

Noch heute werden reiche Kaufleute manchmal „Pfeffersäcke“ genannt, weil eben lange Zeit nichts so viel Reichtum versprach wie der Handel mit Pfeffer oder anderen Gewürzen. Und an diesem Handel wollte auch der junge spanische König Karl teilhaben. Nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492 hatte Papst Alexander VI. die Welt kurzerhand aufgeteilt: den Osten für Portugal, den Westen für Spanien. Wenn die Molukken auf dem Westweg zu erreichen wären, kalkulierte Karl, dann gehörten sie ihm, und mit ihnen die Einnahmen aus dem Gewürzhandel. Also schickte er den Portugiesen Magellan los, um das gerade entstehende spanische Weltreich zu festigen. Den Globus umsegeln sollte er nicht.

Wettlauf der Großmächte Portugal und Spanien

Weil dieses Jahr auch der 50. Jahrestag des ersten Mannes auf dem Mond begangen wird, drängen sich ein paar Parallelen auf. Vor allem diese: dass der Wettlauf zweier Großmächte um die Vorherrschaft in der Welt dieser Welt die Horizonte erweitert hat. Erst der Wunsch der spanischen Königs, den Rückstand zum portugiesischen Konkurrenten aufzuholen, hat Magellans Expedition überhaupt ermöglicht. Im heutigen Portugal wird das gerne übersehen. Als die Regierung in Lissabon Anfang 2018 ein offizielles Gedenkprogramm zur Feier der Weltumseglung in Auftrag gab, war von Spanien oder Kastilien keine Rede, dafür von einem „der bedeutendsten Ereignisse der Menschheit, das entscheidend für das Verständnis der nationalen Identität“ sei – der portugiesischen, versteht sich. Dabei war der Aufbruch zu den Molukken ein gegen Portugal gerichtetes und von Portugal argwöhnisch verfolgtes Projekt. Allerdings unter einem portugiesichen Kapitän, was aus heutiger Sicht kurios ist: als hätten die USA Juri Gagarin mit der Apollo 11 zum Mond geschickt.

Dass zwischen portugiesischem und spanischem Königshaus Wettbewerb herrschte, gesteht auch José Damião Rodrigues von der Universität Lissabon ein. Doch wichtiger ist dem portugiesischen Historiker die Feststellung, dass es „gleichzeitig auch Kooperation gab“. In portugiesischen Flotten finde man spanische Seeleute, in spanischen Flotten portugiesische. „Ein ausschließlich nationalistischer Blickwinkel auf diese Geschichte gibt kein komplettes Bild.“

Diesen nationalistischen Blickwinkel vermutet er vor allem bei den Spaniern, die darauf bestünden, dass Magellan „eine spanische Expedition“ angeführt habe. Darauf bestehen die Spanier wirklich. „Das ist ein hundertprozentig spanisches Unternehmen“, sagt Carmen Iglesias, die Direktorin der spanischen Real Academia de la Historia, „an dem die Portugiesen kein großes Interesse hatten.“ Zur Versöhnung sagt sie aber auch: „An einem Ereignis wie diesem haben natürlich alle teil.“ Ohne die in den Jahrzehnten zuvor gewonnen Erkenntnisse – besonders viele davon portugiesische – über Seefahrt und Sternenkunde wäre Magellans Expedition unmöglich gewesen. Nichts geschieht aus dem Nichts.

Magellans Tod war wenig heldenhaft

Magellan hatte sich diese Reise in den Kopf gesetzt, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Einen langen Winter verbrachte er mit seiner Flotte in Patagonien, weil er nicht den Weg hinüber zum anderen großen Meer fand. Als er ihn fand – Magellanstraße heißt er heute zu seinen Ehren – stieß er hinaus in einen immensen Ozean, den er den friedlichen, den pazifischen, nannte, weil kein Sturm ihm das Fortkommen erschwerte oder erleichterte. Der italienische Chronist an Bord, Pigafetta, fand kaum Worte für das Grauen, das diese Reise, die drei Monate und zwanzig Tage lang eine unendliche war, für die Seeleute bedeutete. Nur eben diese: dass eine solche Reise wohl kaum jemals wieder unternommen würde. Damit sollte Pigafetta Recht behalten.

Die Reise war ein Fehlschlag, sie eröffnete keine neue Handelsroute. Magellan starb bei einem wenig heldenhaften Angriff auf eine – heute – philippinische Insel. Der schrumpfende Rest der Expedition schaffte es zu den Molukken, belud sich mit Gewürznelken und machte sich, um nicht das Grauen des Pazifiks zu wiederholen, unter Führung des spanischen Offiziers Elcano weiter Richtung Westen auf den Heimweg. Er und 17 überlebende Besatzungsmitglieder waren die ersten Weltumsegler. Der verdiente Ruhm aber fiel auf Ferdinand Magellan, der diese kaum glaubliche Fahrt ins Ungewisse begonnen hatte.

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