Workout in den Seilen

Beim Sling-Training sind Konzentration, Kraft und Humor gefragt

Die Übungen fordern nicht nur einzelne Muskeln, sondern ganze Muskelketten.

Martina Doering
5 Min
Fitnesstrainer Stefan Müller erklärt unserer Autorin Martina Doering, wie sie sich in dem Seilschlingengerät zu bewegen hat. Sabine Gudath 

Fitnesstrainer Stefan Müller erklärt unserer Autorin Martina Doering, wie sie sich in dem Seilschlingengerät zu bewegen hat. Sabine Gudath 

© Sabine Gudath

Die Skepsis ist groß, als der Termin im Sportstudio näher rückt: Seilschlingentraining – wieder so ein neumodischer, kurzlebiger Sporthype? Alle Jahre wieder werden Listen mit sogenannten Trendsportarten veröffentlicht, die oft unverständliche Namen tragen. „Piloxing“ beispielsweise, ein Mix aus Pilates und Boxen, oder „Hockern“, eine Art Akrobatik mit einem speziellem Schemel. Bei anderen Sportarten wundert man sich, sie auf der Trend-Liste zu finden, da sie Klassiker sind.

Das Seilschlingentraining stand ebenfalls schon auf einer solchen Liste, auch Sling-Training genannt oder TRX – nach einem Anbieter der Ausrüstung. In Berlin gibt es diverse Möglichkeiten, sich darin zu versuchen. Bei Stefan Müller beispielsweise, er bietet es in seinem Personal-Training-Studio an, das er im April 2013 in der Torstraße eröffnet hat. „Da bei dieser Bewegung jeder mit dem eigenen Körpergewicht arbeitet, ist die Verletzungsgefahr sehr gering und auch untrainierte Personen können sofort loslegen“, erklärt Stefan Müller, der seit mehr als 15 Jahren als Fitnesstrainer tätig ist. 

Also rein in die Trainingskluft! Nach einer Begutachtung – krummer Rücken, hochgezogene Schultern, schlapper Bizeps – sowie einer kurzen Einweisung geht es los. An einem stabilen Stangengerüst hängen lange, bewegliche Bänder mit Schlingen. Hier können je nach Übung die Füße eingehängt werden. Oder man umfasst mit den Händen die Griffe an den Bändern. 

Gurte mit Eigenleben

Bei der ersten Übung stehe ich etwa einen Meter vor dem Gerüst, die Füße hüftbreit am Boden. Die Hände fassen die Griffe an den Bändern, dann lasse ich mich nach hinten fallen. In einer Art Ruderbewegung ziehe ich mich aus den Armen nach oben, um anschließend in die Ausgangsposition zurückzukehren.

Die Gurte und auch die Schlaufen führen ihr Eigenleben, sind also ständig in Bewegung und müssen stabil gehalten werden. Dadurch werden die Übungen zum Ganzkörpertraining: Die Bauchmuskeln sind angespannt, die Pomuskeln nicht minder, und die Arme zittern. Nach einem halben Dutzend solcher schrägen Luft-Liegestütze ist bereits zu merken, woran es der Testperson fehlt. Eindeutig an Kraft.

Die Regel lautet im Prinzip: Je näher die Bänder am Körper bleiben, umso einfacher fallen die Übungen. Wird der Körper zum Beispiel nur in kleinem Winkel nach unten gesenkt, ist es leichter. Lässt man ihn fast bis zum Boden gleiten, kommt man kaum wieder hoch. Bleiben die Arme am Körper, ist die Anstrengung geringer. Werden sie stärker nach außen gedreht und auch noch durchgestreckt, dann reagiert jeder Muskel sofort empört, weil er untrainiert ist.


So geht's los

Unter Aufsicht trainieren: Verschiedene Sportstudios haben Seilschlingentraining im Angebot. Wir haben es ausprobiert in Stefan Müllers
Personal Fitness Lounge, Torstr. 40 in Berlin-Mitte. www.personal-training-lounge.com.

Alleine üben: Die Ausrüstung ist bei verschiedenen Herstellern erhältlich. Entsprechende Pakete mit Bändern, Schlingen, Griffen und Übungspostern sowie Trainingsplan, Türanker und Befestigungsschlaufen kosten ab 60 Euro.

Lesen und schauen: Es gibt diverse Bücher zu der Trainingsmethode. Bei YouTube sind diverse Filme mit Übungen abrufbar, so zum Beispiel einer mit Ingo Froböse von der Sporthochschule Köln: www.youtube.com
/watch?v=e4vnaURH0skmit
.


Erleichterung stellt sich ein, als Stefan Müller anweist, die Stellung zu wechseln. Nun sollen die Füße in den Schlingen platziert und die Arme auf den Boden gestützt werden. Bis es so weit ist und die Füße rechts und links sicher in der Schlinge hängen, die Arme den Körper waagerecht und ohne Hohlkreuz über dem Boden tragen, dauert es seine Zeit. 

Ganze Muskelketten sind gefordert

Die Liegestütze in dieser Haltung fordern dann alles – und kitzeln selbst die Lachmuskeln, weil man es nicht für möglich hält, dass man sich derart über dem Boden schwebend auch noch bewegen kann.

Nachdem die Füße endlich in den Schlingen hängen, werden Liegestütze, Ausfallschritte oder Ruderbewegungen absolviert. Die Muskeln in Rücken, Bauch oder Beinen müssen arbeiten, damit der Körper macht, was er soll. „Das ist auch der Sinn des Trainings“, sagt Stefan Müller, „nicht nur einzelne Muskeln werden trainiert, sondern ganze Muskelketten.“ Mehr Kraft und bessere Kondition verspricht das Training. Auch die Koordination wird geschult.

Die Gurte und die Schlaufen führen ihr Eigenleben, sind also ständig in Bewegung und müssen stabil gehalten werden. Dadurch werden die Übungen zum Ganzkörpertraining.

Die Gurte und die Schlaufen führen ihr Eigenleben, sind also ständig in Bewegung und müssen stabil gehalten werden. Dadurch werden die Übungen zum Ganzkörpertraining.

© Sabine Gudath

Das Seilschlingentraining sei vor etwa acht Jahren aus den USA nach Europa gekommen, erklärt Stefan Müller. Amerikanische Soldaten sollen bei ihrem Einsatz im Irak nach Möglichkeiten gesucht haben, sich mit mobilem, leichtem Gerät fit zu halten. Und so befestigten sie Gürtel an Balken oder Haken und fingen mit dem Sling-Training an. Zurück in der Heimat habe einer von ihnen eine entsprechende Ausrüstung entwickelt, die Geschäftsidee war ziemlich erfolgreich.

Erfunden allerdings haben die US-Soldaten diese Bewegungsart keineswegs. Schon seit den 80er-Jahren, so Stefan Müller, wurden diese Übungen in der Physiotherapie zur Behandlung und zur Vorbeugung von Rückenproblemen eingesetzt. Zudem hat der Trainer noch ein bisschen gestöbert und ist auf das Buch „Athletischer Sport für Jungen“ gestoßen, das bereits 1866 veröffentlicht worden ist. Auf den Zeichnungen in diesem Buch hängen Jungs in Seilschlingen an Bäumen oder ziehen sich an selbst gebastelten Griffen in die Höhe, sie machen also Seilschlingentraining.

20 Minuten reichen

Die Übungen in dem Buch wie auch in der Praxis im Studio erinnern aber auch an die Kunststücke von Akrobaten – und ein bisschen fühlt man sich auch so. Zumindest am Anfang aber ist es durchaus sinnvoll, dass ein Trainer die Haltung bei den Übungen korrigiert. So achtet Stefan Müller darauf, dass der Rücken gestreckt bleibt und kein Hohlkreuz entsteht, dass die Hände den richtigen Abstand haben und die Beinmuskeln mitarbeiten.

„Durch die hohe Trainingsintensität“, heißt es in einem Werbetext für eine Schlingentraining-Ausrüstung, „ist ein effektives Ganzkörper-Workout in nur 20 Minuten möglich.“ Tatsächlich: Dass die Intensität hoch ist, merkt man schon nach wenigen Minuten in den Schlingen. Und nach 20 Minuten hat man wirklich erst einmal genug.

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