Kang Neung Hwan hat einen Korb gepackt, Socken, Unterwäsche, Vitamine, Zahnpasta, Hustensaft. Geschenke für einen Unbekannten. Es ist sein Sohn, den er nie im Leben gesehen hat, weil er noch im Bauch der Mutter war, als Kang 1950 in den Korea-Krieg zog, dieses dreijährige Verderben, das ihn von seiner Frau trennte – für immer.
Jetzt gibt es diesen fremden Mann, 62 Jahre alt ist er, Kang Neung Hwan ist 92. Und es gibt die Demarkationslinie am 38. Breitengrad, ein 250 Kilometer langes Dickicht aus Stacheldraht, Panzersperren, Gräben, Dämmen, Artilleriegeschützen und Landminen. Ein Flecken Erde, der zu den bestbewachten der Welt zählen dürfte. Eine willkürlich gezogene Linie, die zwei Länder trennt, ohne dass eine Postverbindung oder Telefonleitungen sie näher bringen dürfen.
In der Lotterie gewonnen
Kang ist Südkoreaner, sein Kind Nordkoreaner. Sie sind getrennte Verwandte, die sich nach sechs Jahrzehnten nun in die Arme fallen durften. Nach Momenten des Innehaltens, des Unglaubens, ja der nicht zu fassenden, nicht zu verstehenden Überwältigung. Ein einmaliges Ereignis. „Mein Gefühl?“, hatte Kang vor einigen Tagen in Seoul gefragt. „Es wird das Beste in meinem Leben sein.“
Kang Neung Hwan hat eine Lotterie in Südkorea zu einem glücklichen Mann gemacht. Vor drei Jahren fand das letzte Familientreffen an der nordkoreanischen Grenze statt, dann folgten der Tod des Diktators Kim Jong Il, die hysterischen Atomraketen-Drohungen von dessen Sohn und Nachfolger Kim Jong Un, die Schließung und die Wiedereröffnung der Sonderwirtschaftszone Kaesong, die Exekution des Peking-Vertrauten Jang Song Thaek. Der Stillstand – bis Vertreter beider Staaten vor einer Woche das „Begegnungsprogramm“ wieder aufnahmen, trotz den Ansagen der Nordkoreaner, es zu kippen, wenn Südkorea weiterhin am Militärmanöver mit den USA festhält. Am Montag soll es stattfinden. Es ist ein ewiges Kräftemessen zwischen den Feinden, die einst eine Nation waren. Da Pjöngjang aber an humanitärer Hilfe interessiert ist, an Reis und Milchpulver, gab es schließlich nach.
Was geht da in einem vor? Wenn er auf die alten Bilder schaut, vergilbt und zerknittert bereits, die Schwester sieht, wie sie hübsch neben einem selbst lächelte? Wenn man daran denkt, wie der andere denn lebt, was er erlebt, was er zu essen hat und anzuziehen, wie die Kinder aufwachsen, die Enkel, während das eigene Leben mit jedem Tag kürzer wird? Wie surreal ist ein solches Treffen? Südkoreanische Psychologen machen sich Sorgen um die Alten, viele könnten die kurzen Momente dieses Lebenstraums, den jeweils anderen zu sehen, nur schwer verkraften, sie verfielen in Depression, manche könnten sich danach auch körperlich nicht mehr bewegen, berichten sie in südkoreanischen Zeitungen. Denken Menschen wie Kang Neung Hwan, Menschen wie Lee Do Young, der fast 80-Jährige, daran? Sie tun es nicht. Sie wollen ihren Sohn in den Arm nehmen, ihren Bruder, spüren, dass sie real sind. „Ich habe Schokoladenkekse für meinen Bruder eingepackt. In Nordkorea haben sie das nicht, habe ich gehört“, erzählte Lee einigen Reportern vor seinem Aufbruch am frühen Morgen.
Bis Sonnabend trafen sich 82 ausgewählte Südkoreaner samt knapp 60 Angehörigen mit ihren Familien im Norden, an den darauffolgenden drei Tagen sind 88 Nordkoreaner und etwa 100 Verwandte dran. „Diese Menschen können nicht warten. Sie sind alt und gebrechlich, sie leben seit 60 Jahren in ihrer traurigen Sehnsucht“, sagte Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye, nachdem Nordkorea das für September geplante Treffen kurzfristig abgesagt hatte und die Annäherung so ruinierte.
1910 hatte Japan Korea annektiert, damals ein geeintes Land unter der Herrschaft der Chosun-Dynastie, mit 1 300 Jahren Bestand eine der langlebigsten Monarchien der Weltgeschichte. Die Japaner setzten den koreanischen Kaiser ab und merzten systematisch die koreanische Kultur aus. Koreaner mussten japanische Namen annehmen, selbst in den Schulen unterrichteten die Lehrer auf Japanisch. Am 15. August 1945 verkündete Japans Kaiser Hirohito die Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg – und brachte so die USA in die Bredouille.
In Washington wusste man nicht gerade viel über diese kaum erwähnte japanische Kolonie. Während für die Besetzung Deutschlands und Japans detaillierte Pläne vorlagen, machten die Amerikaner sich erst jetzt Gedanken über Korea. Die Angst vor einem Machtvakuum nach 35 Jahren japanischer Herrschaft war groß. Ohne jeden historischen und geografischen Grund zogen zwei junge US-Offiziere eine Grenzlinie, um nicht ganz Korea an die Sowjets zu verlieren, einen Strich auf der Höhe des 38. Breitengrades. Eigentlich war der Osten aber Japan zugewandt, der Westen China. Allenfalls hätte eine Grenze von Nord nach Süd gepasst, sagen Historiker.
Das neue künstliche Konstrukt füllte sich unter Zwang mit Leben. Nordkorea baute die bis heute diktatorisch und menschenvernichtend herrschende Kim-Dynastie auf, im Süden entwickelte sich eine hochtechnologische Gesellschaft, die sich immer weiter vom Norden entfernt und, offiziellen Bekundungen zum Trotz, heute immer weniger an eine Wiedervereinigung glaubt, sie zum Teil auch gar nicht wünscht. Selbst für Herrn Kang ist die Annäherung eine schwierige. Eine Fahrt ins Ungewisse, voller überbordender Emotionen.
Die Jüngeren tanzen
Noch bevor es los geht, zum verschneiten nordkoreanischen Kumgang-Gebirge, werden die Südkoreaner gebrieft: Unterhaltungen über Politik sind verboten! Darum aber dürfte es all den Senioren, viele sitzen im Rollstuhl, zwei Südkoreaner mussten mit einem Krankenwagen zum Treffen gebracht werden, gar nicht gehen. Sie wollen nur eines: den anderen sehen, seinen Arm halten, ihm um den Hals fallen, weinen, sprechen, auch wenn die ersten Minuten voller Stille sind.
Mit einer Nummer ausgestattet nehmen sie an weißgedeckten Konferenztischen Platz, essen gemeinsam zu Abend und reden, solange die Kraft reicht. Manche, so ist auf Bildern zu sehen, stehen verloren zwischen den Stühlen, wischen sich ihre Tränen weg. Später werden die jüngeren tanzen, einige singen. Sie nutzen die Zeit, diese 72 Stunden mit Schlaf zwischendrin, erzählen sich Geschichten von ihrem Leben, ihren Lieben, die einander so fremd sind. Sie strahlen gemeinsam in ihre mitgebrachten Kameras, nehmen so die unbekannte Schwester, den Bruder, den Sohn mit zu sich nach Hause, und sagen stets den einen Satz: „Jetzt kann ich in Frieden sterben.“
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