Essen, wo einst Willy Brandt speiste

Birgitt Eltzel
3 Min

Wer mittags etwas Warmes zu sich nehmen möchte, hat in Berlin viel Auswahl. Vom Imbiss nebenan über den eigenen Herd bis zum Restaurant ist alles möglich. Doch man kann auch im Rathaus essen gehen. In jedem Bezirksamt gibt es mindestens eine öffentliche Kantine. Die Berliner Zeitung hat sie getestet. Heute: Die Kantine im Rathaus Schöneberg.----Helene Eltzsch (82) und Gertrud Klopsch (76) spazieren täglich kurz nach 11 Uhr von der Feurigstraße zum Rathaus Schöneberg. Im Ratskeller nehmen sie ihr Mittag ein. "Das Essen ist gut und preiswert", sagt Gertrud Klopsch. Heute haben sie Kabeljaufilet mit grünem Spargel und Kartoffeltalern für 4,50 Euro gewählt - "lecker". Fast wie im Restaurant sei das Ambiente, sagt Gertrud Klopsch. Die Tische haben blütenweiße Stofftischdecken, darüber liegt noch eine rote aus Papier. An den Rundbogenfenstern stehen Grünpflanzen, Bilder, die man auch kaufen kann, zieren die Wände. Der Ratskeller ist ein historischer Ort. Dort speiste schon Willy Brandt, als der SPD-Politiker Regierender Bürgermeister war. Helene Eltzsch und Gertrud Klopsch haben ihn zwar damals nie getroffen. Auch Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) sind die Rentnerinnen noch nicht beim Essen begegnet. Einige Stadträte dagegen haben sie dort schon gesehen.Wie die CDU-Politiker Dieter Hapel, Gerhard Lawrentz und Bernd Krömer. Dienstags nach der Bezirksamtssitzung speisen sie immer gemeinsam. Hapel nutzt das Angebot im Ratskeller schon seit 1981. In dem Jahr wurde er erstmals ins Abgeordnetenhaus gewählt, das bis 1993 seinen Sitz im Rathaus Schöneberg hatte. Daran erinnert eine Leuchtanzeige mit den Buchstaben A, R und S. "Die standen für Abstimmung, Rede und Sitzung." Der heutige Standard der Kantine ist den Zeiten zu verdanken, als das Rathaus noch den Senat und das Abgeordnetenhaus beherbergte. Pächter Heinrich Gerresheim zitiert einen noch immer gültigen Satz aus seinem Vertrag von 1989: "Der Pächter muss in der Lage sein, den gehobenen Ansprüchen des Landes Berlin gerecht zu werden..."KURZ UND KNAPP // Plätze: 240 an variabel zusammenstellbaren Tischen zu zwei bis sechs Personen.Ausstattung: Im Vorraum stehen Weinregale, in den Ratskeller führt eine Treppe mit rotem Teppich. Die Wände und Säulen sind holzgetäfelt, an den Decken gibt es goldverzierten Stuck.Raucher/Nichtraucher: Etwa ein Drittel der Plätze sind Nichtrauchern vorbehalten.Sauberkeit: Die Tische haben weiße Stoffdecken und zusätzlich weinrote Papierdecken.Gerichte: Auf der Speisekarte stehen täglich fünf Hauptmahlzeiten, und es gibt mindestens ebenso viele Sondergerichte.Preise: 2,50 bis 5 Euro für ein Hauptgericht.Sonderangebote: Starke Esser können einen Euro mehr zahlen und erhalten eine XL-Portion. Für 3 Euro kann vom reichhaltigen warmen Buffett auf den Teller gefüllt werden, was drauf passt.Zusätzliche Angebote: Brötchen, Salate, Eis und verschiedene Nachspeisen.Heute gibt s: Zanderfilet in Zitronenbutter mit Blattspinat und Dillkartoffeln (3,50 Euro).Das Beste vom Koch: Achim Müller bietet mindestens dreimal wöchentlich frischen Fisch in verschiedenen Variationen an.Bewertung: sechs von sechs Kochmützen.BLZ/WULF OLM RATSKELLER Anschrift: Rathaus Schöneberg, John-F. - Kennedy-Platz 1; Verbindung: U-Bahnhof Rathaus Schöneberg; Geöffnet: montags bis donnerstags von 7 bis 14. 30 Uhr, freitags bis 14 Uhr; Tel. 782 83 26

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