Trainer Martino nehme dem legendären Barça-Fußball den Zauber, schreiben die Zeitungen in Spanien. Und schon prasseln in der Pressekonferenz die Fragen wieder wie unterschwellige Angriffe auf Martino ein: Warum habe Barça nicht ständig den Ball, stehe das Team absichtlich so oft in der Abwehr, was sei bloß mit Wunderstürmer Lionel Messi los, seit vier Spielen ohne Tor? Das sind die Fragen an einen Trainer, der mit elf Siegen und einem Unentschieden aus zwölf Partien die spanische Liga anführt, dessen Team unlängst den Clásico gegen Real Madrid gewann und das am heutigen Mittwoch gegen den AC Mailand die Champions-League-Vorrunde vorentscheiden kann.
Gerardo Martino, in ein paar Tagen 51 Jahre alt, der Paraguays Nationalelf ins Weltmeisterschafts-Viertelfinale 2010 führte, hat beim FC Barcelona den unmöglichen Job angetreten: Jeder weiß, dass die prägende Elf unserer Zeit, das Barça von Xavi, Andrés Iniesta und Messi, nach einem Jahrzehnt voller Pokale und Spektakel jenseits des Zenits angekommen ist und neue Impulse benötigt. Aber jede kleine Veränderung, die Martino an der Elf vornimmt, wird als Sakrileg empfunden. Denn darf der FC Barcelona mit biederen Mitteln, mit langen Pässen und hohen Flanken spielen?
Hohepriester in München
Der Klub selbst hat das Gewinnen in Schönheit, das dauerhafte Passspiel und den totalen Ballbesitz, wie ein Dogma hochgehalten, als sei es die einzige wahre Art, Fußball zu spielen. Und nun, während der Hohepriester des Barça-Spiels, Pep Guardiola, den Stil vom Passen und Weiterpassen als Trainer bei Bayern München propagiert, muss das Publikum in Barcelona beobachten, wie sich das Gewöhnliche in Barças Spiel schleicht.
Gegen Rayo Vallecano hatte der FC Barcelona zum ersten Mal seit fünf Jahren in einer Partie weniger Ballbesitz als der Gegner! Gegen Celta Vigo spielte Barcelona mehr in der eigenen Hälfte als in der des Gegners! Der Trainer stellte zwei defensive Mittelfeldspieler auf! Und, der Gipfel des Frevels, Torwart Victor Valdés schlug in einer Partie mehr als zwanzig lange Abschläge! Inmitten dieser ästhetischen Debatte sitzt Gerardo Martino mit schlaffem Sakko und freundlich ruhigem Blick. Er antwortet in seinem argentinischen Singsang so höflich, als verstehe er die Sorge um den Stil des FC Barcelona am allerbesten: „Ich war der größte Fan des schönen Barça. Ich saß immer vor dem Fernseher, um sie zu sehen, denn sie spielten den attraktivsten Fußball der letzten 50 Jahre. Aber jede Saison kann man nicht die Mannschaft des Jahrhunderts formen.“ Das ist seine elegante Art zu sagen: Ein bisschen mehr Realismus, bitte.
Ein bisschen Realismus
Denn nur ein bisschen mehr Realismus, ein bisschen mehr Pragmatismus hat Martino Barça eingeflößt. Die Basis des Spiels bilden immer noch die handballartigen Passkombinationen von einer Seite zur anderen, bis sich eine Lücke auftut. Unter dem neuen Trainer wird der Stil nur variiert. Mal schlägt Abwehrchef Gerard Piqué nun einen langen, plötzlichen Diagonalpass, damit der Flügelstürmer das Dribbling gegen nur einen Gegenspieler starten kann. Mal zieht sich Barça, wie gegen Vallecano, streckenweise zurück, um Platz für Konter zu finden. Die Spieler selbst geben sich dankbar für das Aufbrechen des Dogmas. „Die Varianz tut uns gut, so können wir die Gegner wieder mehr überraschen“, sagt Cesc Fàbregas.
Mit dem Brasilianer Neymar, der noch immer auf langsamerem, südamerikanischem Tempo spielt, aber auch mit exquisiter technischer Klasse, hat Martino ein erfrischendes, neues Element erhalten. Von Messi, Iniesta, Xavi ist derzeit keiner in Hochform, wen überrascht es, nach gut einem Jahrzehnt mit jährlich über 50 Partien. Doch eine Elf muss nicht einmalig sein, um Liga oder Champions League zu gewinnen. Gerardo Martino, der Mann im unmodischen Sakko, ist dabei, aus dem FC Barcelona eine ganz gewöhnliche, sehr erfolgreiche Spitzenmannschaft zu formen.
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