Proteste

Fall Lyhanna: Mord an Mädchen löst in Frankreich Justizkrise und Proteste in 200 Städten aus

Der Mord an der elfjährigen Lyhanna sorgt in Frankreich für landesweite Proteste. Der mutmaßliche Täter war zuvor wegen Kindesmissbrauchs angezeigt worden. Haben die Behörden versagt?

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Eine Demonstrantin fordert in Paris die Kastration von Pädophilen.

Eine Demonstrantin fordert in Paris die Kastration von Pädophilen.

© Vincent Isore/imago

Der gewaltsame Tod eines elfjährigen Mädchens hat Frankreich in eine politische und juristische Krise gestürzt. Zehntausende Menschen demonstrierten in den vergangenen Tagen im ganzen Land gegen Behördenversagen und forderten einen besseren Schutz von Kindern. Im Zentrum der Kritik steht die Justiz, weil gegen den mutmaßlichen Täter bereits vor der Tat schwere Vorwürfe vorlagen.

Die elfjährige Lyhanna war am 29. Mai nach Schulschluss in der südfranzösischen Kleinstadt Fleurance verschwunden. Wenige Tage später wurde ihre Leiche gefunden. Ein 41-jähriger Mann, der Vater der angeblich besten Freundin des Mädchens, sitzt inzwischen in Untersuchungshaft. Gegen ihn wird wegen Entführung und Mordes ermittelt. Er bestreitet die Vorwürfe.

Verdächtiger war Behörden bereits bekannt

Gegen den Mann lagen bereits mehrere Vorwürfe wegen sexueller Gewalt gegen Minderjährige vor. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft war im August 2025 eine Anzeige wegen der mutmaßlichen Vergewaltigung eines minderjährigen Mädchens eingegangen. Trotz dieser Vorwürfe wurde der Mann vor dem Fall Lyhanna nicht vernommen.

Französische Medien berichten zudem über weitere frühere Beschwerden gegen den Verdächtigen. Die Zeitung El País schrieb unter Berufung auf Ermittlungsunterlagen von mehreren Vorwürfen, die nie zu einem schnellen Einschreiten der Behörden geführt hätten. Der Anwalt von Lyhannas Eltern, François de Roujou de Boubée, erklärte, eine besser ausgestattete Justiz hätte den Tod des Mädchens möglicherweise verhindern können. Auch die Mutter eines anderen mutmaßlichen Opfers kündigte rechtliche Schritte gegen den Staat an.

In Lorient demonstrieren Menschen für die ermordete Lyhanna und alle Opfer sexueller Gewalt. Vor Gerichten in ganz Frankreich gab es zeitgleich Proteste.

In Lorient demonstrieren Menschen für die ermordete Lyhanna und alle Opfer sexueller Gewalt. Vor Gerichten in ganz Frankreich gab es zeitgleich Proteste.

© Bertrand-Hillion Marie-Paola/imago

Proteste in fast 200 Städten

Der Fall hat landesweite Proteste ausgelöst. Nach Angaben französischer Medien fanden Kundgebungen in nahezu 200 Städten statt. Das Innenministerium sprach von mehr als 60.000 Teilnehmern. Demonstranten forderten einen besseren Schutz von Kindern und eine umfassende Reform der Justiz. Bereits am Wochenende versammelten sich rund 6000 Menschen im südfranzösischen Fleurance zu einem Schweigemarsch für Lyhanna. Das entspricht ungefähr der Einwohnerzahl der Stadt. Viele Teilnehmer warfen den Behörden vor, Warnsignale übersehen zu haben.

Bei den landesweiten Demonstrationen waren immer wieder Slogans wie „Schützt unsere Kinder“ zu hören. Frauenrechtsorganisationen und Kinderschutzverbände machten nicht einzelne Beamte, sondern strukturelle Probleme verantwortlich.

Justizminister unter Druck

Der französische Justizminister Gérald Darmanin sprach von einem „schrecklichen Versagen“ des Staates und der Justiz. Rücktrittsforderungen wies er jedoch zurück. Gemeinsam mit dem Innenministerium ordnete er eine Untersuchung der Behördenarbeit an. Ergebnisse werden noch im Juni erwartet.

Zusätzlich wies Darmanin die Staatsanwaltschaften an, bis Mitte Juli rund 70.000 laufende Verfahren wegen Gewalt gegen Minderjährige zu überprüfen. Juristen und Opferverbände halten dieses Vorhaben jedoch für kaum umsetzbar. Der Anwalt von Lyhannas Familie bezeichnete die Vorgabe als unrealistisch.

Ein Foto von Lyhanna und Blumen beim Schweigemarsch für die getötete Elfjährige in Fleurance.

Ein Foto von Lyhanna und Blumen beim Schweigemarsch für die getötete Elfjährige in Fleurance.

© I Bazin/imago

Debatte über chronische Überlastung der Justiz

Der Fall hat eine grundsätzliche Diskussion über den Zustand der französischen Justiz ausgelöst. Bereits vor einem Jahr hatte der Abgeordnete David Taupiac vor Personalengpässen bei der Staatsanwaltschaft von Auch gewarnt, die für den Fall zuständig ist. Vertreter der Justiz beklagen seit Jahren Überlastung und Personalmangel. Der Vorsitzende einer Richtergewerkschaft erklärte in einem Brief an Darmanin, Frankreich verfüge über viermal weniger Staatsanwälte als der europäische Durchschnitt.

Nach Angaben von Frauen- und Kinderschutzorganisationen werden in Frankreich jedes Jahr etwa 160.000 Kinder Opfer sexueller Gewalt. Die Polizei registrierte allein im vergangenen Jahr mehr als 75.000 minderjährige Opfer entsprechender Straftaten.

Nach Angaben der unabhängigen Kommission Ciivise führen lediglich sieben Prozent der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige am Ende zu einer Verurteilung.

„Gesellschaftliches Versagen“

In Fleurance richtet sich die Wut vieler Menschen inzwischen nicht nur gegen die Justiz, sondern gegen den Staat insgesamt. Bürgermeister Grégory Bobbato sprach bei einem Trauermarsch von einem „gesellschaftlichen Versagen“. Lyhanna sei das letzte Opfer einer Tragödie, die sich seit Jahren entwickle und bei der Kinder nicht ausreichend geschützt würden. 

Premierminister Sébastien Lecornu berief angesichts der Empörung eine Krisensitzung der Regierung ein. Geprüft werden sollen schärfere Strafen für Wiederholungstäter, ein besserer Opferschutz und Änderungen bei der Bearbeitung von Verfahren wegen sexueller Gewalt gegen Minderjährige.

Der Fall entwickelt sich damit zu einer der größten innenpolitischen Krisen der Regierung von Präsident Emmanuel Macron seit Monaten. Weniger als ein Jahr vor der nächsten Präsidentschaftswahl wächst der Druck auf die Regierung, nicht nur einzelne Fehler aufzuarbeiten, sondern strukturelle Reformen vorzulegen.

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