Falling-Walls-Konferenz

Mit Liebesgras die Welt retten

Bei der Falling-Walls-Konferenz in Berlin werden am Sonnabend Ideen für eine bessere Zukunft vorgestellt - in einer Art Science-Slam für internationale Spitzenforscher. Wir erklären die spannendsten Projekte vorab.

Alice Ahlers
6 Min
Pflanzen sind ihre Freunde und gleich auch ihre Kollegen: Jill Farrant.

Pflanzen sind ihre Freunde und gleich auch ihre Kollegen: Jill Farrant.

© L'Oréal Corporate Foundation/Julian Dufort Lizenz

Probleme können wie Mauern sein. Man rennt sich an ihnen den Kopf ein und kommt einfach nicht dahinter: Wie bloß lässt sich der Klimawandel stoppen? Wie die Zerstörung der Umwelt aufhalten? Wie der Hunger vieler Menschen auf der Welt stillen?
Jedes Jahr am 9. November kommen 20 internationale Wissenschaftler ins Berliner Radialsystem, denn sie haben einen Plan, wie man diese Mauern durchbrechen kann. Deswegen heißt die Veranstaltung „Falling Walls“. Obendrein findet sie auch noch am Jahrestag des Mauerfalls statt. In einer Stadt also, wo schon einmal ein Durchbruch geklappt hat. Ein ganzes Jahr haben die Organisatoren Empfehlungen von Experten eingeholt.

Wer ist auf einem Gebiet führend in der Welt? Wer arbeitet an einem bahnbrechenden Durchbruch? Weil das, was diese Wissenschaftler vorhaben, alle etwas angeht, soll es außerdem jeder verstehen können. Aus diesem Grund haben die Forscher nur 15 Minuten Zeit für ihren Vortrag.

Sie sollen auf den Punkt kommen und nicht mit trockenen Vorträgen langweilen. Es handelt sich also um so etwas wie einen Science-Slam für Spitzenforscher. Sie sprechen frei und können sich an keinem Pult festhalten. Sie bekommen bloß eine Fernbedienung in die Hand, um ihre Bilder und Filmchen weiterzuklicken.

Am Freitag machen die Nachwuchswissenschaftler schon einmal das Warm-up. Auch sie dürfen ihre Ideen vorstellen – haben dafür allerdings nur drei Minuten Zeit. Ein Ticket für die Konferenz kostet stolze 1380 Euro und die Plätze sind begrenzt. So versammeln sich meist nur ein Fachpublikum und geladene Gäste mit Rang und Namen. Deswegen hier schon einmal für alle ein Blick auf vier der Forscher und ihre Zukunftspläne.

Jill Farrant: Pflanzen gegen den Hunger

Als Jill Farrant wie jeden Tag unten am Fluss spielt, ahnt sie nicht, dass das, was sie dort entdeckt, einmal die Welt verändern könnte. Sie ist erst neun Jahre alt und ein einsames Mädchen, das auf einer entlegenen Farm in Südafrika aufwächst. Außer ihr gibt es dort keine Kinder. So sind die Pflanzen so etwas wie ihre Freunde. Eine von ihnen wirkt an diesem Tag leblos, braun und zusammengesunken.

„Sie ist tot“, denkt Jill. Als sie aber zwei Tage später an die Stelle zurückkommt – es hatte nach langer Zeit endlich wieder geregnet –, ist das tote Gewächs wie durch ein Wunder wieder auferstanden. Saftig grün und prall wuchert es ihr entgegen. Ein botanischer Wiedergänger? Jill schreibt in ihr Tagebuch: „Die Pflanze auf dem Fels war tot, jetzt ist sie wieder lebendig, aber Papa will mir das nicht glauben.“

Papa hatte Unrecht. Das hat seine Tochter ein paar Jahre später bewiesen. Heute ist Jill Farrant eine führende Forscherin auf dem Gebiet der Wiederauferstehungspflanzen, die monatelang ohne Wasser auskommen. Manche überstehen sogar Jahre der Trockenheit. Regnet es dann, rappeln sie sich wieder auf und wachsen einfach weiter. Farrant entschlüsselt ihre Gene, um Getreidepflanzen zu entwickeln, die der Dürre trotzen – eine große Hoffnung im Kampf gegen den Hunger der Welt.

Aus diesem Grund ist die Professorin für Molekular- und Zellbiologie auch einer der Stargäste bei der diesjährigen Falling-Walls-Konferenz in Berlin. 20 Forscher sprechen dort am Samstag darüber, wie sie die drängendsten Probleme der Zukunft lösen wollen. Jeder bekommt dafür nur 15 Minuten Zeit. Vielleicht wird Jill Farrant dann das Video abspielen, das sie ihren Studenten an der Universität Cape Town in Kapstadt in Vorlesungen zeigt.

Man sieht dort eine Pflanze im Zeitraffer. Es scheint, als habe man es in der falschen Reihenfolge gedreht. Erst der Tod, dann das Leben. Zunächst ist da ein unansehnliches Büschel Gras, so braun und vertrocknet, dass man meint, es zerrieselte knisternd, wenn man es nur antippen würde. Doch kommt die Scheintote mit Wasser in Berührung, wird sie breiter, faltet sich auseinander, richtet sich auf, ergrünt. Die Professorin hat das Video mit dem Song „I like the way you move“ unterlegt. In veränderten Zeitdimensionen ist Grünzeug erstaunlich sportlich.

Ferrant hat herausgefunden, dass Pflanzen wie das Äthiopische Liebesgras bis zu 95 Prozent ihrer Wasserreserven verlieren, ohne abzusterben. Schaut man sich ihr Erbgut an, werden einige Gene nur bei Wassermangel aktiv, während andere dann komplett ausgeschaltet sind. Zudem werden spezielle Enzyme produziert, die die Pflanze vor schädlichen Giften schützen, die bei Trockenstress entstehen. Die Gene, die sich bei Dürre einschalten, sind besonders interessant, denn man könnte sie – so die Vision – in die DNA von Getreidepflanzen einbauen. Heraus kämen wahre Überlebenskünstler, die Nahrung für Millionen von Menschen sichern könnten.

„In Afrika gibt es nicht genug Regen, um Getreide anzubauen“, sagt Jill Farrant. Es verdorrt, lange bevor es zur Ernte kommt. „Der Klimawandel wird dieses Problem noch verschärfen.“ Auch in anderen Teilen der Welt soll es dann trockener werden. Nach einer Studie des International Water Management Institute wird bis zum Jahr 2025 ein Drittel der Weltbevölkerung in wasserarmen Regionen leben. Die Dürre-Gene könnten auch in Reis zur Anwendung kommen und wertvolles Wasser beim Anbau sparen. Bis solche superrobusten Pflanzen tatsächlich zum Aussähen bereit sein könnten, sind vermutlich jedoch noch Jahre der Forschung nötig.

Ferrant selbst erwies sich übrigens ähnlich robust wie ihre Pflanzen. Im Jahr 2008 erlitt sie eine schwere Gehirnverletzung und wäre beinahe daran gestorben. Sie verlor ihren Geschmacks- und Geruchssinn und hat bis heute Störungen im Kurzzeitgedächtnis. Trotz allem kämpfte sie sich ins Leben zurück und war sogar erfolgreicher als zuvor. Sie gewann in den vergangenen Jahren einige Wissenschaftspreise wie den Unesco-L’Oreal-Preis, der besondere Frauen in der Wissenschaft auszeichnet.

Eine Zeitlang hat die jetzt 52-Jährige auch in den USA geforscht und hätte dort auch noch weiter bleiben können, doch sie kehrte lieber nach Südafrika zurück, weil sie bei der Bildung junger Afrikaner mithelfen wollte. „Wenn sie an die Universität kommen, interessieren sie sich nur für Sportwissenschaften oder Medizin“, sagt die Frau, die oft eine Vogelfeder am Ohr trägt. Sie zeige ihnen dann ihre Überlebenskünstler-Gewächse. „Hinterher kommen sie oft zu mir und sagen: Pflanzen sind wirklich cool. Und ich sage: Genau das sind sie.“

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