Evangelisches Jugend- und Fürsorgewerk weist den Vorwurf der Untreue gegen seinen Vorstandschef zurück

Alles nur ein Racheakt?

Eva Dorothée Schmid
4 Min

Erneut ist der Chef eines gemeinnützigen Unternehmens ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten. Wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, bestätigte, wird seit einigen Monaten gegen Siegfried Dreusicke, Vorstandsvorsitzender des evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks (EJF), ermittelt. Es bestehe der Verdacht auf Untreue, so Steltner.Der 68-jährige Dreusicke hat als Rechtsanwalt einen Beratervertrag mit der Zentrale der MBN in Nordrhein-Westfalen abgeschlossen, deren Berliner Niederlassung für das EJF für rund 3 Millionen Euro in der Kornmesserstraße in Lichterfelde eine Senioren-Wohnanlage gebaut hat. Die Staatsanwaltschaft prüft, ob es sich bei dem Honorar um versteckte Provisionszahlungen handelt.Das EJF und Dreusicke wehren sich gegen die Vorwürfe. Der Aufsichtsratsvorsitzende der gemeinnützigen Aktiengesellschaft, Ulrich Baßeler, erklärte gestern, MBN habe am 2. November 2007 ein Angebot für das Bauvorhaben in der Kornmesserstraße abgegeben. Am 7. August 2008 habe man das Angebot angenommen, weil es mit Abstand das preisgünstigste von drei abgegebenen gewesen sei. Der Beratervertrag von Dreusicke sei erst im September 2008 geschlossen worden. Dreusicke habe ihn sowie ein weiteres Mitglied des Aufsichtsrates freiwillig Einsicht in den Beratervertrag nehmen lassen. "Darin gibt es keinerlei inhaltlichen und zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Vertrag und der Durchführung des Bauvorhabens", so Baßeler. Auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG habe die Vergabe überprüft und keine Unregelmäßigkeiten gefunden.Dreusicke sei seit 1993 vertraglich zugesichert, dass er Nebentätigkeiten ausüben dürfe. Dreusicke sagte, damals habe sein Jahresgehalt beim EJF nur 50000 Euro betragen, deshalb habe man das so vereinbart. Inzwischen verdiene er 150000 Euro. Er habe damals keine Bedenken gehabt, den Beratervertrag abzuschließen, denn die Vergabe sei für ihn abgeschlossen gewesen. "Im Nachhinein hätte ich es nicht noch mal gemacht." Warum er bei seinem durchaus stattlichen Gehalt nicht auf Nebentätigkeiten verzichte, erklärte er damit, dass er seine Vorstandstätigkeit beim EJF im nächsten Jahr beenden, aber weiter als Anwalt arbeiten wolle. Da benötige er Kontakte.Baßeler vermutet, dass ein Rechtsanwaltspaar hinter den Anschuldigungen steckt. Das Paar habe gegen Honorar für das EJF gearbeitet und sei dann auch Mitglied im Verein geworden. Als auch andere Rechtsanwälte beauftragt wurden, hätten beide eine Kampagne gegen den Vereinsvorstand begonnen. Man habe deshalb beschlossen, das Paar auszuschließen. "Da ist ein Racheakt naheliegend", sagte Baßeler.Eigentlich sei es nicht gewollt, dass Mitglieder des Vereins für das EJF gegen Honorar tätig seien, so Baßeler. In der Vereinssatzung steht, dass wer haupt- oder nebenberuflich in einem Dienstverhältnis zum Verein oder zu einer seiner Gesellschaften stehe, nicht Mitglied werden könne. Baßeler musste allerdings zugeben, dass dies teilweise der Fall sei. 2009 seien 90000 Euro Honorare an Vereinsmitglieder geflossen, davon der größte Teil an das besagte Rechtsanwaltspaar. Der Vorstand und Schatzmeister des Vereins erhält ein Honorar von 800Euro pro Monat vom EJF. Auch der SPD-Abgeordnete Karlheinz Nolte, ebenfalls Vereinsmitglied, hat einen Beratervertrag mit dem EJF.------------------------------Gemeinnützige AGGegründet wurde das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) am 4.Dezember 1894. Es hat heute über 90 Einrichtungen, in denen knapp 4000 Menschen betreut werden. Es beschäftigt in Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern sowie im polnischen und tschechischen Grenzgebiet knapp 3000 Mitarbeiter.Rechtsform ist eine gemeinnützige Aktiengesellschaft. Sämtliche Aktien werden vom EJF e.V. gehalten. Vorstandsvorsitzender ist Hans-Jürgen Krödel, ein Pfarrer aus Bayern. Er sitzt auch im Aufsichtsrat der EJF gemeinnützigen AG. Als Geschäftsführer des Vereins fungiert Siegfried Dreusicke. Er ist gemeinsam mit Andreas Eckhoff zudem Vorstandsvorsitzender der EJF gemeinnützigen AG.Das Unternehmen ist in Berlin und Brandenburg auf die Unterbringung junger Straftäter spezialisiert. Es betreibt zudem seit einem Jahr in Neukölln Deutschlands erstes Schulschwänzer-Internat, sowie Alten- und Behinderteneinrichtungen.Laut Geschäftsbericht sind 80 Prozent der Umsätze "Leistungsentgelte der Kostenträger" und 15 Prozent "Zuschüsse für Personal- und Sachkosten", also öffentliche Gelder. Das Unternehmen machte 2009 120 Millionen Euro Umsatz.------------------------------Foto: Das EJF kümmert sich auch um junge Straftäter. Diese werden zum Beispiel in einer Jugendhilfeeinrichtung in Frostenwalde in der Uckermark betreut - und müssen in diesen Tagen dort auch mal Laub harken.Foto: Siegfried Dreusicke, EJF Berlin

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