Das Echo hallt nach und hat nun den politischen Raum erreicht. Nachdem mehrere Künstler – darunter Marius Müller-Westernhagen, Klaus Voormann und Enoch zu Guttenberg – angekündigt hatten, ihre Echo-Musikpreise aus Protest gegen die Auszeichnung des umstrittenen Rapper-Duos Farid Bang und Kollegah zurückzugeben, meldete sich am Dienstag Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zu Wort.
Wie dehnbar der Begriff der Kunst sei, sehe man, so Grütters, wenn er wie hier für eine Ansammlung stumpfer Plattheiten, antisemitischer Ausfälle und frauenfeindlicher Beleidigungen gelten solle. Das war auch als deutliche Kritik am Ethikrat des Bundesverbandes der Musikindustrie (BVMI) zu verstehen, der sich in Gestalt des CDU-Politikers Wolfgang Börnsen von den Hervorbringungen der Rapper zwar mit Grausen abwandte, für diese aber doch das hohe Gut der Kunst- und Meinungsfreiheit in Anspruch nahm.
Das von Grütters festgestellte „Versagen des Ethikrats“ allein erklärt allerdings nicht, warum Kollegah und Farid Bang schließlich als preiswürdig befunden wurden.
Gesteigertes Rückgabebedürfnis
Dabei wäre alles so einfach gewesen. Die öffentliche Distanzierung von Campino von den Toten Hosen stand im Raum, sie hätte gewiss ein wenig mehr Unterstützung verdient. Die meisten Kollegen der Sangeskunst blieben aber seltsam stumm und kompensieren die Stille nun mit einem gesteigerten Rückgabebedürfnis – als sei das Dilemma nicht absehbar gewesen.
Der Echo wirkt nun wie ein Makel, den man schnell loswerden möchte, und Farid Bang und Kollegah triumphieren dazu in der Pose widerständiger Maulhelden, zu der es unbedingt gehört, sich von niemanden etwas sagen lassen. Seine demonstrativ kriegerische Haltung in dem Gewerbe hatte Kollegah bereits in einem Interview mit der Berliner Zeitung vom 26. Mai 2014 zum Ausdruck gebracht, das seine damals 15-jährigen Fans Elias Aguigah und Mika Al-Chalabi geführt hatten.
Auf die Frage, ob er den Kontakt zur Rapper-Szene in Deutschland verliere, sagte Kollegah: „Ich will ja mit den ganzen Pissrappern nichts zu tun haben. Ich brauche neue Gegner. Deswegen habe ich mir jetzt Helene Fischer ausgesucht. Die hatte einen Rekord in Deutschland: 150.000 verkaufte Einheiten in der ersten Woche. Den habe ich gebrochen. Das heißt, wir haben die Fischer weggewichst.“
Man darf davon ausgehen, dass es genau dieses Marktkalkül war, das schließlich zum Skandal geführt hat. Das Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“ mag dem Branchenverband erheblichen Schaden zugefügt haben. In Bezug auf das Teilsegment des Marktes, in dem Farid Bang und Kollegah reüssieren, signalisiert die Echo-Performance jedoch einen ausgeprägten Beuteinstinkt.
Bedürfnis nach Ordnungsrufen
Die Rapper, deren Markenzeichen es nun einmal ist, mit gesellschaftlichen Übereinkünften nichts am Hut haben zu wollen, haben nicht nur einen Preis abgeholt, sondern auch das Grundrecht auf Kunst- und Meinungsfreiheit gekapert. So jedenfalls darf man das Unbehagen von Kulturstaatsministerin Grütters über die Dehnbarkeit von Verfassungsgütern verstehen, das immer stärker das Bedürfnis nach Ordnungsrufen weckt und zugleich die Haltung souveräner Gelassenheit torpediert.
Irgendetwas läuft schief in der Diskursrepublik Deutschland. Im Fall des Gedichts von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin wurde die Freiheit von Kunst und Meinung geringer bewertet als das Unbehagen einiger Studierender und ihrer Lesart des Werkes. Nun jedoch dient diese Freiheit zum Schutz massiver Beleidigungen und Schmähungen. Liegt es daran, dass es jetzt ein klar definiertes Marktinteresse gibt? Beide Male fällt auf, wie gering das Vermögen geschätzt wird, Grenzüberschreitungen eigenverantwortlich zu tolerieren oder, falls es geboten scheint, zurückzuweisen.
Die Lust, mit dem Bösen zu kokettieren, ist nicht nur Rappern vorbehalten, die stolz auf ihre Muskeln sind und in jedem zweiten Satz davon reden, ihre Gegner „auseinanderzuficken“. Eine vergleichsweise unverdächtige Diskussionsrunde fiel am Dienstag im Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) einer Twittermitteilung zum Opfer, in der die Redaktion des öffentlich-rechtlichen Senders versucht hatte, die Attraktion der Sendung zu steigern, in die u.a. die ehemalige AfD-Politikerin Frauke Petry eingeladen war, über politische Korrektheit zu debattieren. In der Sendung „Dienstag direkt“, die schließlich vom MDR abgesagt wurde, sollte es „um moralische Normen und Tabus in der Sprache und deren Verletzung“ gehen.
Aber im Wettbewerb um öffentliche Aufmerksamkeit glaubte die Redaktion, noch ein bisschen mehr herausholen zu können. Per Twitter wurde drastisch zuspitzend mit der Frage geworben: „Darf man heute noch Neger sagen?“ Wer so naiv und kontextlos daherredet, erweckt nicht den Anschein, einen reflektierten Beitrag zum gegenwärtigen Sprachgebrauch anzubieten zu haben, sondern leistet bereits der Unterstellung Vorschub, dass wir von Tabus und Sprechverboten umstellt seien.
Auf der Klaviatur der Reflexe
Das ist natürlich Unsinn. Von einem Tabu kann nicht die Rede sein, wenn ein Sprecher, der sich durch die Ausdrucksweise eines anderen verletzt fühlt, diesem eine Begründung für seine Worte abverlangt. Die Beispiele vom Echo und dem fragwürdigen Gebrauch des N-Wortes zeigen vielmehr, wie leicht und leichtfertig die Klaviatur der Reflexe bedient werden kann.
Schmähungen, Hass und Häme gehören längst zu allgemeinen Kommunikationsstrategien, in denen Schnelligkeit und Treffsicherheit wichtiger sind als die Erklärungen von Umständen und die Einbettung in den jeweiligen Zusammenhang. Das schließt jedoch die Lernerfolge eines wechselseitigen Für und Wider nicht aus.
An den BVMI und die MDR-Redakteure wäre deshalb die Erwartung eines verantwortungsbewussten institutionellen Sprechens und Handelns zu adressieren, das den am Krawall gewachsenen Dumpfrappern abgeht.
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