European Song Contest

„Wer kann, muss seine Stimme erheben“

Endlich geht es los, Schlager ohne Ende: der 60. Eurovision Song Contest. Wien ist bestens vorbereitet auf das Großereignis des Jahres.

Elmar Kraushaar
5 Min
Conchita Wurst: Der schwule Mann in Gestalt einer bärtigen Diva hat der Stadt das Schlager-Festival beschert.

Conchita Wurst: Der schwule Mann in Gestalt einer bärtigen Diva hat der Stadt das Schlager-Festival beschert.

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Die Straßenbahnen fahren im Song-Contest-Design, auf den städtischen Abfalleimern steht: „Eurowischn Putz Contest – Zeit für Gefülle“, und aus Kanaldeckeln tönen ESC-Hits. In den U-Bahn-Stationen begrüßt Conchita Wurst die Gäste vom Band, und die Journalisten bekommen zur Begrüßung Taschen gefüllt mit Salami-Pralinen und Puten-Cabanossi – „Wir sind Wurst!“, lautet die Schlagzeile eines Touristenprospekts. Und an 49 Straßenkreuzungen der Stadt regeln statt der geschlechtsneutralen Ampelmännchen zwei rote Frauen und zwei grüne Männchen den Fußgängerverkehr, das Lesbenpärchen stoppt, die Schwulen geben Hand in Hand den Weg frei. „Vielfalt ist in Wien kein Lippenbekenntnis“, kommentiert ein Beamter der städtischen Antidiskriminierungsstelle die gegenderten Ampeln.

Der schwule Mann in Gestalt einer bärtigen Diva hat der Stadt nicht nur das Festival beschert, sondern mit seiner Botschaft von Vielfalt und Toleranz auch eine Verpflichtung zur besonderen Gesinnung. Das Vergnügungsleben in Wien ist in diesen Tagen ganz dem Motto „Anders-Andersrum“ verpflichtet. Beim „Boylesque-Festival“ zeigen Männer, dass sie sich genau so erotisch bewegen können wie Dita van Teese, im Theater Metropol trifft Dana International aus Israel auf Verka Serduchka aus der Ukraine zu „60 Jahre Song Contest Andersrum“, moderiert von Jurassica Parka, einer Dragqueen aus Berlin.

Doppelt kokett: Alice und Ellen Kessler 1959 beim Grand Prix Eurovision in Cannes.

Doppelt kokett: Alice und Ellen Kessler 1959 beim Grand Prix Eurovision in Cannes.

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Würdig oder nicht? Das slowenische Transvestiten-Trio Sestre wurde arg beäugt.

Würdig oder nicht? Das slowenische Transvestiten-Trio Sestre wurde arg beäugt.

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Mit Muster: Das Kleid der deutschen Sängerin Mary Roos – bodenlang, schwarz, mit schwarz-weißen Rauten – kam 1972 aus dem Hause Jil Sander.

Mit Muster: Das Kleid der deutschen Sängerin Mary Roos – bodenlang, schwarz, mit schwarz-weißen Rauten – kam 1972 aus dem Hause Jil Sander.

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Längstreifen machen schlank: Unvergessen bleibt die Spanierin Lydia, die 1999 in einem bodenlangen Kleid, gestreift und in den Farben des Regenbogens, der Designerin Ágatha Ruiz de la Prada auftritt. Lydia erielt dafür den „Barbara Dex Award“, den Fans jedes Jahr für das geschmackloseste Outfit beim ESC verleihen.

Längstreifen machen schlank: Unvergessen bleibt die Spanierin Lydia, die 1999 in einem bodenlangen Kleid, gestreift und in den Farben des Regenbogens, der Designerin Ágatha Ruiz de la Prada auftritt. Lydia erielt dafür den „Barbara Dex Award“, den Fans jedes Jahr für das geschmackloseste Outfit beim ESC verleihen.

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Mini mit Glitzer und Tüll-Schleppe: Der Berliner Designer Matthias Maus entwarf dieses Kleid 2013 für Natalie Horler, Frontfrau von Cascada, Deutschlands ESC-Vertretern.

Mini mit Glitzer und Tüll-Schleppe: Der Berliner Designer Matthias Maus entwarf dieses Kleid 2013 für Natalie Horler, Frontfrau von Cascada, Deutschlands ESC-Vertretern.

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Mit Durchblick: Die Australierin Gina G., die 1996 Großbritannien vertrat, trug ein Mini-Kleid aus Goldimitatmünzen von Paco Rabanne.

Mit Durchblick: Die Australierin Gina G., die 1996 Großbritannien vertrat, trug ein Mini-Kleid aus Goldimitatmünzen von Paco Rabanne.

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Auch Männer können Haute Couture: Aufsehen erregte Marco Mengoni, 2013 für Italien im Wettbewerb, in einem gut sitzenden, dunkeltürkisfarbenen Anzug von Massimiliano Giornetto, Kreativ-Direktor im Hause Salvatore Ferragamo.

Auch Männer können Haute Couture: Aufsehen erregte Marco Mengoni, 2013 für Italien im Wettbewerb, in einem gut sitzenden, dunkeltürkisfarbenen Anzug von Massimiliano Giornetto, Kreativ-Direktor im Hause Salvatore Ferragamo.

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Paradiesvogel: Mit einem federgeschmückten Abendkleid von Gaultier triumphierte 1998 Dana International aus Israel. Als sie 2011 noch einmal an den Start ging, trug sie wieder ein Kleid von Jean-Paul Gaultier – oben geflochten und unten gefranst – und kam nicht einmal ins Finale der Show.

Paradiesvogel: Mit einem federgeschmückten Abendkleid von Gaultier triumphierte 1998 Dana International aus Israel. Als sie 2011 noch einmal an den Start ging, trug sie wieder ein Kleid von Jean-Paul Gaultier – oben geflochten und unten gefranst – und kam nicht einmal ins Finale der Show.

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Dicker Schnabel: Dustin The Turkey aus Irland kam 2008 leider nicht ins Finale.

Dicker Schnabel: Dustin The Turkey aus Irland kam 2008 leider nicht ins Finale.

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Bei der 23. Ausgabe des Life Balls, Europas größte Wohltätigkeitsveranstaltung in Sachen Aids, stehen die Promis Schlange auf dem roten Teppich vor dem Rathaus: Charlize Theron und Sean Penn, Conchita Wurst mit Jean-Paul Gaultier, Mary J. Blige, Kelly Osbourne, Paula Abdul. Und Prinz Harry von Wales sendet eine Videobotschaft aus Australien. Loreen, die schwedische ESC-Siegerin von 2012, singt auf dem Ball und verkündet: „Wer kann, muss seine Stimme erheben.“ Selbst Michael Häupl, sozialdemokratischer Bürgermeister der Hauptstadt, fühlt sich ganz solchen Inhalten verpflichtet. Es gehe nicht nur um Musik, sagt er in seinem Grußwort zum ESC, „Es geht auch um die Botschaft, die vermittelt werden soll: um ein friedliches Zusammenleben, um Nichtausgrenzung von Bevölkerungsgruppen und um Toleranz.“

Ganz in diesem Sinne geht es an diesem Dienstagabend weiter beim ersten Halbfinale des Wettstreits, 16 Länder treten gegeneinander an, und nicht wenige Künstler nutzen die Bühne für ihre speziellen Anliegen. Den spektakulärsten Auftritt wird die finnische Punkrockband PKN hinlegen, vier geistig behinderte Musiker voller Power und aggressiver Kraft. Wie untauglich die Rede von der geistigen Behinderung ist, beweisen die vier bei ihrer Pressekonferenz vorab. „Wir sind sehr unterschiedlich“, sagt Drummer Toni Välitalo, „streiten viel und haben ganz unterschiedlichen Geschmack. Aber wir gehen gemeinsam auf die Bühne und werden es den anderen schon zeigen.“ Und dann erzählt Pertti Kurikan noch von einem anderen ihrer Songs, ein Lied über furzende Tiere. „Darauf muss man erst einmal kommen!“ Geistig behindert? Eine andere Art die Welt zu sehen, trifft wohl eher zu.

Ein soziales und politisches Problem der ganz anderen Art hat sich die rumänische Gruppe Voltaj vorgenommen. Sie wollen auf das Schicksal von Kindern in ihrer Heimat aufmerksam machen, die von ihren im Ausland arbeitenden Eltern zurückgelassen wurden. Allein nach Rumäniens EU-Beitritt 2007 wurden 300 000 Kinder zurückgelassen, aktuell sind es immer noch 85 000. „Das Ganze ist nicht alleine ein rumänisches Problem“, sagt Oliver Sterian, Drummer bei Voltaj. „Es betrifft viele ehemalige Ostblockstaaten, aber auch zunehmend Familien in Westeuropa.“ Die Band hat vor einem Jahr eine Organisation zur Unterstützung dieser Kinder gegründet und arbeitet zusammen mit Kinderschutzorganisationen wie United Way und Habitat for Humanity.

Die sechs Sängerinnen und Sänger der armenischen Gruppe Genealogy gedenken in ihrem Beitrag des Völkermords und der Vertreibung ihrer Vorfahren vor einhundert Jahren. Ungarn lässt Boogie verkünden: „Wars For Nothing“, und ausgerechnet die Russin Polina Gagarina will ihr „A Million Voices“ als ein Friedenslied verstanden wissen. Dagegen stellt sich die Serbin Bojana Stamenov in direkte Gefolgschaft zur Vorjahressiegerin Conchita Wurst. „Yes, I’m Different, And It’s Okay!“, heißt es in ihrer kraftvollen Powerballade „Beauty Never Lies“.

Der ESC bietet in diesem Jahr, beim 60. Mal mehr Statements und Botschaften denn je – das Erbe einer Diva mit Bart.

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