In meiner frühen Kindheit kümmerte sich meine Großmutter um mich und meine Geschwister. Wäre ihr die Einwanderung in die Vereinigten Staaten im Rahmen des Familiennachzuges nicht erlaubt worden, hätte meine Mutter nicht arbeiten, mein Vater sein Medizinstudium nicht beenden können. Wir wären in der Bronx wohnen geblieben, ohne die Aussicht, in einen Teil New Yorks mit besseren Schulen und weniger Kriminalität umziehen zu können. Wer weiß: Vielleicht wären meine Eltern in ihr von Trump kürzlich als „Shithole“, Drecksloch, bezeichnetes Herkunftsland zurückgekehrt.
Menschen, die ein neues Leben beginnen, sei es aufgrund persönlicher Entscheidung oder verzweifelter Umstände, haben in einem funktionierenden, familiären Zusammenhang bessere Chancen, in neuen Umständen zurechtzukommen. Diese Erkenntnis erstaunt niemanden, der schon einmal versucht hat, in einem fremden Land neu zu beginnen. Dennoch hat diese Erkenntnis, die jüngst durch eine Studie des Familienministeriums belegt wurde, Schlagzeilen gemacht: Junge Männer mit Migrationshintergrund sind unter anderem dann weniger gefährdet kriminell zu werden, wenn sie Familien gründen oder feste Beziehungen haben.
Alles mit dem Ziel zu helfen
Es scheint zwar keine einfache Lösung zu sein, dennoch ist die Zusammenführung von Familien weit mehr als nur ein Zahlenspiel. Sie auf „1000+“ zu beschränken bedeutet, die vielbeschworene Integrationspolitik zu unterminieren. Sie unterstützt Engagement für und in der Gemeinschaft, das Erlernen einer neuen Sprache und den Aufbau familiärer Strukturen, zumal Migranten meistens aus Kulturen kommen, die wesentlich familienorientierter sind als unsere eigene.
Ich teilte mein Büro sechs Jahre lang mit einem syrischen Kollegen, der drei Viertel seines Tages damit verbrachte, den Nachzug diverser Familienangehöriger nach Deutschland vorzubereiten. Er hatte ein Netzwerk von Syrern in Berlin – von Anwälten über Ärzte bis zu Erziehern. Er schlief selten, sein Handy klingelte ständig und seine Wohnung war randvoll mit Verwandten und Bekannten.
Es gelang ihm, seinen Tagesablauf um Treffen mit Rechtsanwälten, die Vernetzung von Menschen, den Transfer von Geldern und weiteren Tätigkeiten herum zu organisieren – alles mit dem Ziel, dem einen oder anderen Bekannten oder Verwandten zu helfen. Für mich war dieser Kollege wie eine Erscheinung meines Vaters.
Verantwortliche Politik soll unterstützen und nicht behindern
Dieser baute damals unermüdlich ein Netzwerk gebildeter, aus der Mittelschicht stammender, haitianischer Migranten auf, um sich um die vielen Flüchtlinge aus Haiti kümmern zu können, die per Boot in den 80er-Jahren an den Küsten Floridas landeten. Mein Vater und seine Kollegen wussten, dass die Vermittlung von Know-how und psychosoziale Unterstützung der beste Weg waren, um den ankommenden, oft nicht gut ausgebildeten Menschen aus Haiti eine Chance zu verschaffen.
Viele Zuwanderer würden am liebsten einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben ziehen. Aber es gibt auch jene, die sich mit einem Gefühl der Verantwortung an die Zurückgebliebenen gebunden fühlen, das über finanzielle Hilfe hinausgeht. Eine verantwortliche Politik sollte dieses Engagement von Ausländern für ihnen Nahestehende unterstützen und nicht behindern. Auch das ist Integrationspolitik.
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