Die Pappelflocken nerven. Überall bilden sie Häufchen. Sie dringen in die Wohnung, setzen sich in jede Ecke, man muss sie jagen wie sonst nur die Staubmäuse. In den Borsten des Fußabtreters haben sie eine dicken Schicht gebildet. Die Balkonpflanzen sind zugefasert. Auch wenn die Flocken nachweislich keine Allergien auslösen, flackert in den Augen von so manchem Pollenallergiker blanker Hass auf die herumstiebenden Bäusche. Wo es viele Pappeln gibt, sieht es aus wie bei Schneetreiben. Um Pollen handelt es sich dabei nicht, sondern um die Samen der Zitterpappel.
In Berlin stehen etwa 11.000 Pappeln. Das macht 2,5 Prozent des städtischen Straßenbaumbestandes von 438.000 Exemplaren aus. Jede Pappel produziert die unerhörte Menge von bis zu 28 Millionen Samen. Macht mehr als 3000 Milliarden. Und die treibt es gerade um. Es sind zwar so viele unterwegs wie in jedem Jahr, aber wenn ein Windchen weht, werden sie immer wieder hochwirbelt. So fallen sie mehr auf. Erst wenn es regnet, bleiben sie pappig am Boden.
Großes ökonomisches Potenzial
Wertschätzung erfahren die Wattebäusche jedenfalls nicht – hätten sie aber verdient. Denn da liegt eigentlich ein Schätzchen herum, der nicht ohne Grund auch Pappelflaum oder Pappelwolle heißt – bestehend aus einer der feinsten Pflanzenfasern, die es überhaupt gibt. Fabelhafte Leichtigkeit zeichnet sie aus, was sie ihren vielen winzigen Hohlräume verdanken. Ihre wärmenden und feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften übertreffen die herkömmlicher Textilfasern. Die zarte Wolle wird bereits in Steppkleidung verarbeitet, Polwandern wird mit Pappelwoll-Jacke zum Vergnügen. Superleichte Bettdecken werden damit gefüllt, Garn und Vliesstoffe entwickelt, feinste Filtermembranen, Wundauflagen.
Das ökonomische Potenzial scheint groß. Aber wie fängt man die Fusseln? Sauber müssen sie sein, also umgehend gepflückt werden, wenn die reifen Fruchtkapseln platzen und der Flaum herausquillt. Auf einschlägigen Internet-Seiten ist zu lesen: Die Ernte findet am Baum statt, aus einem Ballon mit Passagierkorb heraus. Man stellt sich das optisch attraktiv vor – eine Belebung des Stadtbildes. Aber mühsam. Allerdings gibt es ein starkes Motiv: Jede Decke, jede Jacke, die mit Pappelwolle gefüllt sind, kommt ohne Daunen aus. Also voran: Jedes Jahr ein Säckchen – und schwupps, schon ist nach zehn Jahren die Bettdecke fluffig mit regionalstem Rohstoff gefüllt.
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