Auf den ersten Blick geht es nur um eine hundert Jahre alte Brücke, die neu gebaut, und um einen Bahndamm, der verbreitert werden werden muss. Das kleine Projekt an der Grenze zwischen Lichtenberg und Friedrichshain hat allerdings eine große Bedeutung. Denn der kurze Ringbahnabschnitt am Wiesenweg wird dringend benötigt, um dem geplanten Airport Express zum BER und anderen Zügen einen zeitraubenden Umweg zu ersparen. Doch nun musste ein wichtiger Teil des Bauvorhabens erst mal gestoppt werden. Der Grund: Fledermäuse.
„Bei Abendspaziergängen sind sie uns immer wieder aufgefallen“, sagt Dirk-Toralf Bräuer. „Und hier leben sie.“ Der 49-jährige Lichtenberger steht vor den Häusern Wartenbergstraße 20 und 21 – beziehungsweise vor dem, was davon übrig geblieben ist. Seit Jahren sind die einstigen Wohngebäude leer. Wände sind eingestürzt, Fensterglas und intakte Dächer gibt es schon lange nicht mehr. Erst im Dezember hat es in einer der Ruinen gebrannt.
„Da wird immer wieder gezündelt“, sagt Bräuer, der in der Nähe am Kietzer Weg lebt. Für Menschen sind die Häuser am Rande von Lichtenberg unbewohnbar – für Fledermäuse gilt das offenbar nicht. Die Tiere, von denen viele als gefährdet gelten und auf der Roten Liste stehen, mögen alte Gemäuer wie diese.
In 34 Minuten zum BER
Ginge es nach der Deutschen Bahn, wären die Ruinen längst abgerissen. Wo sie stehen, ist eine provisorische Baustraße geplant, die notwendig ist, damit der Kietzer Weg während der Arbeiten an der Ringbahntrasse weiterhin erreichbar ist. Neben der Brücke über den Wiesenweg müssen drei Stützmauern erneuert werden, das engt die nur sechs Meter breite Kopfsteinpflastergasse ein. Doch jetzt kann die Baustraße von der Wartenbergstraße zum Kietzer Weg zunächst nicht angelegt werden. Das Teilprojekt, das für das gesamte Bauvorhaben unabdingbar ist, ist vor kurzem gestoppt worden.
„Es besteht der Verdacht, dass hier Fledermäuse überwintern“, bestätigte ein Sprecher der Bahn auf Anfrage. „Deshalb hat das Bezirksamt Lichtenberg zunächst den Abbruch der Gebäude untersagt. Der Abriss kann voraussichtlich erst im April 2018 erfolgen“ – deutlich später als bisher geplant. „Derzeit wird der Bauablauf für die Baumaßnahme mit dem Ziel überarbeitet, den Inbetriebnahmetermin für die Eisenbahnbrücke Wiesenweg trotzdem wie geplant sicherzustellen.“
Anwohner Dirk-Toralf Bräuer in der Wartenbergstraße. Zwei der Häuser hinten sollen weichen.
© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Bisher hieß es, dass im Juni 2019 alles fertig sein sollte. Das ist geplant: Die baufällige Ringbahnbrücke über den Wiesenweg, die 1918 in Betrieb ging, soll abgerissen und neu gebaut werden. Der Damm für die vier Gleise wird um 1,65 Meter verbreitert, um den aktuellen Vorschriften zu den Gleisabständen gerecht zu werden. Nicht zuletzt: Die beiden Gleise für den Fern- und Regionalverkehr, die derzeit auf diesem Abschnitt gesperrt sind, werden neu gebaut – mit Fahrleitung.
Wenn die Ring-Lücke geschlossen ist, wird dort der Flughafen-Express (FEX) verkehren können. Die Regionalzüge sollen nach Eröffnung des Flughafens zweimal stündlich fahren – vom Hauptbahnhof über Gesundbrunnen und Ostkreuz zum BER und zurück. Die gesamte Fahrt soll 33 bis 34 Minuten dauern.
Klageschrift ist eingereicht
Es ist ein Projekt, das wichtig ist, damit der Flughafen gut erreichbar ist. Doch wenn es nach Dirk-Toralf Bräuer ginge, könnte der Zeitplan nicht nur wegen Fledermäusen ins Wanken geraten. Mit einer Klage will Bräuer, der seit DDR-Zeiten am Kietzer Weg östlich des Rings wohnt, den Planfeststellungsbeschluss kippen – die Genehmigung, die das Eisenbahn-Bundesamt im Oktober der Bahn ausgestellt hat. „Die Klageschrift liegt beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg“, sagt Philipp Lingmann, Rechtsanwalt des Anliegers. Die Klage wurde eingereicht unter der Bedingung, dass Bräuer Prozesskostenhilfe erhält.
Der Kläger befürchtet Lärm und Erschütterungen. Es sei ein Unding, dass keine Schallschutzwände vorgesehen seien, sagt er. Die Bahn argumentierte damit, dass der Bereich östlich der Ringbahn als Gewerbegebiet einzustufen ist – da gebe es keinen Anspruch auf Lärmschutz. „Dabei stehen hier 14 Gebäude, die als Wohnhäuser genutzt werden“ – sein Haus schon seit 1925, kontert Bräuer.
Es gebe weitere Merkwürdigkeiten, die ihn und andere Anwohner ärgern. So blieben einige Halteverbotsschilder bis heute stehen, obwohl der Abbruch der Ruinen in der Wartenbergstraße vertagt wurde. Die Gültigkeit wurde sogar bis Ende März ausgedehnt, erzählt Sven Rothe, der in der Straße eine Kfz-Werkstatt hat. „Wir bekamen schon mehrere Knöllchen.“ Bräuer berichtet von einem Unfall an der Bahntrasse, der sich Sonntag gegen 0.40 Uhr ereignet habe. Mitten in der Nacht seien Bauarbeiter damit beschäftigt gewesen, einen alten Fahrleitungsmast zu entfernen. Dabei sei ein Schweißer von der Böschung gestürzt. Ein Notarztwagen der Feuerwehr musste kommen, so Bräuer.
Wie das Projekt weitergeht, wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. „Es war genug Vorlauf um zu gucken, ob da Getier ist. Das ist ärgerlich“, sagt der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann. Immerhin: Was den Flughafen-Express anbelangt, ist der Druck geringer geworden. Nach jetzigem Stand soll der BER im Oktober 2020 fertig werden.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de