Bodennahes Fließen

Deborah Hay und Eszter Salamon beim Festival Tanz im August

Außerdem protestierte die Tanszzene vor dem HAU1 gegen weitere Unterfinanzierung.

Christine Matschke
5 Min
Mutter-Tochter-Schichten: Erzsébet Gyrmati (links) und Eszter Salamon in "Monument 0.7:M/others“.

Mutter-Tochter-Schichten: Erzsébet Gyrmati (links) und Eszter Salamon in "Monument 0.7:M/others“.

© Alain Roux

Unmittelbar vor Beginn des diesjährigen Tanz im August wurde bereits klar: Es wird ein Festival, das einem mit gemischten Gefühlen in Erinnerung bleiben wird. Die Veröffentlichung des Entwurfs des Landeskulturhaushalts 2020/21 Mitte Juni hatte in der freien Berliner Tanzszene für trübe Stimmung gesorgt. Mit dem Runden Tisch Tanz hatten sich Künstler und Künstlerinnen im vergangenen Jahr gezielt für eine bessere Finanzierung und vermehrte gesellschaftliche Anerkennung der Kunstsparte Tanz eingesetzt.

Am Freitag, eine Stunde vor Eröffnung des Festivals bekundeten Vertreter der Szene ihre Enttäuschung vor dem Hebbel-Theater. Im Rahmen der Protestkampagne „Dance for millions of reasons“ des Vereins ZTB (Zeitgenössischer Tanz in Berlin), die noch bis November andauern wird, forderten sie in einem offenen Brief zu einer Neuformulierung veralteter Denk- und Finanzierungsmuster auf. Begleitet wurde der lautstarke Protest durch einen Flashmob.

Deborah Hay ist die Mitbegründerin des legendären Judson Dance Theatre in New York

„Turn your fucking head!“ ist das Credo der 78-jährigen Deborah Hay. Die amerikanische Choreografin ist neben der Britin Rosemary Butcher und der Spanierin La Ribot die dritte weibliche Tanzkünstlerin, der das Festival eine Retrospektive widmet. Im Falle Hays, die Mitbegründerin des legendären Judson Dance Theater im New York der 60er-Jahre war, ist das keinesfalls als bloße Rückschau gemeint. Ihre „RE-Perspective“ ist so unabgeschlossen wie ihr künstlerisches Schaffen und liest sich als lebendiger Ausdruck der für sie spezifischen Wahrnehmungs- und Bewegungs-Philosophie.

Deborah Hay in ihrem Solo „my choreographed body ... revisited (2019)“

Deborah Hay in ihrem Solo „my choreographed body ... revisited (2019)“

© Tanz im August

Ohne musikalische Begleitung und bestechend unaufgeregt betrat Hay die Bühne des HAU 1. Ihre Solo-Premiere „my choreographed body ... revisited (2019)“ wurde damit zu einer beinahe persönlichen Begegnung mit dem Publikum. Jede von Hays Bewegungen reflektierte den Körper in seiner Gesamtheit, lauschte in diesen hinein, als wolle sie unsichtbare Spuren verfolgen.

Nach außen hin zeigte sich die wache Innenschau der Tänzer-Choreografin in einer feingliedrigen und flexiblen Anatomie. Wie an Fäden schienen einzelne Körperpartien zu hängen. Deren Ausrichtung in unterschiedliche Raumrichtungen schien jederzeit möglich zu sein. Strukturiert wurde der beinahe schwebende Tanz der zierlich-selbstbewussten Frau durch leichtes Tippen der Fußballen. Akzente setzte sie auch, indem sie Arme und Hände präzise, beinahe wie einfache grafische Muster, am Körper anordnete.

Weniger durchlässig zeigten sich fünf Tänzer und Tänzerinnen in „Animals on the Beach“. Während sich in Hays Solo die Details sanft schwingend verknüpften, verliehen Elemente neoklassisch anmutender Ballett-Geometrie den fragmentiert sich fortsetzenden Bewegungen der „Strandtiere“ etwas Staksiges. Deborah Hays zweite Uraufführung wirkte wie eine subtile Reminiszenz an den Modern-Dance-Pionier Merce Cunningham, mit dessen Kompanie Hay einst tourte.

Eine Reminiszenz an den Modern-Dance-Pionier Merce Cunningham: Szene aus „Animals on the Beach“ von Deborah Hay.

Eine Reminiszenz an den Modern-Dance-Pionier Merce Cunningham: Szene aus „Animals on the Beach“ von Deborah Hay.

© Camille Blake

Ähnlich wie Cunninghams „Beach Birds“ und „Beach Birds for Camera“ basiert auch Hays Quintett auf individuellen körperlichen Phrasierungen. Weniger räumliche Distanz zum Publikum hätte diesem Stück allerdings gut getan, wurde es doch immer dann wirklich interessant, als die Tänzer wie in Nahaufnahme am Bühnenrand agierten.

Urmenschliche Gefühle wie Angst, Wut und Eitelkeit trieben das Stück „The Fading of the Marvelous“ von Catherine Gaudet an. Wohin die als internationale Neuentdeckung angekündigte Kanadierin damit wollte, wurde nicht klar. Schlag auf Schlag demonstrieren fünf Tänzer hier verschiedene Formen des gemeinsamen und individuellen Kreisens und arbeiteten sich schicksalsergeben an allzu Vorhersehbarem ab – ein Neuinterpretations-Versuch des Mythos von Sisyphos?

Künstlerisches Nachdenken über den Generationenvertrag 

Einen äußerst souveränen Eindruck hinterließ hingegen Eszter Salamon mit „Monument 0.7: M/others“. Gemeinsam mit ihrer Mutter überdachte die Berliner Choreografin den Generationenvertrag und schuf alternative Denk- und Empfindungsräume mit politischer Aussagekraft.

Auf Kissen sitzend, wohnte das Publikum dem skulpturalen Duo bei. Die beiden ganz in schwarz gekleideten, blondhaarigen Frauen hielten beständig Körperkontakt zueinander. Mal eng verschlungen und kaum auseinanderzuhalten, mal nur Fußfläche an Fußfläche und als Individuen erkennbar, modellierten sie bodennah fließende Zustände von Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein: Sie hielten sich in den Armen, trugen das Gewicht der anderen und ließen sich aufeinander ein – nicht ohne eine bewusst gesetzte Differenz zwischen Körper und Person zu schaffen.


Nächste Termine

Monument 0.7:M/others von Eszter Salamon, 12.8., 20.30 Uhr, St. Elisabeth-Kirche, Invalidenstr. 3.

Die nächste Produktion ist „The Wonderful and The Ordinary“ von Gunilla Heilborn,/Theater im Bahnhof, 14. und 15.8., HAU 1, Stresemannstr. 29, am 14.8. nach der Vorstellung Gespräch mit Gunilla Heilborn.

www.tanzimaugust.de


Anfangs unverständlich und später zunehmend sinnhaft drang dann auch Sprache in die konzentrierte Stille der St. Elisabeth Kirche. In Echodialogen wiederholte Erzsébet Gyrmati die Worte Eszter Salamons, die sich allmählich zu einem Statement gegen gesellschaftliche Polarisierung ausformten. Am Ende der Performance standen die beiden Frauen offenen und zugewandten Blickes vor dem sichtlich berührten Publikum. Welch eine zuversichtliche Aussicht für das noch bis Ende August andauernde Festival.

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