Wie ungleich die Chancen für Frauen und Männer auf dem Arbeitsmarkt sind, nehmen die Berliner sehr genau wahr. Dass eine Benachteiligung existiert, je nach Geschlecht, steht für viele außer Frage. Die meisten Berliner, 65 Prozent, glauben, dass Frauen nach wie vor nicht die gleichen Aufstiegschancen wie Männer haben.
Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Im Auftrag der Berliner Zeitung wurden zwischen dem 11. und 26. Oktober über eintausend Berliner dazu befragt, wie sie das Verhältnis zwischen Mann und Frau bewerten.
Anlass der Befragung war der Skandal um den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein, dessen Verhalten gegenüber Frauen eine weltweite Diskussion über Sexismus ausgelöst hat. Auf Facebook und Twitter schilderten in der Folge Hunderttausende Betroffene Situationen, in denen sie sich belästigt, benachteiligt oder bedrängt gefühlt haben, andere solidarisierten sich mit ihnen. Das Erkennungszeichen der Debatte ist das Hashtag #Metoo.
Nur 19 Prozent sehen sich gleichberechtigt
Die Diskussion trifft auch in Berlin auf einen starken Widerhall, das zeigte sich an den Ergebnissen der Umfrage. So sagen 40 Prozent der befragten Berlinerinnen, dass sie selbst schon einmal diskriminiert wurden. 31 Prozent der befragten Männer und Frauen sind Fälle von Benachteiligung in ihrem Umfeld bekannt.
Wenn man sich die Ergebnisse ansieht, klafft in der Beurteilung der Lage eine große Lücke zwischen den Geschlechtern. So sind vielen Männern die Ungleichheiten am Arbeitsplatz oft gar nicht bewusst, 42 Prozent von ihnen sehen Frauen als gleichberechtigt. Frauen hingegen nehmen ihre Chancen ganz anders wahr. Nur 19 Prozent sehen sich als gleichberechtigt. 76 Prozent der weiblichen Befragten sagen, sie haben schlechtere Karrierechancen als Männer.
Je jünger die Befragten sind, desto optimistischer schätzen sie die Aussichten von Frauen ein. Die Probleme fangen oft erst an, wenn ein Kind dazukommt. Am pessimistischsten nehmen so auch die 30- bis 44-Jährigen die Arbeitsbedingungen von Frauen wahr. Das ist das Alter, in dem die meisten Frauen Kinder bekommen – und beruflich nach hinten fallen.
Die Forsa-Umfrage macht derweil keine Hoffnung darauf, dass Männer das schwierige Zusammenspiel von Beruf, Haushalt und Familie ausreichend reflektieren, um als Chefs oder Partner Frauen mit Kindern stärker zu unterstützen oder sich die Erziehungsarbeit zu teilen. Gefragt nach den Gründen für die mangelnden Chancen, nennen nur acht Prozent der Männer die schwierige Vereinbarkeit, Frauen bewerten das anders. Fast jede fünfte von ihnen sieht darin ein Problem, dass die Verantwortung für Familie und Haushalt bei ihnen liegt. Männer sehen als Ursache für die anhaltende Benachteiligung eher männliche Dominanz in Führungspositionen, fortbestehende Vorurteile und traditionelle Rollenbilder.
Meinungsverschiedenheiten bei Frauenquote
Frauen beurteilen sich selbstkritischer als Männer: Zwölf Prozent nennen mangelndes Selbstbewusstsein von weiblichen Angestellten als einen Grund dafür, dass sie nicht vorankommen.
Forsa hat die Berliner auch nach möglichem Handlungsbedarf gefragt. Bei der Frage, ob die Einführung einer Quote für Führungspositionen eine sinnvolle Maßnahme wäre, um Frauen den Aufstieg zu erleichtern, tun sich wiederum Meinungsverschiedenheiten zwischen den Geschlechtern auf. Frauen wollen eine Quote, und zwar zu 55 Prozent (Männer 37 Prozent). Fragt man nach Parteinähe, sprechen sich am ehesten die Anhänger der Linkspartei dafür aus (66 Prozent). SPD-Wähler hingegen lehnen mehrheitlich eine Frauenquote ab – obwohl die Sozialdemokraten das selber fordern.
Trotz der großen Debatte über Sexismus und Gleichberechtigung sind sich die Berliner im Klaren, dass damit nicht alles vorbei ist. Sie schätzen die Lage realistisch genug ein, dass sie keine schnelle Problemlösung erwarten. 49 Prozent derjenigen, die eine anhaltende Ungleichheit der Karriereaussichten feststellen, glauben, dass sich daran in den nächsten zehn Jahren auch nichts ändern wird. Deutlich optimistischer sehen das die unter 30-jährigen Berliner. Sie haben noch Hoffnung, dass sich schnell etwas bewegt.
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