European Championships

„Müssen relativieren“: BDR dämpft Euphorie nach Goldrausch auf der Bahn

13 Medaillen und acht Titel auf der Bahn: Die Heim-EM in München war für den Bund Deutscher Radfahrer ein Erfolg. Dennoch gibt es Verbesserungspotenzial.

sid dpa
4 Min
Die Berliner Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt überzeugen im Madison-Finale bei den European Championships.

Die Berliner Roger Kluge (l.) und Theo Reinhardt überzeugen im Madison-Finale bei den European Championships.

© imago/Arne Mill

Gold-Sprinterin Lea Sophie Friedrich fieberte dem Wiedersehen mit ihrer Großmutter an der Ostsee entgegen, Theo Reinhardt freute sich über „positiven Stress“ bei einer bevorstehenden Einschulung in der Familie, Maximilian Dörnbach brach zur Auszeit mit Freunden am Chiemsee auf.

Ruhe, Entspannung und Krafttanken abseits des Wettkampfstresses stand für die deutschen Bahnrad-Asse nach der intensiven und überaus erfolgreichen Heim-EM in München auf dem Programm. Nötig ist die Pause, denn das nächste Highlight wirft seine Schatten bereits voraus: In weniger als zwei Monaten steht der eigentliche Saisonhöhepunkt bei den Weltmeisterschaften in Paris (12. bis 16. Oktober) an.

Münchens Bahn ist 50 Meter kürzer als gewohnt

Nach den herausragenden Auftritten mit 13 Medaillen und acht Titeln sollte die Zuversicht groß sein. Von der Dominanz in München will man sich beim Bund Deutscher Radfahrer (BDR) aber nicht blenden lassen. „Wir haben uns sehr gut präsentieren können und sind zufrieden“, sagte Sportdirektor Patrick Moster, „man muss das Ergebnis aber relativieren.“

Gemeint war etwa der Sprint-Bereich bei den Männern. Im Keirin, bei dem Dörnbach am Dienstag Silber gewann, fehlten etwa die Niederländer Jeffrey Hoogland und Harrie Lavreysen. Die Olympiasieger und Weltmeister sind im Kurzzeitbereich das Maß der Dinge, gewannen in München den Teamsprint, entschieden sich dann aber gegen weitere Starts – wegen Sicherheitsbedenken.

Denn das international ungewohnte 200-m-Oval in den Münchner Messehallen war technisch äußerst anspruchsvoll. Das BDR-Team bereitete sich dafür eigens auf der Bahn in Augsburg vor, ein Aufwand, der sich lohnte. Andere Nationen reisten deutlich unvorbereiteter an. Bei den kommenden Highlights geht es wieder auf die klassische 250-m-Bahn.

München, so Moster, habe aufgezeigt, „woran wir noch arbeiten müssen.“ Insbesondere in den Massendisziplinen im Kurzzeit- und Ausdauerbereich müsse man schauen, noch einen Schritt nach vorne zu machen: „Das gilt insbesondere für die zweite Reihe.“ Der eingeschlagene Weg mit den neuen Bundestrainern Jan van Eijden (Sprint) und Tim Zühlke (Ausdauer) sei richtig. Alles habe gut miteinander harmoniert. „Das hat mich persönlich auch sehr überrascht“, sagte Moster.

Eine Herausforderung – speziell mit Blick auf die Sommerspiele 2024 in Paris – ist die Entwicklung der Mannschaftsverfolgung. Der Gold-Vierer von Tokio etwa bestritt in München mit dem Rücktritt von Lisa Brennauer sein letztes Rennen. Brennauer hinterlasse „eine Lücke, die der deutsche Radsport nicht schließen kann“, sagte Moster.

Berliner Duo Reinhardt/Kluge meldet sich spektakulär zurück

Als Ersatz steht Laura Süßemilch bereit. Die 25-Jährige erholt sich derzeit aber von einem schweren Sturz bei der Tour de France. Wie stark sie zurückkommt, bleibt abzuwarten. Bei den Männern ist die Besetzung für Paris 2024 noch völlig offen.

Das Grundgerüst des BDR-Aufgebots von München wird dann allerdings um olympische Medaillen kämpfen. Edelmetall im Sprintbereich der Frauen ist dabei fest eingeplant. Dreifach-Europameisterin Emma Hinze (Teamsprint, Zeitfahren, Sprint) und Doppel-Europameisterin Friedrich (Teamsprint, Keirin) dominierten mit vier Titeln.

Auch in einer anderen Disziplin darf wieder geträumt werden. Roger Kluge und Theo Reinhardt meldeten sich nach Tiefschlägen mit Gold im Madison spektakulär zurück. In der letzten EM-Entscheidung feierten die Berliner einen überlegenen Erfolg. In dem von den Sechs-Tage-Rennen bekannten Zweier-Mannschaftsfahren über 50 Kilometer siegte das Duo mit 101 Punkten vor Frankreich (91) und Belgien (58). Dabei brachten sie das Kunststück fertig, in 22 von 25 Wertungen Punkte zu holen. „Das hat noch keiner geschafft“, sagte Kluge. „Wir haben heute gezeigt, dass wir die Weltspitze mit kreieren. Wir haben gesehen, dass wir international konkurrenzfähig sind. Das braucht man nicht zu verheimlichen, dass so was Auftrieb gibt“, meinte Partner Reinhardt. „Ans Aufgeben war bei uns nie zu denken. Wir haben gezeigt, dass wir zur Weltspitze gehören.“

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