Berlin - Herr Brockmann, Sie sind Physiker und beschäftigen sich mit dem Risiko der Ebola-Ausbreitung durch den weltweiten Flugverkehr. Wie genau tun Sie das?
Wir haben Simulationsmodelle entwickelt, die dieses Risiko beschreiben. Für jeden der 4 000 Flughäfen der Welt bilden sie ab, wie wahrscheinlich es ist, dass dort ein Passagier ankommt, der in Westafrika als Ebola-Kranker ein Flugzeug bestiegen hat. So lässt sich das relative Importrisiko für jedes Land einschätzen.
Wie hoch ist dieses Risiko für Deutschland?
Es liegt bei etwas unter einem Prozent. Das bedeutet, dass wenn in den betroffenen Ländern Westafrikas 100 Ebola-Patienten Flugreisen unternehmen, einer von ihnen nach Deutschland kommen wird. Zum Vergleich: Für Europa insgesamt liegt diese Wahrscheinlichkeit bei etwa zehn Prozent. Von den 100 flugreisenden Ebola-Kranken aus Westafrika werden also zehn nach Europa kommen.
Ist das ein hohes Risiko?
Man muss es ins Verhältnis setzen. In den vergangenen Wochen sind zweimal zunächst unerkannt Ebola-Kranke mit Passagierflugzeugen aus Westafrika ausgereist – einmal in die USA, einmal nach Nigeria. Bis ein Ebola-Patient nach Deutschland kommt, müsste es einhundert unerkannt ausreisende Ebola-Kranke geben – es gab aber innerhalb mehrerer Monate erst zwei. Also ist das Risiko für Deutschland gegenwärtig noch sehr gering.
Es gibt Überlegungen, den Flugverkehr aus Westafrika einzuschränken. Würde das nützen?
Das würde zwar die Wahrscheinlichkeit verringern, dass ein Ebola-Kranker ausfliegt, das Importgeschehen aber nur verzögern. Dann trifft der erste Ebola-Kranke vielleicht nicht in vier, sondern in acht Wochen in Deutschland ein. Das Problem ist, dass sich die Ebola-Epidemie in Westafrika noch exponentiell ausbreitet. Das heißt, die Zahl der Kranken verdoppelt sich alle drei Wochen. Selbst wenn dann nur noch zehn Prozent der Fluggäste von heute reisen würden, würde dieser Rückgang der Reisewahrscheinlichkeit durch das exponentielle Wachstum der Krankheitsfälle schnell ausgeglichen.
Was also sollte getan werden?
Wir bekommen die Situation am besten in den Griff, wenn wir in den betroffenen Ländern handeln. Das exponentielle Wachstum der Krankheitsfälle dort muss gestoppt werden. Reisebeschränkungen können da einen gegenteiligen Effekt haben – den, dass wir Hilfe nur schwer nach Westafrika bringen können. Reisebeschränkungen sind eine Idee des 19. Jahrhundert, die heute nicht mehr funktioniert. Die Welt ist zu stark vernetzt, das Flugnetz zu redundant. Alle Computersimulationen zeigen, dass das Importrisiko dann am effektivsten vermindert wird, wenn wir lokal wirken. Es mag widersprüchlich klingen. Aber wir müssen in die Gefahrenregion reisen, um die Wahrscheinlichkeit einer Ausbreitung in andere Regionen zu verringern.
Das Gespräch führte Christian Siepmann.
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