Grenzschutz

EU-Umweltkommissarin: Wildnis an den Grenzen soll Panzer aufhalten

Können Feuchtgebiete und Wälder Grenzen besser schützen als Zäune? Die EU-Umweltkommissarin wirbt für einen neuen Ansatz, der Sicherheitspolitik und Ökologie zusammendenkt.

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Mitglied der Europäischen Kommission Jessika Roswall in Brüssel

Mitglied der Europäischen Kommission Jessika Roswall in Brüssel

© Dursun Aydemir/imago

Europas Grenzen sollen künftig nicht nur mit Stahl und Beton, sondern auch mit Sümpfen, Wäldern und wilder Natur geschützt werden. Das fordert Jessika Roswall, EU-Kommissarin zuständig für Umwelt, in einem Interview mit dem Guardian. „In Natur zu investieren und Natur als natürliche Grenzkontrolle zu nutzen, ist notwendig – und steigert gleichzeitig die Biodiversität. Das ist eine Win-win-Situation“, sagte Roswall.

Sowohl Polen als auch Finnland haben entlang ihrer Grenzen zu Russland und Belarus bereits Landstriche renaturiert – also in einen naturnahen Zustand zurückversetzt. Dichtes Gestrüpp, Baumbestände und unwegsames Gelände erschweren dort das Vorrücken schwerer Militärfahrzeuge. Roswall hat die Gebiete nach eigener Aussage persönlich besichtigt. Besonders wiederhergestellte Feuchtgebiete seien für gepanzerte Fahrzeuge kaum passierbar: „Es ist sehr schwierig für große Panzer, dort durchzukommen“, so Roswall.

Der Narewka Fluss in Polen nahe der Grenze zu Belarus

Der Narewka Fluss in Polen nahe der Grenze zu Belarus

© Aleksander Bolbot/imago

Trinkwasser und Ernährung als Teil der Sicherheitspolitik

Die Kommissarin fordert darüber hinaus, dass Staaten ihre natürliche Umwelt als strategische Ressource behandeln. Wer die eigene Wasser- und Nahrungsversorgung vernachlässige, gefährde die nationale Sicherheit. Als Beispiel nannte sie die Ukraine, wo Wasserinfrastruktur gezielt angegriffen werde. „Es ist entscheidend, in die Infrastruktur zu investieren und sie zu schützen“, sagte Roswall dem Guardian. Auch der Hochwasserschutz durch sogenannte Schwammstädte – urbane Räume, die Niederschlag speichern statt ableiten – gehöre zur Sicherheitspolitik.

Weite Teile des Kontinents befänden sich bereits in einer Wasserkrise, sagte Roswall. Während Dürre und Wasserknappheit je nach Region unterschiedlich stark aufträten, betreffe ein Problem ganz Europa: die mangelhafte Wasserqualität durch Verschmutzung. „Wir sind an einem Punkt, an dem wir uns wirklich auf Wasser konzentrieren müssen“, erklärte die Kommissarin.

Strengere Regeln für Ewigkeitschemikalien

Vorantreiben will Roswall auch die Regulierung sogenannter PFAS – industriell hergestellte Substanzen, die sich in Böden und Gewässern anreichern und praktisch nicht abgebaut werden. Noch in diesem Jahr wolle sie klare Vorgaben vorlegen. Als mögliche Kostenträger für Sanierungen nannte sie die Pharma- und Kosmetikbranche. Bei vielen belasteten Standorten sei der Verursacher allerdings nicht mehr feststellbar – dort werde teilweise öffentliches Geld nötig sein.

Roswall wies zurück, dass die EU von ihrem Umweltkurs abrücke. Die europäische Industrie vollziehe den ökologischen Umbau, weil er ihren größten Wettbewerbsvorteil darstelle. Auch mit der britischen Umweltministerin Emma Reynolds teile sie trotz der seit dem Brexit auseinanderdriftenden Standards eine gemeinsame Überzeugung: Hohe ökologische Anforderungen seien Voraussetzung für Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und Sicherheit.

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