Fleischgroßhändler Remzi Kaplan will Marktführer in Polen werden. Am Wochenende hat er dort den ersten Imbiss eröffnet.: Im Döner-Beitrittsland

DZIWNóWEK, im Juli. Kurz nach zwölf isst Jacek Schäffer einen Döner. Zur Beruhigung. Sein Partner steckt vor der Grenze nach Polen im Stau, vor fünf Minuten hat es angefangen zu regnen und nun ist auch noch der Strom für den Toaster ausgefallen. Am Döner-Stand gleich hinterm Strand von Dziwnówek kommen jetzt viele Leute vorbei, aber sie haben es eilig. Sie haben Luftmatratzen unterm Arm und nasse Badeanzüge am Körper, sie flüchten vom Strand in ihre Pensionszimmer und Wohnmobile.Jacek Schäffer, 39, trägt einen gepflegten Schnauzbart, ein weißes Hemd und dunkle Lederschuhe, denen es sicher nicht gut tut, auf schlammigem Boden zu stehen, über dem sich langsam eine große Pfütze bildet. Er fällt auf in Dziwnówek an der polnischen Ostseeküste, eine Stunde von Stettin entfernt und knapp drei von Berlin. Die meisten Männer hier tragen ärmellose T-Shirts und Sporthosen, die kurz überm Knie enden. Sie sind im Urlaub. Jacek Schäffer nicht. Für ihn ist dieser Sonnabend ein Tag, der in die Firmenannalen eingehen wird. Es wird der Tag sein, an dem der Fleischgroßhändler Remzi Kaplan begann, Döner in Polen zu verkaufen. "Kaplan Polska" steht auf Schäffers Visitenkarte. Im Moment besteht Kaplan Polska aus einem Verkaufsstand und einer 60 Kilometer entfernten Lagerhalle. Ende der Woche sollen es aber schon fünf Imbisse an der Küste sein, erzählt Schäffer. Und Ende des Jahres 25, in ganz Polen. Auch mit den Franchise-Läden soll es bald losgehen, 100 sind geplant. "Das hat sich schon rumgesprochen, dauernd klingelt das Telefon", sagt Schäffer.Aus dem Regen ist Hagel geworden, aber das stört ihn nicht. Er blickt in die Zukunft, und da scheint die Sonne für ihn. Er ist der polnische Partner von Remzi Kaplan, den sie in Berlin den Döner-König nennen. Kaplan hat vier Fabriken, in denen er herstellen lässt, was man braucht, um die Teigtaschen mit Fleischfüllung zu verkaufen: die 25 Kilo schweren Fleischkegel für den Spieß, Saucen, Salate. Die Fabriken - zwei in Berlin, eine in Hamburg, eine in Holland - beliefern Restaurants und Imbisse, auch Kaplans eigene. Es heißt, Kaplan sei der Erste gewesen, der nach dem Mauerfall in Ostberlin Döner verkauft hat. Er hat also Erfahrung in Sachen Ost-Erweiterung.Und er hat Schäffer und Yüksel. "Jacek, sag ihm, er muss den Spieß immer mal drehen, sonst wird das Fleisch zu dunkel" , sagt Yüksel. Er ist 23 und der Neffe von Remzi Kaplan. Normalerweise führt er den Imbiss seines Onkels am Leopoldplatz in Wedding, und wenn es nach ihm ginge, läge er jetzt in der Türkei am Strand. "Aber Onkel hat gesagt, jetzt ist erst Polen dran", sagt Yüksel. Also hat er den Urlaub verschoben. Er soll die Polen einarbeiten, die an den ersten Döner-Buden verkaufen werden. Neben ihm steht ein ernster junger Mann namens Tomasz. Etwas unpraktisch ist, dass Tomasz kein Deutsch kann und Yüksel kein Polnisch. Jacek Schäffer übersetzt, er hat Deutsch auf dem Gymnasium in Stettin gelernt und war dann beruflich viel in Deutschland, aber darüber wolle er jetzt gar nicht so viel reden.Irgendwann hat er jedenfalls Kaplan kennen gelernt und sie merkten, dass sie das Gleiche vorhatten: Geld verdienen am neuen EU-Land Polen. Geschäfte machen, wie sie seit dem 1. Mai möglich sind, weil man nun Waren ungehindert zwischen den Ländern hin- und herfahren kann. Man kann sich durchaus vorstellen, dass die Idee von Kaplan und Schäffer funktioniert. Das Prinzip Fast Food ist schon lange in Polen angekommen, überall gibt es Filialen von Mc Donald's und Kentucky Fried Chicken. Die Polen haben zudem eine intensive und offensichtlich sorglose Neigung zum Fleisch, was auch die Verkaufsstände in Dziwnówek beweisen. Auf Grills liegen Schaschlik-Spieße, Buletten, Würste, Hähnchen. Ein Stand hat auch "Kebab" im Angebot, wie der Döner in Polen genannt wird, auf einem Spieß dreht sich ein traurig aussehender roher Fleischklops.Tomasz, Student und künftiger Kebab-Verkäufer von Dziwnówek, sagt, er glaube, dass die Polen Gefallen am gefüllten Fladenbrot finden könnten: "Es ist billig und groß". Damit hat er wahrscheinlich das zentrale Erfolgsgeheimnis des Döners zusammengefasst, der vor über 30 Jahren in Berlin erfunden wurde und mit dem in Deutschland mehr Geld verdient werden soll als in allen Filialen amerikanischer Fast Food-Hersteller zusammen.Es regnet immer noch, aber jetzt fahren zwei Autos vor, jemand steigt aus und bestellt fünf Döner. "Mit dem Auto! Unsere Qualität spricht sich herum!" Jacek ist ein bisschen aufgeregt. Wenn Kaplan das sehen könnte. Der steht zwar nicht mehr im Stau, dafür hat er sich verfahren. Dziwnówek ist klein und nur über eine Landstraße zu erreichen, die durch Wälder führt und vorbei an polnischen Dorfbewohnern, die am Straßenrand Pilze und Blaubeeren verkaufen.Eher improvisiert wirken auch die Verkaufsstrategien der Händler entlang der kleinen Dziwnóweker Hauptstraße, an deren Ende, zum Strand hin, der Stand von Kaplan seinen Stellplatz vom örtlichen Amt zugewiesen bekommen hat. Die Buden sind aus Wellblech oder Spanplatten. Dziwnówek ist ein beliebter Badeort, aber er sieht vermutlich nicht nur im Regen etwas trostlos aus. "Hier macht der einfache Pole Urlaub", sagt Schäffer. Der blitzende Verkaufswagen mit der Aufschrift Kaplan Polska und den zwei Männern in der Kaplan-Arbeitsuniform - weißes Polohemd mit Logo, weißes Basecap - scheint da eine kleine Attraktion zu sein. Als der Regen endlich aufhört, bildet sich gleich eine Schlange. Schäffer kommt in Bewegung, verspricht Herumstehenden Gratis-Döner, verschenkt das türkische Joghurt-Getränk Ayran und verteilt Gabeln - er sagt, die Polen seien nicht gewohnt, die riesige Teigtasche mitsamt Füllung direkt in den Mund zu schieben.Am späten Nachmittag rollt der schwarze Mercedes von Kaplan auf den Platz. "Schau, Remzi, die Leute stehen an", ruft Schäffer. "Ja, natürlich." Hat jemand daran gezweifelt? Remzi Kaplan ist nach sechs Stunden im Auto etwas ungehalten. Sein Döner ist gut, also wird er gekauft. Ist doch klar. Kaplan guckt zu, wie die polnischen Urlauber Döner kauen. Er würde das nicht zugeben, aber es ist wohl ein besonderer Moment für ihn. Ein Neuanfang, wie 1991, als er sich Geld lieh und seine erste Döner-Fabrik in Berlin baute. Damals war er der Gastarbeiter-Sohn, der mehr besitzen wollte als einen Gemüsestand auf dem Markt. Jetzt, mit 44 Jahren, ist er der Döner-König. Was denken die Türken eigentlich über die Polen? "Keinen Ton" werde man dazu von ihm hören, sagt Kaplan. Jacek Schäffer sagt, dass die Polen gern in die Türkei in Urlaub fahren und die polnischen Frauen türkische Männer gut fänden, weil sie wie ihre eigenen seien, nur südländischer.Kaplan und Schäffer müssen jetzt los, nachsehen, ob in der neuen Lagerhalle alles in Ordnung ist. Sie liegt eine halbe Stunde entfernt, zwischen einem Weizenfeld und einem Haus. Aus dem Haus kommt der Bauer gelaufen, der Kaplan die leer stehende Halle verpachtet hat und das Land drumherum gleich mit, für später. Der Sohn des Bauern nimmt den kleinen Koffer, den Kaplan aus seinem Auto holt, und trägt ihn ins Haus. Er weiß, was zu tun ist. Er wird Wasser heiß machen für die Wasserpfeife, die in dem Koffer ist und die Kaplan gleich im Wohnzimmer der Familie rauchen wird. Remzi Kaplan guckt zufrieden. Es scheint ihm zu gefallen, in Polen.------------------------------"Die Polen kennen Döner, aber noch keinen guten. Es kann nicht schief gehen." Jacek Schäffer, Geschäftsführer Kaplan Polska------------------------------Foto: Standort Polen: Remzi Kaplan vor seiner Lagerhalle bei Stettin. Von hier aus will er bald das ganze Land mit Döner ...

BLZ
18 Min

DZIWNóWEK, im Juli. Kurz nach zwölf isst Jacek Schäffer einen Döner. Zur Beruhigung. Sein Partner steckt vor der Grenze nach Polen im Stau, vor fünf Minuten hat es angefangen zu regnen und nun ist auch noch der Strom für den Toaster ausgefallen. Am Döner-Stand gleich hinterm Strand von Dziwnówek kommen jetzt viele Leute vorbei, aber sie haben es eilig. Sie haben Luftmatratzen unterm Arm und nasse Badeanzüge am Körper, sie flüchten vom Strand in ihre Pensionszimmer und Wohnmobile.Jacek Schäffer, 39, trägt einen gepflegten Schnauzbart, ein weißes Hemd und dunkle Lederschuhe, denen es sicher nicht gut tut, auf schlammigem Boden zu stehen, über dem sich langsam eine große Pfütze bildet. Er fällt auf in Dziwnówek an der polnischen Ostseeküste, eine Stunde von Stettin entfernt und knapp drei von Berlin. Die meisten Männer hier tragen ärmellose T-Shirts und Sporthosen, die kurz überm Knie enden. Sie sind im Urlaub. Jacek Schäffer nicht. Für ihn ist dieser Sonnabend ein Tag, der in die Firmenannalen eingehen wird. Es wird der Tag sein, an dem der Fleischgroßhändler Remzi Kaplan begann, Döner in Polen zu verkaufen. "Kaplan Polska" steht auf Schäffers Visitenkarte. Im Moment besteht Kaplan Polska aus einem Verkaufsstand und einer 60 Kilometer entfernten Lagerhalle. Ende der Woche sollen es aber schon fünf Imbisse an der Küste sein, erzählt Schäffer. Und Ende des Jahres 25, in ganz Polen. Auch mit den Franchise-Läden soll es bald losgehen, 100 sind geplant. "Das hat sich schon rumgesprochen, dauernd klingelt das Telefon", sagt Schäffer.Aus dem Regen ist Hagel geworden, aber das stört ihn nicht. Er blickt in die Zukunft, und da scheint die Sonne für ihn. Er ist der polnische Partner von Remzi Kaplan, den sie in Berlin den Döner-König nennen. Kaplan hat vier Fabriken, in denen er herstellen lässt, was man braucht, um die Teigtaschen mit Fleischfüllung zu verkaufen: die 25 Kilo schweren Fleischkegel für den Spieß, Saucen, Salate. Die Fabriken - zwei in Berlin, eine in Hamburg, eine in Holland - beliefern Restaurants und Imbisse, auch Kaplans eigene. Es heißt, Kaplan sei der Erste gewesen, der nach dem Mauerfall in Ostberlin Döner verkauft hat. Er hat also Erfahrung in Sachen Ost-Erweiterung.Und er hat Schäffer und Yüksel. "Jacek, sag ihm, er muss den Spieß immer mal drehen, sonst wird das Fleisch zu dunkel" , sagt Yüksel. Er ist 23 und der Neffe von Remzi Kaplan. Normalerweise führt er den Imbiss seines Onkels am Leopoldplatz in Wedding, und wenn es nach ihm ginge, läge er jetzt in der Türkei am Strand. "Aber Onkel hat gesagt, jetzt ist erst Polen dran", sagt Yüksel. Also hat er den Urlaub verschoben. Er soll die Polen einarbeiten, die an den ersten Döner-Buden verkaufen werden. Neben ihm steht ein ernster junger Mann namens Tomasz. Etwas unpraktisch ist, dass Tomasz kein Deutsch kann und Yüksel kein Polnisch. Jacek Schäffer übersetzt, er hat Deutsch auf dem Gymnasium in Stettin gelernt und war dann beruflich viel in Deutschland, aber darüber wolle er jetzt gar nicht so viel reden.Irgendwann hat er jedenfalls Kaplan kennen gelernt und sie merkten, dass sie das Gleiche vorhatten: Geld verdienen am neuen EU-Land Polen. Geschäfte machen, wie sie seit dem 1. Mai möglich sind, weil man nun Waren ungehindert zwischen den Ländern hin- und herfahren kann. Man kann sich durchaus vorstellen, dass die Idee von Kaplan und Schäffer funktioniert. Das Prinzip Fast Food ist schon lange in Polen angekommen, überall gibt es Filialen von Mc Donald's und Kentucky Fried Chicken. Die Polen haben zudem eine intensive und offensichtlich sorglose Neigung zum Fleisch, was auch die Verkaufsstände in Dziwnówek beweisen. Auf Grills liegen Schaschlik-Spieße, Buletten, Würste, Hähnchen. Ein Stand hat auch "Kebab" im Angebot, wie der Döner in Polen genannt wird, auf einem Spieß dreht sich ein traurig aussehender roher Fleischklops.Tomasz, Student und künftiger Kebab-Verkäufer von Dziwnówek, sagt, er glaube, dass die Polen Gefallen am gefüllten Fladenbrot finden könnten: "Es ist billig und groß". Damit hat er wahrscheinlich das zentrale Erfolgsgeheimnis des Döners zusammengefasst, der vor über 30 Jahren in Berlin erfunden wurde und mit dem in Deutschland mehr Geld verdient werden soll als in allen Filialen amerikanischer Fast Food-Hersteller zusammen.Es regnet immer noch, aber jetzt fahren zwei Autos vor, jemand steigt aus und bestellt fünf Döner. "Mit dem Auto! Unsere Qualität spricht sich herum!" Jacek ist ein bisschen aufgeregt. Wenn Kaplan das sehen könnte. Der steht zwar nicht mehr im Stau, dafür hat er sich verfahren. Dziwnówek ist klein und nur über eine Landstraße zu erreichen, die durch Wälder führt und vorbei an polnischen Dorfbewohnern, die am Straßenrand Pilze und Blaubeeren verkaufen.Eher improvisiert wirken auch die Verkaufsstrategien der Händler entlang der kleinen Dziwnóweker Hauptstraße, an deren Ende, zum Strand hin, der Stand von Kaplan seinen Stellplatz vom örtlichen Amt zugewiesen bekommen hat. Die Buden sind aus Wellblech oder Spanplatten. Dziwnówek ist ein beliebter Badeort, aber er sieht vermutlich nicht nur im Regen etwas trostlos aus. "Hier macht der einfache Pole Urlaub", sagt Schäffer. Der blitzende Verkaufswagen mit der Aufschrift Kaplan Polska und den zwei Männern in der Kaplan-Arbeitsuniform - weißes Polohemd mit Logo, weißes Basecap - scheint da eine kleine Attraktion zu sein. Als der Regen endlich aufhört, bildet sich gleich eine Schlange. Schäffer kommt in Bewegung, verspricht Herumstehenden Gratis-Döner, verschenkt das türkische Joghurt-Getränk Ayran und verteilt Gabeln - er sagt, die Polen seien nicht gewohnt, die riesige Teigtasche mitsamt Füllung direkt in den Mund zu schieben.Am späten Nachmittag rollt der schwarze Mercedes von Kaplan auf den Platz. "Schau, Remzi, die Leute stehen an", ruft Schäffer. "Ja, natürlich." Hat jemand daran gezweifelt? Remzi Kaplan ist nach sechs Stunden im Auto etwas ungehalten. Sein Döner ist gut, also wird er gekauft. Ist doch klar. Kaplan guckt zu, wie die polnischen Urlauber Döner kauen. Er würde das nicht zugeben, aber es ist wohl ein besonderer Moment für ihn. Ein Neuanfang, wie 1991, als er sich Geld lieh und seine erste Döner-Fabrik in Berlin baute. Damals war er der Gastarbeiter-Sohn, der mehr besitzen wollte als einen Gemüsestand auf dem Markt. Jetzt, mit 44 Jahren, ist er der Döner-König. Was denken die Türken eigentlich über die Polen? "Keinen Ton" werde man dazu von ihm hören, sagt Kaplan. Jacek Schäffer sagt, dass die Polen gern in die Türkei in Urlaub fahren und die polnischen Frauen türkische Männer gut fänden, weil sie wie ihre eigenen seien, nur südländischer.Kaplan und Schäffer müssen jetzt los, nachsehen, ob in der neuen Lagerhalle alles in Ordnung ist. Sie liegt eine halbe Stunde entfernt, zwischen einem Weizenfeld und einem Haus. Aus dem Haus kommt der Bauer gelaufen, der Kaplan die leer stehende Halle verpachtet hat und das Land drumherum gleich mit, für später. Der Sohn des Bauern nimmt den kleinen Koffer, den Kaplan aus seinem Auto holt, und trägt ihn ins Haus. Er weiß, was zu tun ist. Er wird Wasser heiß machen für die Wasserpfeife, die in dem Koffer ist und die Kaplan gleich im Wohnzimmer der Familie rauchen wird. Remzi Kaplan guckt zufrieden. Es scheint ihm zu gefallen, in Polen.------------------------------"Die Polen kennen Döner, aber noch keinen guten. Es kann nicht schief gehen." Jacek Schäffer, Geschäftsführer Kaplan Polska------------------------------Foto: Standort Polen: Remzi Kaplan vor seiner Lagerhalle bei Stettin. Von hier aus will er bald das ganze Land mit Döner beliefern.

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