Psychotherapie in Berlin

Die Seele schreit - und nur ein Anrufbeantworter hört sie

Vier Berliner über Wartezeiten, Frust, Scham und Angst vor sich selbst.

Der lange Weg die gebrochene Seele zu reparieren
9 Min

"Manche Patienten mit psychischen Problemen haben Angst, ihre Konflikte in Angriff zu nehmen", sagt Michael Krenz, Präsident der Psychotherapeutenkammer Berlin. Andere bagatellisierten ihre Krankheit oder ihnen fehle der Antrieb, sich durch das oft langwierige Platzvergabeverfahren zu kämpfen. "Laut unserer letzten Umfrage warten Patienten in Berlin knapp neun Wochen auf ein erstes Gespräch bei einem von der Krankenkasse zugelassenen ambulanten Therapeuten", schildert Krenz. Dazu kommen meist weitere Monate, bis die Therapie tatsächlich beginnt.

Dabei ist Berlin auf dem Papier sogar überversorgt mit Psychologen. 4455 psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendtherapeuten praktizieren in der Hauptstadt, gut ein Drittel von ihnen mit Kassenzulassung. "Laut Bedarfsplanung reicht das, doch die Kalkulation geht an der Realität vorbei", so Krenz. Die Nachfrage sei so schnell gewachsen, dass die Rechnung, die einen Schlüssel bezogen auf die Einwohnerzahl ausgibt, nicht hinterher kam. Auch unterscheiden sich die Bezirke: Wer auf der Online-Plattform der Kassenärztlichen Vereinigung nach einem Psychotherapeuten in Charlottenburg sucht, bekommt 327 Treffer angezeigt. In Marzahn sind es dagegen nur 44.

Wie viel Kraft kostet die Suche nach einem Therapieplatz? Wie gesteht man sich ein, dass man Hilfe braucht? Und wie vertraut man einem Fremden? Vier Berliner erzählen, wir haben ihre Namen verfremdet:

"Dutzende Therapeuten auf der Liste": Paula D. (35) aus Kreuzberg

"Die zusammengetackerten Zettel, auf denen Namen und Adressen aufgelistet waren, konnte ich am Ende selbst kaum noch lesen. Sechs Seiten, bekritzelt mit Notizen wie 'AB', also 'Anrufbeantworter', oder 'Warteliste', 'Januar' oder 'Montag 14 -16 Uhr'. Einmal stand da auch 'nett! Meldet sich wieder'. Die meisten Kontakte hatte ich nach sieben Wochen mit einem roten Filzstift einfach durchgestrichen. Sie hatten keinen Therapieplatz für mich. Die Liste kam von meiner Krankenkasse, sie umfasste so ziemlich alle Therapeuten im östlichen S-Bahn-Ring.

Ich telefonierte, stellte mir Handy-Erinnerungen zu den Sprechzeiten, ließ tausendmal klingeln. Ich funktionierte, das war mein Glück. Wie sollen Leute das schaffen, die schwer depressiv sind? Meine Welt war ins Wanken geraten, als ich mich vor ein paar Monaten verliebt hatte. Ist doch super, sollte man meinen. Aber die Liebe weichte mich auf, mit ihr einher ging die Angst, sie zu wieder zu verlieren. Panikattacken überfielen mich. Angst vor dem Verlust, vor dem Scheitern, davor, wie mich andere Leute anguckten. Dazu kam eine tiefe, dunkle, diffuse Dauer-Traurigkeit.

Die ersten Praxis-Anrufe fielen mir schwer, ich fand keine Worte für meinen Anrufbeantworter-Text. Ich stockte, stammelte 'hallo, ich suche einen Therapeuten', kämpfte mit den Tränen. Musste man jetzt sagen, was man hat? 'Panikattacken', 'Depressionen' - das schienen harte Worte, die mir in Verbindung mit mir selbst schwer über die Lippen kamen. Manche Anrufbeantworter machten es mir leicht: 'Wenn Sie wegen eines Therapieplatzes anrufen, müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir aktuell keine Kapazitäten haben', war dort schon hinterlegt. 

Nach Wochen der Suche spulte ich meine Band-Nachricht runter, als würde ich Pizza bestellen, ohne Gefühlsregung. Ich schätze, ich habe zwischen 30 und 40 Therapeuten durchtelefoniert. Irgendwann kam ein Rückruf, tatsächlich von der Therapeutin mit der "nett"-Notiz auf meiner Liste. Sie bat mir ein Erstgespräch in zweieinhalb Monaten an, der erste feste Terminvorschlag überhaupt. Ich hatte Glück: Ich mochte die Frau, fühlte mich wohl. Allerdings war ich mittlerweile auch so mürbe, dass ich mich wahrscheinlich auf jede Behandlung eingelassen hätte." (Notiert von Silvia Perdoni)

"Ich selbst bin doch die einzige Festung": Valentin S. (28) aus Zehlendorf

"Das ist wie bei Knieschmerzen: Wenn das Gelenk schmerzt, man aber keinen Termin beim Orthopäden bekommt - dann wartet man zwei Tage und stellt fest: Wird schon gehen. Mein Hausarzt hat mir vor etwa drei Monaten empfohlen, eine Psychotherapie zu beginnen. Seitdem hänge ich in einer besetzten Telefonleitung und schiebe das Kümmern immer wieder auf. Dabei will ich es eigentlich mit einem Psychologen versuchen.

Ich war sogar deswegen zum Hausarzt gegangen, wollte von ihm einen ersten Rat zum Thema Therapie. Ich habe das Studium fertig, tausende Möglichkeiten - und merke aber, wie ich mein Leben seit einem guten Jahr selbst sabotiere. Meine Beziehung habe ich gegen die Wand gefahren, an manchen Tagen bin ich lethargisch, ertrage kaum fünf Minuten lang die Gegenwart von anderen Menschen. Dann gehe ich Stunden lang im Park umher oder fahre raus aus Berlin. Und ich habe gelernt, zu wissen, dass es mir nach zwei Tagen wieder besser gehen wird.

Der Hausarzt hat mir ein Institut für Verhaltenstherapie empfohlen. Da werden auch Therapeuten ausgebildet, junge Leute nach dem Studium, das finde ich gut. Ich bin ja bestimmt kein Härtefall. Die haben aber nur an den drei ersten Werktagen im Monat Sprechstunde zwischen 15 und 16 Uhr. Im August habe ich es alleine probiert, im September haben zusätzlich zwei Freunde parallel mit ihren Handys angerufen - es ist schlicht dauerbesetzt.

Bisher habe ich keine anderen ambulanten Praxen kontaktiert, das wäre eine weitere Überwindungsstufe. Mir graut es vor bohrenden Fragen am Telefon. Vielleicht gehe ich es auch deshalb so zögerlich an: Denn ich habe Angst, was eine Therapie in mir auslösen könnte. Dass da Dinge zum Vorschein kommen, die ich vielleicht verdrängt habe. Ich selbst bin doch die einzige Festung, die ich habe. Was, wenn jemand Knöpfe drückt, dass sie bricht?" (Notiert von Silvia Perdoni)

"Freunde sind da, helfen können sie nicht": Amalia C. (26) aus Charlottenburg

"Ich schaffe das alleine, dachte ich am Anfang. Ich kann das wegstecken. War ja nicht mein erster epileptischer Anfall. Schon als Jugendliche hatte ich mehrmals Krampfattacken erlebt. Eigentlich nichts Neues, als mein Körper vor gut eineinhalb Jahren erneut kollabierte. Aber in den Wochen danach wachte ich morgens mit Schweißhänden und dem Gefühl einer Kettensäge im Bauch auf. In der Uni fühlte ich mich unwohl, Angstattacken überkamen mich, irgendwann mochte ich nicht mehr unter Leute gehen. Ich fiel in ein Loch. War tieftraurig, ohne genau zu wissen, wieso.

Reden konnte ich mit niemanden darüber. Meine Freunde wollte ich nicht belasten. Psychische Probleme? Ich? Wie kann man das in Worte packen? Ich verstand ja selbst nicht, was passiert. Freunde können dich trösten, dich umarmen, sie sind für dich da - aber abnehmen können sie dir das Päckchen im Endeffekt auch nicht.

'Das geht so nicht weiter', sagte meine Mutter irgendwann. 'Du brauchst Hilfe.' Ich hatte Glück: Sie kannte eine Therapeutin, die mich an eine Kollegin vermittelte. Nach etwa drei Wochen bekam ich den ersten Termin, seit gut einem Jahr gehe ich in die Praxis.

Mein Umfeld weiß mittlerweile, dass ich eine Therapie mache. 80 Prozent wissen aber nicht wirklich, warum. Ich tue die Frage immer lässig ab, zähle ein paar Luxus-Baustellen auf: Leistungsdruck, Perfektionsdruck, sowas. Manche sagen dann, sie würden auch gern mal eine Therapie machen. Sei doch super, sich einmal pro Woche alles von der Seele zu reden. Ich kommentiere das nicht, aber weiß: Es ist harte Arbeit, die man nur tut, weil es ohne nicht geht."  (Notiert von Silvia Perdoni)

"Privat zahlen verkürzt die Wartezeit": Antonia S. (24) aus Neukölln

Wenn früher die Lethargie einsetzte, versuchte ich, das abzutun. Ein Besuch bei meiner Schwester änderte das abrupt. Wir sehen uns zwar selten, haben aber ein enges Verhältnis. Unsere Leben liefen lange parallel, wir hatten
stets die gleichen Probleme in der Familie. Nun ist sie in psychologischer Behandlung. Ihre Sorgen verunsicherten mich, ich wollte ihr helfen, aber mir fehlte die Kraft.

Wieder in Berlin angekommen, fühlte ichmich verloren, destabilisiert. Ich brach immer und überall in Tränen aus. Wünschte mir jemanden, der mir sagte, wie ich die Gespräche mit meiner Schwester verarbeiten konnte. Ein Freund fragtemich schließlich: ,Wie fühlst du dich?Was willst du gerade?' Es waren nur zwei Fragen, aber danach war mir klar: Ich musste etwas fürmich tun.

Ich kündigte meinen ungeliebten Job und wendete mich an das Informationszentrum Psychotherapie e.V. Berlin, eine private Beratungsstelle. Nach vier Tagen bekam ich dort einen Termin und mir wurden Therapieformen und Therapeuten empfohlen. Wenn man eine Therapie über die Krankenkasse abrechnet, wird es schwieriger, irgendwann eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen – also zahle ich lieber privat. Dadurch verkürzte sich wohl auch meine Wartezeit.

Zwei Wochen nach meinem Beratungsgespräch hatte ich einen Termin. Mein Therapeut sagte, dass der Weg zur Therapie richtig war. Obwohl ich den Schritt selbst gegangen war, war es ein Schlag ins Gesicht, das erste Mal zu hören, dass ein Facharzt bei mir Anzeichen für eine schwere Depression sieht. Meine Therapie läuft jetzt seit vier Monaten. Der Therapeut schiebt mich als Springerin ein - immer wenn er Zeit hat, da er eigentlich keinen Platz für neue Patienten hat. (Notiert von Malte Joel)

Hier finden Betroffene Hilfe

Am Anfang jeder Behandlung steht die Frage, von welcher Berufsgruppe sich Patienten beraten lassen sollten: Ärzte oder Psychologen. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) empfiehlt unterstützende Gespräche und Psychotherapie bei allen Graden von Depressionen, bei schweren Fällen sollten zusätzlich antidepressive Medikamente herangezogen werden. Laut DGPPN wird eine Vielzahl von Patienten bei ihrem Hausarzt behandelt. Hausärzte sind häufig der erste Ansprechpartner und können gezielt beraten und weitere Behandlung vermitteln. 


Strukturreform

Um langen Wartezeiten entgegenzuwirken, verabschiedete der Gemeinsame Bundesausschuss im Juni 2016 eine Strukturreform der Psychotherapie. Diese beinhaltet, dass Therapeuten mindestens 100 Minuten pro Woche eine offene Sprechstunde anbieten sollen. Daran anschließen kann eine Akutbehandlung, die nur wenige 25-minütige Sitzungen beinhaltet. Außerdem sollen Gruppentherapien gefördert und Rückfällen besser entgegengewirkt werden.


Auf der Suche nach einer ambulanten Psychotherapie können sich Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung an ihre Kasse wenden. Die verfügt über ein Verzeichnis aller ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten, die ihre Behandlungskosten direkt mit der Kasse abrechnen können. Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin bietet außerdem ein Online-Verzeichnis mit Psychotherapeuten. Hier kann gezielt nach speziellen Therapieverfahren und in einem bestimmten Umkreis gesucht werden. Die Webseite www.psych-info.de zeigt außerdem in einer interaktiven Karte alle Therapeuten in der Nähe einer bestimmten Adresse an. Neurologen und Psychiater können nach ähnlichem Verfahren unter www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org gefunden werden.

Eine Liste von Krisendiensten für Notsituationen hat die Plattform Berlin.de im Internet zusammengestellt. Über Ambulanzen für Psychiatrie und Psychotherapie verfügen außerdem die Charité sowie diverse Therapieinstitute in der Stadt. Oft bieten solche Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen die Möglichkeit, schneller an einen Therapieplatz zu gelangen. Hier finden Sie eine Auflistung der Ambulanzen. Wer sich telefonisch beraten lassen möchte, kann beim Service-Telefon der Psychotherapeutenkammer Berlin unter der Rufnummer 030/887140-20 Experten zum Thema Psychotherapie befragen. Die Hotline ist jeden Dienstag von 14 bis 17 Uhr und jeden Donnerstag von 10 bis 13 Uhr besetzt.

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