Extremismus-Experte als Bombenbauer verdächtigt: Österreichs Rechte macht Jagd auf unbequemen Journalisten

WIEN, im September. In der vergangenen Woche hat in Wien ein Prozeß gegen den Journalisten Wolfgang Purtscheller begonnen. Die Anklage lautet auf Widerstand gegen die Staatsgewalt, begangen im Jahre 1994. Was damals geschah, ist zwischen den Prozeßparteien umstritten. Glaubt man der Aussage eines Polizisten, so wurde ihm von Purtscheller der Daumen gequetscht, weshalb er ­ nebenbei bemerkt: mit fünfwöchiger Verspätung ­ Anzeige erstattet habe. Glaubt man hingegen dem Angeklagten, so hat der Journalist und Buchautor seinerzeit zwei afrikanische Asylbewerber gegen ihre Abschiebung verteidigt, woraufhin sich 15 Beamte mit dem Ruf "Das ist er!" auf ihn stürzten und ihn k.o. schlugen. Purtscheller erlitt bei der Aktion eine Gehirnerschütterung, Schädel- und Rippenprellungen und etliche Bänderrisse. Aber das spielt in der öffentlichen Diskussion im Lande kaum eine Rolle.Viel wichtiger scheint hingegen Purtschellers Lederjacke. Mit einer solchen Jacke nämlich, das wollen Politiker der rechtsradikalen FPÖ herausgefunden haben, sei 1995 nach der Explosion einer Rohrbombe in einer Roma-Siedlung in der burgenländischen Kleinstadt Oberwart eines der vier Todesopfer zugedeckt worden. Daß der Anschlag von Oberwart bisher der mysteriösen, aber zweifelsfrei rechtsextremistischen "Bajuwarischen Befreiungsarmee" zugeschrieben wurde, die für eine ganze Serie von Attentaten verantwortlich zeichnet, störte die Haider-Partei nicht. Ihr Vize-Chef Ewald Stadler behauptete vielmehr in der rechtsextremen Zeitung "Junge Freiheit", der Bombenterror habe "linksextremen Hintergrund", und Purtscheller sei "das Zentrum einer Verschwörung". Beweisstück: Ebenjene Lederjacke. Außerdem sei bei ihm ein "Notizbuch mit Anleitungen zum Bombenbau" gefunden worden.Die Fehde ist alt. Mit Wolfgang Purtscheller, Autor zweier Bücher über Rechtsextremismus in Österreich und Verfasser etlicher Enthüllungsreportagen, hatte die FPÖ schon diverse Sträuße ausgefochten; immer wieder beschwerten sich ihre Parlamentarier darüber, daß der prominente Extremismusforscher in Schulen Gelegenheit bekam, die Verbindungen zwischen der FPÖ und Neonazis auszubreiten.Diesmal aber bekam die Partei Schützenhilfe. Die "Kronen-Zeitung", Österreichs größtes Boulevardblatt, infomierte die Leser brühwarm über die "neuen Spuren" und brachte den namentlich nicht genannten Purtscheller auch in Verbindung mit einem mißlungenen Anschlag auf einen Strommast, bei dem die Täter, zwei "Autonome", ums Leben gekommen waren. Der 42jährige sei jedenfalls "schon vor dem Anschlag in Oberwart" gewesen, und gehöre ihm tatsächlich die ominöse Lederjacke, dann ließe diese Tatsache den "Bajuwaren-Spuk möglicherweise in einem völlig anderen Licht erscheinen". Der liberalere Kurier schloß sich der Kampagne umgehend an und raunte ebenfalls von einer "linken Fährte".Zwar bestätigte die Polizei Purtscheller ausdrücklich, daß gegen ihn wegen der beiden Anschläge keinerlei Verdacht vorliege, und setzte auch den zeitweilig gültigen Haftbefehl wegen der Vorgänge von 1994 außer Kraft. Das Stigma des "landesweit gesuchten Terroristen" aber wird Purtscheller nicht los.Der am Donnerstag begonnene Prozeß gegen ihn soll Ende Oktober fortgesetzt werden. Wie das Urteil auch immer ausfallen mag: Beruflich ist der einst renommierte Reporter mittlerweile ...

BLZ
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WIEN, im September. In der vergangenen Woche hat in Wien ein Prozeß gegen den Journalisten Wolfgang Purtscheller begonnen. Die Anklage lautet auf Widerstand gegen die Staatsgewalt, begangen im Jahre 1994. Was damals geschah, ist zwischen den Prozeßparteien umstritten. Glaubt man der Aussage eines Polizisten, so wurde ihm von Purtscheller der Daumen gequetscht, weshalb er ­ nebenbei bemerkt: mit fünfwöchiger Verspätung ­ Anzeige erstattet habe. Glaubt man hingegen dem Angeklagten, so hat der Journalist und Buchautor seinerzeit zwei afrikanische Asylbewerber gegen ihre Abschiebung verteidigt, woraufhin sich 15 Beamte mit dem Ruf "Das ist er!" auf ihn stürzten und ihn k.o. schlugen. Purtscheller erlitt bei der Aktion eine Gehirnerschütterung, Schädel- und Rippenprellungen und etliche Bänderrisse. Aber das spielt in der öffentlichen Diskussion im Lande kaum eine Rolle.Viel wichtiger scheint hingegen Purtschellers Lederjacke. Mit einer solchen Jacke nämlich, das wollen Politiker der rechtsradikalen FPÖ herausgefunden haben, sei 1995 nach der Explosion einer Rohrbombe in einer Roma-Siedlung in der burgenländischen Kleinstadt Oberwart eines der vier Todesopfer zugedeckt worden. Daß der Anschlag von Oberwart bisher der mysteriösen, aber zweifelsfrei rechtsextremistischen "Bajuwarischen Befreiungsarmee" zugeschrieben wurde, die für eine ganze Serie von Attentaten verantwortlich zeichnet, störte die Haider-Partei nicht. Ihr Vize-Chef Ewald Stadler behauptete vielmehr in der rechtsextremen Zeitung "Junge Freiheit", der Bombenterror habe "linksextremen Hintergrund", und Purtscheller sei "das Zentrum einer Verschwörung". Beweisstück: Ebenjene Lederjacke. Außerdem sei bei ihm ein "Notizbuch mit Anleitungen zum Bombenbau" gefunden worden.Die Fehde ist alt. Mit Wolfgang Purtscheller, Autor zweier Bücher über Rechtsextremismus in Österreich und Verfasser etlicher Enthüllungsreportagen, hatte die FPÖ schon diverse Sträuße ausgefochten; immer wieder beschwerten sich ihre Parlamentarier darüber, daß der prominente Extremismusforscher in Schulen Gelegenheit bekam, die Verbindungen zwischen der FPÖ und Neonazis auszubreiten.Diesmal aber bekam die Partei Schützenhilfe. Die "Kronen-Zeitung", Österreichs größtes Boulevardblatt, infomierte die Leser brühwarm über die "neuen Spuren" und brachte den namentlich nicht genannten Purtscheller auch in Verbindung mit einem mißlungenen Anschlag auf einen Strommast, bei dem die Täter, zwei "Autonome", ums Leben gekommen waren. Der 42jährige sei jedenfalls "schon vor dem Anschlag in Oberwart" gewesen, und gehöre ihm tatsächlich die ominöse Lederjacke, dann ließe diese Tatsache den "Bajuwaren-Spuk möglicherweise in einem völlig anderen Licht erscheinen". Der liberalere Kurier schloß sich der Kampagne umgehend an und raunte ebenfalls von einer "linken Fährte".Zwar bestätigte die Polizei Purtscheller ausdrücklich, daß gegen ihn wegen der beiden Anschläge keinerlei Verdacht vorliege, und setzte auch den zeitweilig gültigen Haftbefehl wegen der Vorgänge von 1994 außer Kraft. Das Stigma des "landesweit gesuchten Terroristen" aber wird Purtscheller nicht los.Der am Donnerstag begonnene Prozeß gegen ihn soll Ende Oktober fortgesetzt werden. Wie das Urteil auch immer ausfallen mag: Beruflich ist der einst renommierte Reporter mittlerweile erledigt.

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