Dabei hat sie gar nichts Neues erfunden, Damen mit Vollbart gab es schon im 19. Jahrhundert. Sie zogen in Freak-Shows von Jahrmarkt zu Jahrmarkt und ließen sich von einem sensationshungrigen Publikum begaffen. Bei aller Gesichtsbehaarung, die Frauen waren sich – so wollen es die historischen Überlieferungen – immer einig mit ihrem biologischen Geschlecht. Das ist neu bei Conchita Wurst: Hier entschließt sich ein junger Mann, schwul und deswegen ständiger Diskriminierung ausgesetzt, eines Tages zum Gegenangriff. Die Provokation war geboren.
Seitdem setzt er sich im Frauenkleid ein für die Akzeptanz aller Lebensentwürfe, die nicht den Regeln der katholischen Kirche oder einer überholten Moral folgen. Um sich von den unzähligen Dragqueens – so die Bezeichnung der neuen Art – zu unterscheiden, die sich seit Jahren in den Subkulturen der Metropolen tummeln, lässt Frau Wurst schlicht ihren Bart stehen und hilft mit Farbe ein wenig nach, wenn der Schatten um das Kinn zu blass erscheint.
Sie ist nicht zu verwechseln mit einem Travestiekünstler, ihre Bühne sind nicht die Nachtclubs der Städte, und ihr Programm besteht nicht aus Vollplayback und schlüpfrigen Witzen. Sie steht vor einem Millionenpublikum, wie jetzt beim ESC in Kopenhagen, mit einer erstaunlich guten Stimme und einer Präsenz, wie man sie sonst nur von den großen Diven kennt.
Natürlich schafft sich Conchita Wurst mit ihrem provokanten Äußeren nicht nur Freunde. Schon als sie vom österreichischen Fernsehen nominiert wird, gibt es im Internet Protestwellen. Das ist bis heute so geblieben. Aus Russland und Weißrussland werden Stimmen laut, man möge die Übertragung der ESC-Liveshow unterbrechen, sobald die falsche Dame auf dem Schirm erscheint. Das alles lässt die Künstlerin kalt. „Es ist doch Wurst, wie man aussieht“, antwortet sie, angesprochen auf ihren wenig glamourösen Nachnamen. „Ich möchte der Welt zeigen, dass man – wenn man niemandem wehtut – leben kann, wie man möchte. Ohne dafür angefeindet oder diskriminiert zu werden.“ Seit dem ESC-Halbfinale am Donnerstag wird Conchita Wurst überschüttet mit Lob und Sympathie. Die Moderatorin kündigt sie an als „Königin von Österreich“, und sie verlässt die Bühne als „Kaiserin Conchita, die Erste“, schreibt stern.de. Das Ergebnis an diesem Finalabend wird zeigen, ob Europa reif ist für eine solche Monarchin.
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