Fall Uli Hoeneß

Fragwürdige Treueschwüre

Die Bayern-Aufsichtsräte stehen zum Präsidenten, doch die Kritik an diesen Treueschwüren wächst. Am Ende könnte nicht nur das Ansehen von Uli Hoeneß Schaden nehmen, sondern auch das der Hauptsponsoren.

Frank-Thomas Wenzel
4 Min
Uli Hoeneß weiß seinen Aufsichtsrat noch immer hinter sich.

Uli Hoeneß weiß seinen Aufsichtsrat noch immer hinter sich.

© Bongarts/Getty Images Lizenz

Massive Kritik ernten die Top-Manager im Aufsichtsrat des FC Bayern München für ihr Festhalten an Uli Hoeneß. Das Münchner Landgericht hatte am Montag verkündet, dass Hoeneß im März 2014 der Prozess gemacht wird. Ihm wird vorgeworfen 3,2 Millionen Euro mittels Konten in der Schweiz hinterzogen zu haben. Der Aufsichtsrat der FC Bayern AG erklärte daraufhin, dass Hoeneß sein Amt als Vorsitzender des Gremiums dennoch weiter ausüben soll.

Im Aufsichtsrat sitzen namhafte Chefs großer Konzerne: Martin Winterkorn (VW), Rupert Stadler (Audi) und Herbert Hainer (Adidas). Hinzu kommt der designierte Telekom-Boss Tim Höttges.

Unter den Haushaltspolitikern des Bundestages dominiert Unverständnis über die anhaltende Unterstützung durch die Sponsoren. Mit allzu offener Kritik halten sich die Politiker aber zurück. „Ich verstehe Solidarität“, sagte der SPD-Haushaltspolitiker Johannes Kahrs der Berliner Zeitung. „Aber die Vertreter der Firmen müssen sich genau überlegen, welches Signal ihre jetzige Haltung sendet, was die eigene Unternehmenskultur angeht – und mit Blick auf den Prozessausgang auch, ob sie diese Haltung auf Dauer verantworten können.“

„Extrem verwunderlich“

Der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick nannte es „extrem verwunderlich, welche Maßstäbe Unternehmensvorstände im Fall Hoeneß anlegen“. Das gelte insbesondere für die Telekom, deren größter Aktionär die Steuerzahler sind. „Die Leute, die Hoeneß betrogen hat, sind immerhin die Eigentümer der Telekom“, betonte Schick.

In CDU und CSU ist man noch vorsichtiger. Nun sei der Aufsichtsrat des FC Bayern in der Pflicht, seine „Aufsichtsfunktion auch gegenüber dem Präsidenten“ auszuüben, sagte Michael Meister, Unions-Fraktionsvize für Finanzpolitik, dieser Zeitung. Ob Hoeneß trotz seines eingestandenen Steuerbetrugs Bayern-Präsident bleiben könne, müsse letztlich der Verein entscheiden.

Christian Strenger, ein renommierter Experte für gute Unternehmensführung, lässt kaum ein gutes Haar an den Treuebekundungen der Spitzenmanager. „Das unveränderte Festhalten an Hoeneß als Aufsichtsratschef ist nicht vermittelbar“, sagte er der Berliner Zeitung. Seine Mitaufsichtsräte als Vorbildpersönlichkeiten müssten auch weitergehende Maßstäbe und ethisch korrektes Verhalten verfolgen. Die weitgehend formaljuristischen Begründungen sollten wohl ablenken. Strenger, der auch Mitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex ist, spielt damit auf die am Montag verbreitete Pressemitteilung des FC Bayern an. Die dortige Einlassung, dass die Vorstände der Konzerne nicht die Aufgabe hätten, eine „Null-Tolerance-Politik“ gegen Hoeneß zu verfolgen, überzeuge nicht. Auch dass es eine solche Verpflichtung selbst in börsennotierten Firmen nicht gäbe und schon gar nicht „im Hinblick auf Pflichtverletzungen im Privatbereich“, hält Strenger für nicht nachvollziehbar. „Die Geschäfte von Hoeneß waren keineswegs rein privater Natur.“ Die Steuerhinterziehung erfolgte durch jahrelange Börsenspekulationen, für die Hoeneß offenbar 20 Millionen Euro vom damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus geliehen bekam.

Strenger rät den Aufsichtsräten und Hoeneß selbst, dass er zumindest bis zum Ende des Gerichtsverfahrens eine Auszeit vom Amt des Aufsichtsratschefs nimmt, „um die Sachfragen angemessen zu klären und Kollateralschäden für die FC Bayern AG, aber auch für die Aktionärsunternehmen zu verhindern“.

Die Konzerne schweigen

Deutschland und die Schweiz wollten eigentlich nicht versteuertes deutsches Geld auf Schweizer Konten legalisieren. Darauf hoffte auch Uli Hoeneß. Doch das Abkommen scheiterte im Bundesrat. Hoeneß entschloss sich Anfang des Jahres zu einer Selbstanzeige. Im Frühjahr wurde die Angelegenheit publik. Schon damals stellten sich die Konzernchefs hinter Hoeneß. Die Telekom ist Hauptsponsor der Profi-Fußballmannschaft. Adidas rüstet die Kicker seit Jahrzehnten aus. Audi stellt ihnen als Sponsor Autos zur Verfügung. Zudem sind der Sportartikel-Konzern und die VW-Tochter mit einem Anteil von zusammen 9,1 Prozent an der FC Bayern AG beteiligt. 81,8 Prozent der Anteile liegen beim eingetragenen Verein FC Bayern. Hoeneß hat eine Doppelfunktion. Zum Posten des Aufsichtsratschefs der AG kommt der des Vereins-Präsidenten. Die Konzerne wollten sich gestern nicht weiter zu dem Fall äußern. Sie verwiesen unisono auf die Presseerklärung vom Vortag.

Insider gehen davon aus, dass den Unternehmen die Querelen um den Fußball-Manager überhaupt nicht gefallen, sie aber auch aus Rücksichtnahme auf die Bayern-Fans zu Hoeneß stehen. Er genießt unter Millionen Bayern-Anhängern hohes Ansehen. Viele haben ihm die Steuerhinterziehung längst verziehen, schließlich hat sich Hoeneß in den vergangenen Monaten als reumütiger Sünder gezeigt.

Dies könnte ihm auch vor Gericht helfen. Hoeneß und seine Anwälte setzen auf einen Deal. Sie wollen eine Haftstrafe verhindern. Das Gericht hingegen wird wohl alles daran setzen, beim Strafmaß einen Promibonus für Hoeneß zu vermeiden. Hilfreich könnte ein freiwilliger Rücktritt als Aufsichtsratschef sein. Immerhin bliebe Hoeneß dann noch Präsident des Vereins. Gut möglich, dass auch die Großsponsoren auf solch einen Gang der Dinge hoffen und damit nicht gezwungen wären, selbst doch noch zu intervenieren. (mit gey., thk.)

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