München - Einigermaßen zerknirscht sahen die Profis des FC Bayern auch am Morgen danach aus. Die 1:2-Niederlage gegen Bayer Leverkusen vom Sonntag hatte sich ja nicht als schlechter Traum erwiesen, sondern als ganz reales Déjà-vu. Auch im Herbst 2011 hatten sich die Münchner nach einer Rekordserie plötzlich als Verlierer beim Regenerationstraining wiedergetroffen. Immerhin konnte Thomas Müller am Montag schon wieder scherzen. „Wir leben noch“, verkündete er, stellte aber auch selbstkritisch fest: „Es ist nicht so, dass der Fußballgott oder irgendwelche Feen das Spiel entschieden hätten.“
Natürlich hat die Niederlage Spuren hinterlassen, nicht allein bei Holger Badstuber, der sich einen Muskelfaserriss im Oberschenkel zuzog und einige Wochen ausfällt. Nachwirken könnten auch die Parallelen zur Vorsaison. Statt am zehnten Spieltag hatte es die Bayern nun in der neunten Runde erwischt. Stefan Kießling mit Unterstützung von Philipp Lahm (42.) und Sidney Sam dank Jerome Boatengs unfreiwilliger Hilfestellung (87.) hatten die Liga mit ihren Toren daran erinnert, dass die scheinbar übermächtigen Bayern fehlbar sind. Diesen Eindruck konnte auch Mario Mandzukic nicht mehr entkräften, obwohl ihm zwischenzeitlich der Ausgleich geglückt war (77.). „Das ist ein Zeichen, dass wir in der Lage sind, jeden zu schlagen“, freute sich Leverkusens Kapitän Simon Rolfes.
"Die Liga wird sich freuen"
Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge ahnte rasch, dass der Eindruck nun die Runde machen könnte, die Münchner seien anfällig geworden. „Die Liga wird sich freuen“, sagte er, „jetzt müssen wir zeigen, dass wir mit dem Druck besser umgehen als im letzten Jahr.“ Auch Arjen Robben mahnte am Montag: „Wir müssen aus dem letzten Jahr lernen. Jetzt müssen wir hellwach sein.“
Dass die Rede flugs auf die Vorsaison kam, zeigte auch, welche tiefe Wunden diese hinterlassen hat. Die Niederlage im Finale der Champions League gegen Chelsea gilt dabei als Sinnbild aller verpasster Titelchancen. Am Ende blieb den Bayern nur die Erkenntnis, dass sie sich immerhin auf ihre Reflexe verlassen können. 70 Millionen Euro wurden im Sommer in neue Profis investiert, um national wieder zum sportlichen Branchenführer aufzusteigen und international weiter für Titel in Frage zu kommen.
Nun sehen sich die Münchner mit der schlechten Erinnerung konfrontiert. Dass die Bayern eine ähnlich ausgeprägte November-Depression wie im Vorjahr erfasst, als sie gegen Dortmund (0:1) und in Mainz (2:3) gleich zwei weitere Niederlagen hintereinander erlitten, will so recht jedoch niemand glauben. Auch nicht Rudi Völler, der sein Lob für die Münchner natürlich auch in eigener Sache verwendete. „Der FC Bayern und der FC Barcelona - das sind die besten Mannschaften in Europa, die werden den Champions-League-Titel unter sich ausmachen. Und wir haben hier gewonnen. Schön“, freute sich Leverkusens Sportdirektor.
Schweres Spiel in Hamburg
„Ich denke, dass sich die Mannschaft davon nicht beeindrucken lässt“, sagte Bayerns Trainer Jupp Heynckes spürbar bemüht, gar nicht erst einen Formknick herbeizureden, „wir haben einen komfortablen Vorsprung.“ Und doch wissen sie in München, dass ihre zum Erfolg verpflichtete Gruppe zuweilen ziemlich störanfällig ist. Manchmal genügen schon kleine Missgeschicke für Phasen der Unsicherheit. „Ich weiß jetzt schon, dass wir in Hamburg ein schweres Spiel haben werden“, mutmaßte Rummenigge.
Hervorgebracht hat dieser insgesamt kuriose Winterabend im Oktober vor allem eine Erkenntnis, die die Münchner nach der massiven Erweiterung ihrer Kaders nicht mehr für möglich gehalten hatten. Noch immer zeigt sich, dass die Mannschaft von ihren Ausnahmekönnern abhängig ist. Dass Franck Ribéry wegen Oberschenkelbeschwerden fehlte und Robben nach seiner eigenen Blessur noch nicht wieder richtig in Form ist, machte sich gegen Leverkusen sehr bemerkbar, als Geistesblitze gefragt waren, aber ausblieben.
Ribérys Fähigkeit, eine Abwehr zur Not auch allein zu beschäftigen oder gar auszuhebeln, konnte man vom ebenfalls gerade erst genesenen David Alaba nicht erwarten. Und Robben kam, denkbar ungünstig nach vier Wochen Verletzungspause, spät als Notfallhelfer in eine Mannschaft, die schon der Hektik verfallen war.
Bei allem Pech, das die Niederlage begleitete: Abgeschüttelt hat dieses Team trotz der Neuerwerbungen noch immer nicht den Verdacht, dass es ohne seine beiden Zirkusartisten zuweilen recht gewöhnlich daherkommt. Genervt stellte Lahm fest: „Franck war in einer Topform. Dass so ein Spieler eins zu eins schwer zu ersetzen ist, ist klar. Trotzdem muss die Mannschaft gewinnen, egal, wer auf dem Platz steht.“ Das gilt natürlich auch für Mittwoch, und ein bisschen leid kann einem der 1. FC Kaiserslautern nun wohl schon tun. Denn Heynckes ordnete gegen den Zweitligisten umgehend Wiedergutmachung an.
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