Es ist zwar schon eine Weile her, dass Robert Lewandowski, der Torserientäter, der Ballermann des FC Bayern, ausgepfiffen wurde, aber noch nicht so lange, dass er sich nicht daran erinnern könnte. Pfiffe gab es nach den Qualifikationsspielen für die WM 2010, als die polnische Nationalmannschaft in der Abschlusstabelle nur besser war als San Marino.
Pfiffe gab es, als Polen, der Gastgeber der EM 2012, bereits in der Vorrunde scheiterte. Pfiffe und Schlimmeres gab es auch zwei Jahre später, als das Nationalteam die WM in Brasilien verpasste. In der Qualifikation waren sie besser als San Marino und Moldawien.
Dass der Frust der polnischen Fans und Kommentatoren letztlich immer ihren besten Spieler traf, ist natürlich unfair. Als würde nicht einer, sondern elf Lewandowskis auf dem Platz stehen. Als müsste dieser eine alles machen. Und wer den Stürmer etwa vor drei Jahren in Breslau erlebt hat, nach der Niederlage gegen Tschechien, die das vorzeitige Aus beim Heimturnier bedeutete, konnte im Stadionbauch einen vom Erwartungsdruck geknickten, fast gebrochenen Mann sehen, der sich an seine Kulturtasche klammerte und keine Erklärung hatte, warum weshalb wieso bloß – er hatte nur ein vages, leise dahingehauchtes Versprechen übrig: „Wir werden bestimmt eine gute Qualifikation für die WM in Brasilien spielen.“ Nun ja, siehe San Marino.
Viele Tore, Arkadiusz Milik und Verantwortung
Am Donnerstag trifft Polen auf Schottland, und wenn Irland parallel nicht gegen Deutschland gewinnt, dann reicht ein Sieg. Dann wird Lewandowski, 27, im kommenden Sommer mit dem polnischen Nationalteam zur EM nach Frankreich reisen. Und wenn es nicht klappt?
Wenn Polen im dann entscheidenden Heimspiel gegen Irland am Sonntag die Qualifikation doch noch verspielt? Werden die Fans wieder pfeifen. Aber sie werden diesmal nicht alleine und stellvertretend Lewandowski meinen. Polen hat sich mit seinem berühmtesten Spitzensportler ausgesöhnt. Aus mehreren Gründen.
Da sind erstens, klar, was sonst, seine vielen Tore. Zehn Mal hat Lewandowski bereits in der laufenden Qualifikation getroffen, so oft wie kein anderer Europäer. Das war früher nicht immer so. Lewandowski traf für Dortmund, traf für die Bayern, er gewann Meistertitel und Pokale, aber für Polen schoss er oft drüber, daneben und verlor auch mal gegen Nordirland.
Dann ist da zweitens Arkadiusz Milik, Ajax Amsterdam, sechs Tore bislang, der ihm als Hoffnungsträger assistiert. Denn seit Adam Nawalka vor zwei Jahren das Nationaltraineramt übernahm, ist Lewandowski nicht mehr so einsam im Sturm. Hat endlich einen zum Mitspielen. Muss sich nicht ins Mittelfeld fallen lassen, wenn er mal an den Ball kommen will. Und muss sich danach nicht anhören, dass er nicht trifft, weil er viel zu tief im Spielaufbau hängt.
Aber der wichtigste Grund für die Aussöhnung ist ein Stück Stoff, und Lewandowski beschreibt es so: „Früher dachte ich, dass die Kapitänsbinde keine große Bedeutung hat. Aber nachdem ich dieses Stück Stoff bekommen habe, hat sich meine Meinung geändert. Ich habe etwas gespürt. Ich habe zwar gekämpft wie früher, aber jetzt hatte ich etwas anderes: Verantwortung.“ Das sind die Sätze, auf die Fußballpolen gewartet hat.
In einem Atemzug mit Ronaldo und Messi
Lewandowski galt lange nicht als Führungsspieler, man warf ihm mangelndes Engagement vor. Er galt als jemand, der im Trikot mit dem weißen Adler nicht so viel arbeitet wie bei den Bayern. Was nicht stimmte. Und außerdem sei er einer, der im Ausland seine Millionen verdient, daher kein echter Patriot. Ein schlimmer Vorwurf in großen Teilen Polens. Dann kam der richtige Stoff.
Vor Lewandowski war Jakub Blaszczykowski (jetzt beim AC Florenz) vier Jahre lang Kapitän des polnischen Nationalteams. Er war sehr beliebt bei den Fans und innerhalb der Mannschaft. Aber er war eben auch sehr oft verletzt. Im vergangenen Dezember dann wagte es Nawalka, Blaszczykowski zu entmachten. Der Trainer tat es gegen einige Widerstände. Kritiker fragten sich, ob es reicht, wenn einer das Amt übernimmt, nur weil er der beste Spieler ist.
Da Lewandowski seit seinem Torrausch in der Bundesliga in einem Atemzug mit seinen Kapitänskollegen Cristiano Ronaldo und Lionel Messi genannt wird, passen jetzt auch die Vergleiche. Der ehemalige Nationaltrainer Portugals Paolo Bento etwa sagte nach seinem Abschied, dass João Moutinho ein besserer Würdenträger wäre als der nur auf sich bedachte Ronaldo. Und in Argentinien finden viele, dass Javier Mascherano den blassen Messi ersetzen sollte. In Polen haben sie hingegen das Gefühl, nicht nur den Besten, sondern jetzt auch den Richtigen im Amt zu haben. Und der könnte endlich ein bisschen Applaus vertragen.
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