Auf den Balkonen

Künstler proklamieren ein Europa der Regionen

Das European Balcony Project von Ulrike Guérot und Robert Menasse.

Petra Kohse
3 Min

Um die Proklamation der Europäischen Republik am Samstag um 16 Uhr nicht zu verpassen, musste man zumindest an einem der teilnehmenden Orte in Berlin ein gutes Auge haben. Am Außenbalkon des Berliner Ensembles hing zwar das Transparent des European Balcony Projects, aber Schauspieler mit einem Manifest in der Hand, waren keine zu sehen.

Gerade noch rechtzeitig, bevor Corinna Kirchhoff als erste von vier Sprecherinnen das Megaphon hob, konnte schräg gegenüber auf der Weidendammer Brücke ein kleiner Menschenauflauf erspäht werden, Medienvertreter zumeist, Berliner Mitglieder der Partei DiEM25 (Democracy in Europe Movement 2025) und ein paar Theaterfreunde. Das ist die Rache der sozialen Medien: dass die Leute zu Aktionen, die darüber angekündigt werden, nicht hingehen müssen, weil die besseren Bilder hinterher ja sowieso gepostet werden.

Dafür war die Kunstaktion des European Democracy Labs programmatisch dezentral, und kleine Grüppchen in ganz Berlin und Deutschland und Europa ergeben am Ende vielleicht mindestens so viel Echtzeit-Publikum wie es Staatssekretär Philipp Scheidemann hatte, als er vor hundert Jahren sein Mittagessen unterbrach, auf den Westbalkon des Reichstags trat und die Masse von Demonstranten in der Berliner Innenstadt mit der Ausrufung der Deutschen Republik befriedete.

Manifest von Guérot und Menasse

Tatsächlich trafen am Samstag am späteren Nachmittag die Tweets und Bilder im Halbminutentakt auf der Website europeanbalconyproject.eu ein, auch in Wien, Barcelona, Brüssel, Zagreb oder Paris ist von insgesamt mehr als 150 europäischen Kulturinstitutionen und Bürgergruppen öffentlich zu Gehör gebracht worden, was die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und der Schriftsteller Robert Menasse für diese Kunstaktion und das damit verbundene politische Projekt formuliert haben:

„(...) Das Europa der Nationalstaaten ist gescheitert. Die Idee des europäischen Einigungsprojektes wurde verraten. (...) An die Stelle der Souveränität der Staaten tritt hiermit die Souveränität der Bürgerinnen und Bürger. Wir begründen die Europäische Republik auf dem Grundsatz der allgemeinen politischen Gleichheit jenseits von Nationalität und Herkunft. Die konstitutionellen Träger der europäischen Republik sind die Städte und Regionen. Der Tag ist gekommen, dass sich die kulturelle Vielfalt Europas endlich in politischer Einheit entfaltet. (...)“

Auf der westlichen Seite der Weidendammer Brücke, direkt neben dem schmiedeeisernen kaiserlichen Reichsadler, bekamen Corinna Kirchhoff und später, als das eine halbe Druckseite umfassende Manifest ein zweites Mal im Wechsel gelesen wurde, auch ihre Kolleginnen Sina Martens, Annika Meier und Josefin Platt ganz feierliche Stimmen bei der Proklamation, und ringsum wurde es trotz des Verkehrs ganz still.

Das macht etwas mit Menschen

Das Sich-Bekennen macht etwas mit Menschen. Und mit dem Europa der Regionen scheint es vielleicht etwas zu geben, das sich lohnt. Im Berliner Ensemble, kündigte Intendant Oliver Reese an, würden Veranstaltungen mit der Republik-Europa-Aktivistin Ulrike Guérot folgen. In einem halben Jahr ist schließlich die nächste Europawahl und mit der Partei DiEM25, die 2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gegründet wurde, tritt erstmals eine paneuropäische Formierung an.

Dass Rechtsgleichheit und Einheit auch in anderen Teilen der Welt auf dem Wunschzettel stehen, zeigte sich zwei Ecken weiter auf dem Pariser Platz, wo vor der französischen Botschaft eine Mahnwache gegen „Todeslager mit Organraub in ganz China“ eingerichtet war und vor dem Brandenburger Tor eine Kundgebung für Solidarität mit Israel von christlichen Initiativen stattfand. Und beim Heimweg durch den herbstlich entflammten Tiergarten schließlich gab es gleiche mehrere Versammlungen mit Laternen, bei denen das Martinslied gesungen wurde – auch dieses ein Klassiker zum Thema Teilhabe und Solidarität.

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