Italien ist unterschätzt. Politische Dauerkrisen lenken von seinem kulturellen Reichtum aus Gegenwart und jüngster Vergangenheit ab. Dicht unter der Oberfläche liegen auch für Cineasten immer noch reiche Schätze verborgen. Wer meint, dass sich das klassische italienische Kino mit Namen wie Antonioni, Pasolini oder Fellini erschöpft, darf sich eines Besseren belehren lassen. Zu den unterschätzten Wegbereitern dieser Regisseure gehört auch Antonio Pietrangeli, dem jetzt erstmals in Berlin eine Werkschau gewidmet ist.
1919 in Rom geboren, schloss Pietrangeli zunächst ein Medizinstudium ab, bevor er sich als Kritiker betätigte: Der Schlüsselbegriff des Neorealismus wurde von ihm in einem 1942 verfassten Artikel erstmals auf das Kino angewandt. Im selben Jahr wechselte er ins praktische Fach, arbeitete als Drehbuchautor für unter anderem Roberto Rossellini und Luchino Visconti. Mit Letzterem schrieb er 1947 das Drehbuch zu „Die Erde bebt“.
Frauenleben im Umbruch
Bereits mit seinem 1953 fertiggestellten Debüt „Die Sonne in den Augen“ begann Pietrangeli, den neorealistischen Rahmen zu erweitern. Die Odyssee einer aus dem ländlichen Umbrien nach Rom übersiedelnden jungen Frau ist skizzenhaft angelegt, arbeitet mit zahlreichen, szenisch sorgfältig eingerichteten Binnenplots. Vor allem aber findet der werdende Regisseur hier sein ureigenes Sujet. Mehrfach entwirft er später Porträts von Frauen, deren Lebenswege durch gesellschaftliche Transformationen enorme Beschleunigungen erfahren. Italien wandelte sich damals vom Agrar- zum Industrieland, für Millionen von eben noch traditionell lebenden Menschen eröffneten sich ungeahnte Perspektiven, aber auch existenzielle Gefahren. Pietrangelis Zuwendung galt in diesem Zusammenhang den Müttern und Töchtern. Ihre gleichzeitig vitalste wie tragischste Ausformung fand diese Perspektive 1965 in „Ich habe sie gut gekannt“. Stefania Sandrelli spielt hier ein 19-jähriges Provinzmädchen, das ihrer Schönheit und Naivität wegen im römischen Jetset herumgereicht wird und nach einem fiebrigen Wechsel von Kleidern, Frisuren und Männern buchstäblich an der durchlaufenen sozialen Fallhöhe zerbricht.
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Als Pietrangeli im Juli 1968 infolge eines Verkehrsunfalls verstarb, hinterließ er mit elf langen und einigen kurzen Filmen ein eher schmales, dabei keineswegs nur ernstes Lebenswerk. Auch in seinen seriösen Arbeiten setzte er gern humoristische, ja aberwitzige Kontrapunkte. Ausgesprochen leichtfüßig wurde er zweimal. „Rendezvous in Rom“ (Regie-Assistenz: Dario Fo!) war 1957 eine bunte Tramperinnen-Geschichte, die bisweilen wie vom Fremdenverkehrs-Ministerium bestellt wirkt. Am spielerischsten geriet ihm 1961 „Ghosts of Rome“. Mit der Musik von Nino Rota und Marcello Mastroianni in einer Mehrfachrolle als Gespenst wirkt diese Mystery-Komödie ausgesprochen felliniesk.
Retrospektive Antonio Pietrangeli. Kino Arsenal, 5. bis 31. Mai 2023
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