Das Eröffnungsbild ist schaurig. Eine junge Frau hängt an einem Baum, die Schlinge um den Hals. Dazu das alte Lied „Strange Fruit“ mit der Zeile: „Strange fruit hanging from the poplar trees“. Seltsame Früchte hängen an den Pappeln. Das muss man erstmal aushalten.
Volker Schlöndorff schlägt in dem ersten Kriminalfilm seiner langen Karriere einen Ton an, den er bis zum nicht weniger bitteren Ende halten wird. Seine respektvolle und doch auch sehr eigene Adaption von Friedrich Anis Roman „Der namenlose Tag“, ist ein auf beklemmende Weise großartiges Fernsehspiel.
Der Vertreter aus dem Totenreich
Ein Mann überbringt eine Nachricht und er trägt schwer daran. Er klammert sich an den Griff seiner Aktentasche, die längst keine Akten mehr beinhaltet. Hauptkommissar Jakob Franck ist pensioniert. Aber weil er von den Toten in seinem Kopf sowieso nicht loskommt und weil er sich die Zeit nehmen kann, die andere nicht haben, übernimmt er für die Kollegen vom Dezernat den Gang zu den Angehörigen der Opfer von Gewalttaten.
Wie ein Vertreter aus dem Totenreich klingelt er an den Türen und sagt die furchtbaren Worte: Ihr Mann ist tot. Ihre Frau. Ihr Kind. Mit dem Todesboten hat Friedrich Ani eine Figur von großer literarischer Kraft geschaffen und Thomas Thieme ist mit seiner hoch empfindsamen Körperlichkeit die ideale Besetzung für diese Rolle.
ZWEI MEISTER
Volker Schlöndorff wurde am 31. Mai 1939 in Wiesbaden geboren. Im Anschluss an einen Schüleraustausch setzte er ab 1955 seine Ausbildung in Frankreich fort. 1960 drehte er seinen ersten Film. 1980 gewann er den Oscar für „Die Blechtrommel“. Er lebt in Potsdam.
Friedrich Ani wurde am 7. Januar 1959 im oberbayerischen Kochel am See geboren. Er ist der Sohn eines Syrers und einer Schlesierin. Schon kurz nach dem Abitur schrieb er seine ersten Texte. Ani wurde sieben Mal mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichnet. Er lebt in München.
Als Autor schreibt Ani seit 1995 Drehbücher für Fernsehspiele und Fernsehserien wie „Tatort“, „Stahlnetz“ und „Rosa Roth“. Zwei weitere Filme mit der Figur des Kommissars Jakob Franck sind bereits in Arbeit.
Der namenlose Tag 5.02.2018, 20.15 Uhr, ZDF
Eines Tages jedoch klingelt es bei Franck. Jetzt ist es der Vater des erhängten Mädchens, der eine Nachricht für ihn hat. Zwei Jahre nach dem Tod der Tochter hat sich deren Mutter umgebracht, Doris, seine Frau, auch mit einem Strick. In seiner Verzweiflung bittet Ludwig Winther (Devid Striesow) den Kommissar, noch einmal in dem alten Fall zu ermitteln.
Ein Täter konnte damals nicht gefunden werden, obwohl sich fremde DNA an dem Seil befand, mit dem die 17-jährige Esther zu Tode kam. Der Vater glaubt noch immer nicht an die offizielle Version vom Suizid seiner Tochter und will endlich die Wahrheit wissen. Ein Teil dieser Wahrheit ist jedoch, dass er selbst seinerzeit unter Verdacht geriet, sein Kind missbraucht zu haben.
Ungeheure Intimität ohne Worte
Jakob Franck kann nicht anders, als den Faden wieder aufzunehmen. Denn Doris Winther (Ursina Lardi) wird ihn nie wieder loslassen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als er ihr die Nachricht von Esthers Tod überbrachte, hatte er sie fest im Arm gehalten, in der Diele des Hauses, sieben Stunden lang.
Im Roman ist diese Szene, die der Autor Friedrich Ani nach einer wahren Begebenheit gestaltet hat, ein Schlüsselmoment: „Die Einundvierzigjährige umarmte ihn nicht; sie klammerte sich an ihn, ohne ihn krampfhaft an sich zu drücken. Franck kam es vor, als wäre sie im Umarmen wenig geübt und von der Wucht ihres Verlangens überfordert.“
Es ist Schlöndorffs sensibler Inszenierung und der Schauspielkunst von Ursina Lardi und Thomas Thieme zu danken, dass sich die ungeheure Intimität dieser Begegnung in dem Film ohne Worte vermittelt. Als sich die Frau und der Kommissar endlich aus ihrer Umklammerung lösen, wirken sie so erschöpft und verlegen wie nach einem Liebesakt.
Wie im Buch erschließt sich die Geschichte vom Tod des Mädchens in Rückblenden. Die Handlung hat Schlöndorff von München nach Erfurt verlegt, um dem thüringischen Zungenschlag Thiemes, gerecht zu werden, der für die Hauptrolle gesetzt war. Der alte Kommissar sucht Menschen auf, die Esther kannten. Freundinnen, Freunde, Bekannte, Verwandte.
Im Gespräch öffnet er seine schwere Lederjacke und wenn er Glück hat, öffnen sie ihm ihr Herz. So wie die überdrehte Inge (Lardi in einer Doppelrolle), die Zwillingsschwester der toten Doris. Jakob Franck besucht sie in Berlin und hätte beinahe vergessen, dass er ganz gern ein bisschen einsam ist. Aber er ist auch ein Mensch, der sich für andere Menschen interessiert, das schließt sich ja nicht aus.
Eine Art Comeback
So erfährt er immer mehr von ihren Sehnsüchten und Enttäuschungen, ihren kleinen und größeren Lebenslügen. Am Ende ist jeder hier ein Opfer und niemand frei von Schuld. Jakob Franck – und mit ihm der Film – seziert auf emphatische Weise die Anatomie einer unglücklichen Familie, in der niemand dem anderen wirklich nahe kommt: „Ich wollte mit ihr reden“, sagt Ludwig Winther einmal, „aber ich wusste nicht wie.“ Tiefe Sprachlosigkeit lastet auf allem.
Für Volker Schlöndorff ist dieser Film eine Art Comeback, obwohl der 78-jährige Regisseur ja nie aufgehört hat, als Regisseur und Autor an seinen diversen Projekten zu arbeiten. Doch war seinen Kinofilmen, wie zuletzt „Rückkehr nach Montauk“ mit Nina Hoss weder die Gunst der Kritik noch ein großes Publikum vergönnt. Das dürfte sich jetzt ändern.
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