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Fake News: Was im Jahr 1908 zu einem Sturm auf eine Berliner Bank führte

Vor knapp 100 Jahren kam es in der Frankfurter Allee vor einem Berliner Kreditinstitut tagelang zu chaotischen Szenen. Die Ursache: nur ein Gerücht.

Reinhold Zilch
5 Min
Wenn die Menschen Angst um ihr Geld haben, setzen sie auch mal zum Sturm auf die Bank an.

Wenn die Menschen Angst um ihr Geld haben, setzen sie auch mal zum Sturm auf die Bank an.

© Imago

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Verkehrschaos in der Frankfurter Allee – das gab es schon vor 100 Jahren. Aber dass Ende August 1908 die Einmündung der Finowstraße zwei Tage durch Menschenmassen total verstopft war, war schon was Besonderes: Hunderte Männer, Frauen und Kinder drängten sich vor den Geschäftsräumen der Friedrichsberger Bank GmbH und forderten, Kontobücher schwenkend, ihr Erspartes zurück. Der Polizei gelang es nicht, das Chaos zu beenden. Die Straßenbahn konnte nicht mehr fahren, und in dem großen Gedränge wurden mehrere Personen bewusstlos.

Was war passiert? Am 27. August, einem Mittwoch, kam in Lichtenberg gegen Mittag ein beunruhigendes Gerücht auf und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die viel gelesene Vossische Zeitung berichtete unter der Überschrift „Sturm auf die Friedrichsfelder(!) Bank e.G.m.b.H.“ wie folgt: „Ein Lehrer soll seinen Schülern in der Klasse gesagt haben, wenn sie nach Hause kämen, sollen sie ihren Eltern mitteilen, sie möchten sofort ihr Geld abheben, da sich die Bank in Zahlungsschwierigkeiten befände.“

Lebensgefährliches Gedränge

Viele kleine Leute aus Arbeiterfamilien und Handwerker bangten um ihr Erspartes und verlangten stürmisch das Bargeld. In der Vossischen Zeitung stand zu lesen: „Das Gedränge wurde zuletzt derart lebensgefährlich, daß über zwei Dutzend Schutzleute die Massen in Zaum halten mussten.“ Zum Glück waren es moderate Sommertage mit Temperaturen um 20 Grad Celsius und etwas Regen, was das Warten etwas erträglicher machte.

Die Verantwortlichen des Kreditinstituts entschlossen sich, über die reguläre Öffnungszeit hinaus Auszahlungen vorzunehmen. Bis in den Abend wurde so an mehr als 1000 Kontoinhaber über eine Million Mark ausgezahlt, wie der Vossischen Zeitung zu entnehmen war. Die Genossenschaftsbank schien also durchaus zahlungsfähig zu sein, dennoch hielt sich das Gerücht hartnäckig. Der Ansturm der Kunden setzte sich deshalb auch am folgenden Tag fort. Direktor Julius Emil Plonz, der zugleich Erster Stadtverordneter von Lichtenberg war, ließ nichts unversucht, um die Seriosität seiner Bank zu beweisen, und ordnete an, dass bis 23 Uhr ausgezahlt werde.

Endlich gelang es den „Blauen“, die wartenden Kunden vom „Boulevard des Ostens“, wie die Frankfurter Allee damals auch genannt wurde, in die Nebenstraßen zu drängen, damit zumindest der Verkehr wieder weitgehend ungestört verlief. Doch die Obrigkeit blieb besorgt, und die Polizisten hatten immer noch genug damit zu tun, die Wartenden zu beruhigen. Sogar im Kassenraum standen Posten. Gegen den unbekannten Lehrer wurde Anzeige wegen geschäftsschädigenden Verhaltens erstattet.

In der Abendausgabe vom 28. August der „Tante Voss“, wie die seit dem 18. Jahrhundert erscheinende Zeitung liebevoll genannt wurde, war dann zu lesen, dass der Bankensturm vorüber war und normaler Geschäftsbetrieb herrschte, mit nur vereinzelten größeren Abhebungen oder Kontoauflösungen. In den Folgetagen begannen zahlreiche Bankkunden sogar, abgehobene Gelder wieder einzuzahlen.

Mitarbeiter der Vossischen Zeitung im Tiergarten zu Berlin

Mitarbeiter der Vossischen Zeitung im Tiergarten zu Berlin

© bpk

Die große Angst vor einer nationalen Finanzkrise

Als am 30. August schließlich gemeldet wurde, dass innerhalb der kritischen vier Tage rund 800.000 Mark ausgezahlt worden waren, korrigierte „Die Voss“ stillschweigend ihre eigene erste Meldung von einer Million. So genau nahm man es anscheinend nicht.

Der Bankensturm fand nicht nur in den Regionalteilen der Berliner Zeitungen Beachtung, sondern auch andere deutsche Blätter berichteten. Selbst in Österreich-Ungarn wurde dies gemeldet, über Artikel im neuen Wiener Tagblatt oder in der Salzburger Zeitung.

Das alles zeigt, wie groß unter den Zeitgenossen die Angst vor einer nationalen Finanzkrise war. Die Erinnerungen an den Zusammenbruch der Leipziger Bank am 25./26. Juni 1901 waren noch zu frisch. In der Messestadt war ein Kreditinstitut seinen Gläubigern 50 Millionen Mark schuldig geblieben und viele Existenzen waren vernichtet worden.

Die Polizei kam mit ihren Ermittlungen nicht weiter. Trotz zahlreicher Vernehmungen von Lehrern und Schülern hatte sie keinen konkreten Verdacht. Die Spur in die Schulen erwies sich als „kalt“.

Bis zur ersten Septemberwoche hatte sich dann herausgestellt, dass das Gerücht auf einen Handwerker zurückging. Jener hatte von der Bank einen neuen Kredit erbeten, ihn aber wegen Überschuldung nicht bekommen. Als der Mann seinen Frust in einer Eckkneipe im Schnaps „ersäufte“ und lautstark über die Ungerechtigkeit lamentierte, dass die Bank kein Geld herausrücke, kam das bei einem unfreiwilligen Zuhörer wohl falsch an. Er bauschte sein „Wissen“ dahingehend auf, dass die Bank kein Geld mehr auszahle. Da die Namen des Handwerkers und seines „Helfers“ nicht zu ermitteln waren, wurden die Akten geschlossen.

Es gab also auch schon 1908 Fake News, ganz ohne Social Media und Handys – und die Krise begann. 

Reinhold Zilch, Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften, ist Historiker. Schwerpunkte: Preußen, Wilhelminisches Deutschland und Erster Weltkrieg, u.a. „Gottlieb von Jagow und die Kriegsschuldfrage 1918 bis 1935“ (2023).

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