Zu einem Festival unter dem Titel „Utopie Osteuropa“ treffen sich am Freitag und Sonnabend Autorinnen und Autoren, die Familie in Belarus oder der Ukraine, in der Türkei oder Kroatien, Litauen oder Polen haben – also in Ländern östlich von Deutschland. „Was soll diese Verortung ,Osten‘ bedeuten, und brauchen wir das überhaupt noch?“, wird in der Ankündigung gefragt. Sasha Marianna Salzmann und Max Czollek kuratieren das Festival und moderieren die Gespräche. Von Sasha Marianna Salzmann möchten wir vorab wissen: Wie definieren Sie selbst den Osten?
Der Osten ist in meinen Ohren und meinem Empfinden nach keine geografische Kategorie. Das Wort hat eine politische Konnotation, aber bevor diese mir in den Sinn kommt, denke ich an das Klirren von Teetassen, an Stimmen, die durcheinandersprechen, an ungeordnetes Leben. An Leben, das anderen Regeln und anderer Logik folgt als jenen, die ich im Westen gelernt habe.
Ich denke, der markanteste Unterschied ist, dass ich im Westen gelernt habe, mich als Erstes zu denken. Es sind meine Entscheidungen, die ich treffe. Es ist mein Leben, über das ich verfüge. Mein Körper, meine Karriere, meine Freizeit etc. Osten ist für mich etwas, das aus dem Kollektiv und aus der Gemeinschaft heraus denkt. Man sagt im Russischen, „ich“ ist der letzte Buchstabe im Alphabet, also stell dich hinten an, vergiss dich, nimm dich nicht so wichtig (es ist tatsächlich nur ein Buchstabe, das „Я“).
Sasha Marianna Salzmann erzählt von machtlosen Helden in zerfallenden Welten
Max Czollek über seine Gesprächsreihe: „Wir arbeiten an einer pluralen Erinnerungskultur“
Ich bin davon überzeugt, dass Sprache unsere Sicht auf die Welt prägt. Ich denke auch, dass der sogenannte Osten viel aus dem Kollektiv und aus der Gruppe heraus denkt – im Guten (Gemeinschaftssinn und Familienbande sind stärker) wie im Schlechten (die anderen entscheiden mit, was für einen richtig sein soll, und im schlimmsten Fall übernimmt das Denken für einen ein totalitärer Staat).
Individualistisches Auftreten wird oft ja auch „westlicher Lebensstil“ genannt. Was ist dann „östlicher Lebensstil“? Natürlich kann man ihn nicht abstecken, und mit Sicherheit lässt er sich nicht auf ein paar Begriffe herunterbrechen. Aber Literatur und Kunst können Innenleben veranschaulichen und damit abstrakte Begriffe emotional greifbar machen. Das ist die Idee hinter der Einladung an diese Autor:innen zum Festival „Utopie Osteuropa“.
Festival 1. und 2. Dezember jeweils ab 19.30 Uhr, Literarisches Colloquium Berlin, Tickets 8/5 Euro
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