Falstaff an der Deutschen Oper

Hedonist im Rinnstein

Hochmut kommt vor dem Fall, auch bei Falstaff, so könnte man die Inszenierung von Christof Loy an der Deutschen Oper auch interpretieren. Die Bühne ist aufgeräumt, doch herrscht ein ziemliches Durcheinander.

Peter Uehling
5 Min
Noel Bouley gebärdet sich als Sir John Falstaff im Altersheim wie ein Held, ein Frauenversteher, doch eine Figur wird traurig enden.

Noel Bouley gebärdet sich als Sir John Falstaff im Altersheim wie ein Held, ein Frauenversteher, doch eine Figur wird traurig enden.

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In der Saison 2010/11 hat Christof Loy an der Deutschen Oper Berlin mit einer „Jenufa“ debütiert und großen Beifall erhalten. Man fragt sich im Nachhinein zwar durchaus: Was war da nun eigentlich so besonders dran?, und vielleicht war es vor allem die Signalwirkung dieser Inszenierung, die den Applaus hervorrief. Loy erinnerte neben dem oftmals hohlen Star-Theater der Staatsoper und dem monotonen Destruktions-Diskurs-Trash der Komischen Oper in den letzten Homoki-Jahren daran, dass ein Regisseur auch mal ein Stück szenisch aufbauen und ernsthafter Deutung unterziehen kann. Man hatte das Gefühl, dass die Sänger bei Loy wissen, was sie singen und wie sie es darstellerisch plausibel machen können. Das ist nicht wenig und reicht allemal, um an Loys am Sonntag in der Deutschen Oper vorgestellten „Falstaff“ gewisse Erwartungen zu knüpfen.

Man verlässt die Premiere allerdings nach zweieinhalb Stunden eher irritiert. Loy versetzt Giuseppe Verdis letztes, mit 80 Jahren abgeschlossenes Stück in das Altersheim, das Verdi selbst für Musiker gestiftet hat. Es beginnt mit einem kleinen Schwarzweiß-Film, der die Insassen zeigt, einen Sänger, der Falstaffs Lied vom Pagen zur Klavierbegleitung zu singen versucht, bis die Leinwand fortgezogen wird und man auf der Bühne die Insassen sieht und einen Sänger, der Falstaffs Lied vom Pagen zur Klavierbegleitung zu singen versucht.

Opernbesuchern mit Auswärtserfahrung fällt auf, dass in Salzburg in diesem Jahr so ziemlich dasselbe zu sehen war, sogar mit Vorweg-Film, allerdings hieß der Regisseur dort Damiano Michieletto. Das ist angesichts der Produktionsvorläufe wohl kein Plagiat, aber doch zumindest merkwürdig. Liegt denn das so nahe, nur weil sich Falstaff als „altes Fleisch“ bezeichnet und die beiden Damen Alice und Meg, um die er sich gleichzeitig bemüht, bereits Mütter sind?

Nun verfolgt man, dass die Sänger sich verjüngen, je mehr sie in die Geschichte einsteigen. Unter Mänteln kommen knappe Kleidchen zum Vorschein, graue Perücken werden abgenommen. Beim Titelhelden Noel Bouley liegt das ohnehin nah, denn der für Markus Brück eingesprungene Bariton ist Stipendiat des Förderkreises der Deutschen Oper und zwar von Statur, aber noch nicht von Jahren ein dicker alter Mann. Er spielt mit Leidenschaft, bleibt jedoch stimmlich weit hinter dem zurück, was die Partie an Farben, Ausdruck und schließlich auch an Höhe und Tiefe erfordert. Doch das gilt für den musikalischen Teil des Abends fast durchgängig. Donald Runnicles dirigiert mit dem leider gewohnten Hang zur Verallgemeinerung und findet nur dann zu spezifischem Vortrag, wenn die Farbe in den Vordergrund rückt, also gegen Ende in der Zauberwald- und Elfen-Fantasmagorie mit ihren geteilten Streichern und hüpfenden Bläsersignalen. Für den ziselierten, motivisch so fein gesponnenen Tonsatz mit seinen raschen Kehren entwickelt er wenig Sinn; versucht er einen leichten Buffo-Ton zu treffen, fliegen ihm Sängerensembles und Orchester schnell auseinander.

Holt die Szene ein, was musikalisch an Raffinement und Doppelbödigkeit fehlt? Seine Szenerie dient Loy in den ersten beiden Akten als Vorwand, mit einem Spiel im Spiel einen relativ normalen „Falstaff“ zu inszenieren, mit der üblich verkalkten Komödienentrüstung und der gewohnten Falstaff-Halbglatze samt Haarbüschel an der Stirn. Nanetta und Fenton, mit Elena Tsallagova und Joel Prieto stimmlich ausnahmsweise herausragend besetzt, gehören zum Personal des Altersheims und küssen sich heimlich, von einem im Bademantel herumschlurfenden Falstaff gelegentlich gestört.

Das ergibt einen paradoxen Eindruck: Obwohl man auch in dieser Produktion den Eindruck hat, die Sänger bewegten sich nach einem durchdachten Plan, bleiben sie als Figuren unscharf: Alice oder Meg, das spielt weder dramaturgisch noch stimmlich eine Rolle, Barbara Havemann singt ähnlich nüchtern wie Jana Kurucová, ebenso heben sich Michael Nagys Ford und Thomas Blondelles Doktor Cajus kaum voneinander ab, sie sind einer wie der andere Insassen, die eine Rolle übernehmen. Obwohl die Bühne aufgeräumt ist, hinterlässt die Inszenierung einen Eindruck von unbegreiflichem Durcheinander.

Zu Beginn des dritten Aktes ändert sich das Bild überraschend: Nachdem sein erster Verführungsversuch im Weidenkorb und dann im Kanal geendet hat, findet Falstaff sich verstoßen vor der Tür wieder. Die vergnügen sich im Warmen auf einem Empfang, er ist ein Penner im Rinnstein. So extrem inszeniert, stellt Loy nachdrücklich die Frage, warum Falstaff, da er nun ganz unten angelangt ist, noch ein weiteres Mal als Hirsch im Park verspottet werden soll. Die Tüchtigen haben den Hedonisten zwar aus dem Haus gejagt, damit sie nicht sehen, was sie verdrängen müssen. Aber ohne ihn können sie auch nicht leben, nicht ohne den, der ihre geheimen Sehnsüchte stellvertretend auslebt und dafür stellvertretend bestraft wird. Mit einer Geste der Gewalt bringt Falstaff den bösen Karneval um sich herum zum Schweigen und kämpft um das Recht, von der Norm abzuweichen.

So deuten wir das einfach mal. Was aber hat das noch mit dem Altersheim zu tun? Loys „Falstaff“ täuscht doppelte Böden an, gelangt zu andeutungsweise gesellschaftskritischer Aussage und gefällt sich am Ende doch vor allem in einer Komödienspontaneität, dessen Einfälle mit dem Stück wie auch untereinander nur lose verbunden sind. Das ist für Verdis komplexes Abschiedswerk entschieden zu harmlos – und mehr als glatten Applaus ohne Ausschläge Richtung Bravo oder Buh hat Loy vom Publikum auch nicht zu hören bekommen.

Falstaff, Commedia lirica in drei Akten von Guiseppe Verdi, uraufgeführt 1893.

An der Deutschen Oper inszeniert von Christof Loy, mit Noel Bouley (John Falstaff), Michael Nagy, Joel Prieto, Thomas Blondelle, Barbara Havemann, Elena Tsagallova u.a., musikalische Leitung: Donald Runnicles.

Nächste Vorstellungen
22. und 29.11., 5., 7., 30.12., Tel.: 343 84 343

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