ESC-Finale am 10. Mai

Elaiza fahren gelassen nach Kopenhagen

Mit professioneller Gelassenheit sieht die Band Elaiza dem ESC-Finale entgegen. Dahinter aber steckt der Ehrgeiz dreier Musikerinnen, die nicht immer nur nach ihrem Kleid für Kopenhagen gefragt werden wollen.

Elmar Kraushaar
9 Min

Dabei sind sie keine Casting-Opfer von Dieter Bohlen oder Stefan Raab, sie haben sich wie 2 000 andere auch mit einem Video beworben für eine Wildcard beim Vorentscheid. Sie kamen unter die ersten zehn, siegten dann bei einer Vorauswahl, um schließlich am 13. März in der Kölner Lanxess-Arena die haushohen Favoriten Unheilig und Santiano locker zu schlagen.

Jeans mit Lederjacke

Es regnete Konfetti, das Arena-Publikum feierte frenetisch, Ela Steinmetz weinte und kreischte. Und sang „Is It Right?“, ein Stück optimistischer Polka-Pop, fachmännisch als Neo-Folk einsortiert, der mit seinem schleppenden Beat sofort zum Mitsingen zwingt, ein Ohrwurm aus dem Stand. Von einem „Pop-Märchen“ ist fortan die Rede, dem „Wunder von Köln“, von „Deutschlands neuen Popbotschafterinnen“. Der Rest ist Arbeit.

Es ist noch kalt an diesem Morgen, auch wenn die Sonne schon ordentlich scheint über Berlin. Der Ort: ein klitzekleines Café in Prenzlauer Berg, fünf Tische mit riesengroßer Kaffeemaschine. Ingwer-Tee gibt es hier und Chai Latte, laktosefreie Milch und alles auch „to go“: Kaffee, Waffeln, Sandwiches, Kuchen. In einer Ecke frühstücken zwei Touristinnen aus Tokio warme Waffeln mit Nutella. Die drei von Elaiza warten auf ihren Presseauftritt. Ganz unspektakulär sind ihre Outfits, Jeans mit Lederjacke obendrüber oder ein simples Jackett in Schwarz, und Ela Steinmetz hat sich dekorativ einen bunten Schal umgelegt. Aufgeregt gibt ihnen ein junger Mann seine Anweisungen: „Du zuerst, Ela, dann Yvonne, und zum Schluss ist Nicole an der Reihe.“

Wie ein Kumpel mit Grubenlampe trägt der Reporter eines Internet-Klatschmagazins seine Kamera um den Kopf geschnallt. Ela Steinmetz muss raus in die Kälte, einmal die Straße runter und dabei erzählen: Wie viele Facebook-Freunde habt ihr? Wo kaufst du deine Klamotten am liebsten? Dann ist Yvonne Grünwald an der Reihe, sie sitzt bibbernd vor dem Café: Was ziehst du an beim ESC? Dein größter Alptraum am 10. Mai? Natalie Plöger kommt hinzu: Deine Lieblings-TV-Serie? Wen magst du lieber: Oliver Pocher oder Boris Becker? Schließlich packt Grünwald ihr weißes Akkordeon aus, und das Trio singt ihr Lied in den kalten Morgen. Ist das alles richtig? Tage danach erscheint der „Video-Quickie“ im Netz, „30 Fragen an Elaiza – Exklusiv!“

Nach dem Dreh geht es weiter, eine Zeitungsredaktion nach der anderen, ein Interview folgt dem nächsten, zum Tagesabschluss ein Liveauftritt beim Regionalmagazin des RBB. Die Frage lautet jetzt nur noch: In welcher Fernsehsendung ist Elaiza eigentlich nicht aufgetreten in den vergangenen Wochen? Beim Grimme-Preis in Marl war die Band dabei, beim Echo, bei Carmen Nebel, bei Kai Pflaume, in der NDR-Talkshow, bei Markus Lanz, im ZDF-Fernsehgarten, im Morgenmagazin der ARD. Und noch hier und da im Internet und bei diversen Radiosendern. Diese Strategie ist falsch, behaupten die ESC-Experten. Um in Kopenhagen zu gewinnen, sollte sich die Gruppe dem europäischen Publikum bekannt machen, nur die anderen Länder dürfen abstimmen über sie.

Ela Steinmetz ist wie immer die erste von den dreien, die antwortet, sie kennt den Einwand: „Unsere PR-Arbeit machen wir vor allem in Deutschland, weil die Deutschen uns erst einmal kennenlernen müssen.“ Natalie sekundiert: „Wir haben ja auch die Veröffentlichung unseres Albums vorgezogen und wollen es hier in Deutschland promoten.“

Natalie Plöger ist die Frau am Kontrabass. Geboren 1985 in Leer in Ostfriesland, spielt sie bereits als Schülerin im Landesjugendorchester, nachdem ihre Entscheidung für das Streichinstrument gefallen war. „Die Größe und der tiefe Klang haben mich daran fasziniert.“ Später studiert sie in Detmold klassische Musik, entdeckt nebenbei den Jazz und spielt in der Bigband der Hochschule. 2013 trifft sie durch Zufall in Berlin auf Ela Steinmetz und Yvonne Grünwald – der Beginn von Elaiza. Hier ist Natalie die Ungeduldige, die Antreiberin. „Ich möchte, dass man die Zeit sinnvoll nutzt.“

Die beiden anderen haben sich zuvor bereits in den Valicon-Studios in Berlin-Hohenschönhausen kennengelernt. Die Akkordeonspielerin Yvonne Grünwald ist hier zu Aufnahmen engagiert, ein Job unter vielen, den die 29-Jährige absolviert, seitdem sie nach dem Abitur in Salzwedel nach Berlin gekommen ist. Zunächst studiert sie an der renommierten Hanns-Eisler-Musikhochschule, und zwar Akkordeon, das sie bereits mit sechs für sich entdeckt hat und mit dem sie schon ein Jahr darauf den Wettbewerb „Jugend musiziert“ gewinnt. Nach dem Studium unterrichtet sie selbst, spielt aber auch in verschiedenen Formationen Klezmer, russische Musik oder Chansons. „Bei Elaiza“, sagt sie, „will ich, dass alle immer gute Laune haben. Ich vermittle gerne.“

Ela Steinmetz, die eigentlich Elzbieta heißt, ist die Jüngste in der Gruppe, gerade mal 21, und deren Kopf. „Sie schreibt die Songs, die tragenden Grundlagen“, so beschreibt Yvonne Grünwald die besondere Stellung von Ela. „Aber die anderen beiden sind für die Arrangements zuständig“, fällt die ihr ins Wort. „Einen Boss gibt es nicht bei uns, dafür ist jede von uns ein viel zu starker Charakter.“ Dass Ela Steinmetz Musik machen will, weiß sie von Kindesbeinen an. Geboren im zentralukrainischen Smila, gibt es schon frühe Videoaufnahmen, die sie auf der Bühne an der Seite ihrer Eltern zeigen.

Ihr Vater, ein Rockmusiker, stirbt, als sie sieben ist, mit ihrer Mutter, einer polnischen Opern- und Jazzsängerin, kommt sie anschließend ins saarländische Schiffweiler. Bereits mit 16 zieht es Ela in die Großstadt, in den Berliner Valicon-Studios jobbt sie noch während ihrer Schulzeit als Songschreiberin, ständig zwischen dem Saarland und der Hauptstadt hin- und herpendelnd. Das ist so geblieben bis heute, ihre Heimat, sagt sie, liegt nun mal an der Saar. Doch ihre ukrainisch-polnische Herkunft macht sie auch zuversichtlich für eine gute Platzierung in Kopenhagen: „Da können wir Punkte abräumen aus Polen und der Ukraine.“

Mit großem Unbehagen verfolgt sie die politische Krise in der Heimat ihrer Kindheit: „Jeder sollte sich mit den Geschehnissen dort beschäftigen, egal, welchen Alters, schließlich ist das gar nicht so weit weg von Deutschland. Wir haben noch viele Freunde und Bekannte in der Ukraine, und durch das Internet ist es ja möglich, dass wir den Kontakt halten und ganz schnell voneinander erfahren. Wir machen uns natürlich Sorgen um sie, und die aktuellen Bilder in den Nachrichten stressen mich total“, sagt Ela Steinmetz.

„Ich glaube ja, Diplomatie und eine gute Kommunikation wären das Beste, um die Lage zu verbessern.“ Und mit Blick auf das Festival fügt sie hinzu: „Der ESC sollte eigentlich unpolitisch sein. Sollte! Aber so einfach ist das wohl nicht. Doch den Grundgedanken finde ich immer noch schön, dass die Musik im Vordergrund steht und uns alle verbindet.“

Dass dahinter viel Ehrgeiz steckt, das zeigte sich spontan nach dem Sieg beim Vorentscheid: „Wir wollen, dass Europa im nächsten Jahr vor dem Brandenburger Tor tanzt“, verkündeten sie. Inzwischen haben die Musikerinnen allerdings vorsichtshalber ein paar Gänge zurückgeschaltet. „Ganz ehrlich, für uns geht es nicht ums Gewinnen. Was kommt, das kommt.“

Wie sehen ihre Chancen für Kopenhagen nun aber wirklich aus? Schaut man in die Internet-Umfragen unter deutschen Fans, so liegt Elaiza ganz klar vorne, kaum einer nörgelt diesmal rum, Deutschland scheint den Sieg demnach fast in der Tasche zu haben. „In Deutschland ist die Liebe zum Eurovision Song Contest“, stand unlängst in der Süddeutschen Zeitung zu lesen, „eine sehr wechselhafte, alle finden es ganz großen Mist, außer wenn Deutschland gewinnt.“

Je mehr man sich aber geografisch entfernt von den deutschen Vorhersagen, umso deutlicher geht es abwärts in der Rangliste. ESC-Fan Louis aus Australien setzt Elaiza auf Platz 15, eine gewisse „Eurovision Goddess“ aus den USA sieht Deutschland zwischen Ungarn und Dänemark ebenfalls auf Platz 15. Für Marco aus Venezuela kommt Elaiza nicht weiter als Platz 18, auch ein Ranking aller Youtube-Aufrufe der ESC-Videos ergibt nicht mehr als Platz 17. Bei einer Umfrage unter den europäischen Fanclubs reicht es für einen 13. Platz, und in einer Zusammenfassung aller Wettbüros pendeln Elaiza relativ konstant zwischen Rang 18 und 20.

Darüber lässt sich spekulieren, ein Tabu aber gilt für alle drei Frauen gleichermaßen: Kein Wort über Privates. Wer mit wem und wie lange schon? Yvonne Grünwald hält davon gar nichts und wünschte sich ein bisschen mehr Zurückhaltung der Journalisten. „Natürlich“, erzählt Ela Steinmetz, „hat der eine oder andere schon bei meiner Mama angefragt. Kein Wort ohne meine Tochter, sagt die nur dazu, und damit hat sich’s.“

Privates bleibt tabu

Elaizas Grundstimmung, wenn sie zusammen sind, ist die gute Laune, es wird viel gegiggelt und gelacht. „Wir freuen uns halt so“, sagt Ela Steinmetz. „Wenn man zu dritt ist, hat man sich immer was zu erzählen. Uns wird nie langweilig.“ Yvonne Grünwald ergänzt: „Gott sei Dank ist das so. Das ist nur gut für unsere Musik! Würde das Zwischenmenschliche überhaupt nicht passen – was will man denn dann als Musiker rüberbringen?“

Ihre Zeit nach dem 10. Mai sehen sie gelassen, auf jeden Fall wird gefeiert, schließlich wird Yvonne Grünwald 30 an diesem Tag. Dann soll sich bitte ihr Album „Gallery“ gut verkaufen, sie wollen auf Tour gehen und ihren Kurs beibehalten. „Englisch ist unsere gemeinsame Sprache. Wir wollen schließlich von möglichst vielen Menschen verstanden werden.“ Und natürlich wollen sie zusammenbleiben, kein One-Hit-Wonder sein. „Wir werden immer Musik machen!“, sagt Ela. Sie sind zuallererst Musikerinnen. Natalie: „Für uns“, sagt Natalie Plöger, „gibt es nichts Schöneres, als live zu spielen.“ Und sie sind, darauf bestehen sie, ein „Frauentrio“. „Mit Frauenpower!“ – Ela Steinmetz muss das letzte Wort haben.

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