Ferienerinnerung

Was wir tun mussten, um das Leben eines Kaninchens zu retten

Niemand war damals, Anfang der 70er-Jahre in Westdeutschland, Vegetarier oder gar Veganer, aber erpressen ließen wir uns in dem Fall trotzdem.

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Wir sind in den Ferien längst nicht immer weggefahren. Manchmal musste auch der Garten hinterm Haus genügen, zumindest ein paar Wochen lang. Meine Schwester, Dieter Koch aus dem Nachbarhaus und ich vertrieben uns die Zeit damit, aus den riesigen Pappkartons, in denen dem Betrieb meines Vaters neue Gasherde geliefert wurden, auf dem Rasen ein Haus zu bauen. Es wurde immer größer, hatte immer mehr Räume, auch wenn man die nur auf allen Vieren erreichen konnte, und es fand immer mehr Material aus unserem Kinderzimmer den Weg dorthin: Puppen, Puppenbetten, Puppenkleidung und so weiter. Wahrscheinlich spielten wir Vater, Mutter, Kind. Großfamilie!

Das Papphaus bedeckte bald den gesamten Rasen, es war kein Platz mehr für den Liegestuhl meiner Mutter, ein sommerlicher Regenguss sorgte dafür, dass sich die Wände bogen, die Decken einsanken. Ein Slum im Hinterhof von Heidelberg-Neuenheim. Heute kann man sich das in dieser edel gewordenen Gegend gar nicht mehr vorstellen.

Eines frühen Abends, die Werkstatt meines Vaters war schon abgeschlossen, erblickten wir Kinder durch die Tür einen Sack, der sich bewegte. Wir glaubten zudem, ein rotes Leuchten durch die grobe Jute zu erkennen. Hartnäckiges Bohren am Abendbrottisch erbrachte: In dem Sack befand sich ein Kaninchen, das unser Sonntagsbraten werden sollte. Ein Genickschlag, ausgeführt von Egon, einem Mitarbeiter meines Vaters, sollte es dafür vorbereiten. Mein Vater hätte so etwas selber nicht übers Herz gebracht.

Schnucki war ein Albino, unser selbstgerettetes Haustier

Niemand war damals – es waren die frühen Siebzigerjahre in Westdeutschland – Vegetarier, geschweige denn Veganer. Gern begleitete ich meine Mutter in die Metzgerei Blatt und nahm ein Stück vom Ring Lyoner von der freundlichen Verkäuferin entgegen. Aber jetzt war das Geheul groß.

Meine Eltern schlugen uns einen Kompromiss vor, oder war es Erpressung? Wir würden die Behausung im Garten abreißen und damit das Leben des Kaninchens retten. So geschah es. Aus dem Sack kam Schnucki, ein Albino mit roten Augen, unser selbstgerettetes Haustier, das in einem Stall in einer Ecke des Gartens unterkam, den mein Opa baute. Wir legten im verlassenen Nachbargarten Löwenzahnbeete für Schnucki an, und dann waren die Sommerferien vorbei. Es kam der Herbst, es kam der dunkle, kalte Winter, und wir vergaßen Schnucki manchmal tagelang. Ich erinnere mich noch gut an die Angst, das Tier, das uns sein Leben verdankte, könnte verhungert sein, wenn ich mich abends endlich zu ihm schlich.

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