Über dem Amazonas bewegt sich eine gewaltige Menge Wasser, unsichtbar und Tausende Kilometer weit. Feuchte Luftströme transportieren Wasserdampf vom Atlantik über das Amazonasbecken bis an die Anden. Wissenschaftler bezeichnen diese Ströme als „fliegende Flüsse“.
Der Begriff beschreibt keine scharf begrenzten Bänder am Himmel, sondern großräumige Routen, auf denen sich Feuchtigkeit durch die Atmosphäre bewegt. Ein Ende Mai veröffentlichtes Weißbuch der Naturschutzorganisation Amazon Conservation zeigt, welche Regionen besonders von ihnen abhängen und an welchen Stellen die Abholzung den Wasserkreislauf gefährdet.
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Wie die „fliegenden Flüsse“ entstehen
Die Passatwinde treiben feuchte Luft vom tropischen Atlantik nach Westen. Über dem Amazonas regnet ein Teil des Wassers ab. Bäume nehmen es über ihre Wurzeln auf und geben es später durch ihre Blätter wieder an die Atmosphäre ab. Dieser Vorgang heißt Evapotranspiration.
Die Feuchtigkeit kann auf ihrem Weg mehrfach abregnen, verdunsten und erneut weitergetragen werden. An den Anden wird ein Teil der Luftströmung nach Süden und Südosten umgeleitet. Dadurch beeinflusst der Amazonas den Regen weit über den eigentlichen Regenwald hinaus.
Nach einer vom WWF aufgegriffenen Schätzung gibt die Vegetation des Amazonas täglich rund 20 Milliarden Tonnen Wasser an die Atmosphäre ab. Damit liegt die Größenordnung leicht über der durchschnittlichen Wassermenge, die der Amazonas pro Tag in den Atlantik führt.
Mehr als 70 Prozent des Regens hängen vom Kreislauf ab
Das Weißbuch kartiert die Wege der Feuchtigkeitsströme nach Angaben von Amazon Conservation erstmals mit saisonaler Auflösung. Die Autoren verfolgten Luftströmungen anhand von Wetterdaten der Jahre 2001 bis 2020 rückwärts und verglichen ihre Routen mit Abholzungsrisiken, Schutzgebieten und geplanten Straßen.
Das Ergebnis: In Teilen des südwestlichen Amazonasgebiets, besonders in Peru und Bolivien, stammen mehr als 70 Prozent des jährlichen Niederschlags aus Feuchtigkeit, die ursprünglich über dem Atlantik verdunstete und auf ihrem Weg mehrfach durch die Vegetation recycelt wurde.
Der Amazonas mündet im Norden Brasiliens in den Atlantik. Sedimente färben das Wasser milchig braun, während Wolken über dem Bundesstaat Amapá ziehen.
© NASA/Nasa
„Das Überleben der Regenwälder in Peru und Bolivien hängt tatsächlich von intakten Wäldern im Osten Brasiliens ab“, erklärte Matt Finer, Leiter des Monitoringprojekts MAAP von Amazon Conservation. Werden dort große Waldflächen zerstört, kann weniger Feuchtigkeit in den westlichen Teil des Amazonasbeckens gelangen.
Bei der Veröffentlichung handelt es sich um ein Weißbuch der Naturschutzorganisation und nicht um eine neue begutachtete Fachstudie. Der grundsätzliche Zusammenhang zwischen Waldverlust und sinkenden Niederschlägen wird jedoch durch wissenschaftliche Arbeiten gestützt.
Eine 2025 in der Fachzeitschrift AGU Advances veröffentlichte Modellstudie untersuchte die Folgen des Waldverlusts in den brasilianischen Bundesstaaten Rondônia und Mato Grosso. Demnach verringerte ein Rückgang der Waldfläche um durchschnittlich 3,2 Prozent zwischen 2002 und 2015 den Niederschlag in der Trockenzeit um 5,4 Prozent. Die Autoren weisen bei diesem Wert allerdings eine erhebliche statistische Unsicherheit aus.
Abholzung trifft die empfindlichste Route
Die „fliegenden Flüsse“ nehmen je nach Jahreszeit unterschiedliche Wege. Während die Route in der Regenzeit überwiegend über Gebiete mit vergleichsweise starkem Schutz führt, verläuft der Feuchtigkeitsstrom in der Trockenzeit über stark abgeholzte Flächen im Süden des brasilianischen Bundesstaates Pará.
Besonders wichtig ist Acre im Westen Brasiliens. Dort laufen alle drei kartierten saisonalen Routen zusammen, bevor sie Feuchtigkeit nach Peru und Bolivien transportieren. Amazon Conservation bezeichnet die Region deshalb als Engstelle im Wasserkreislauf.
Zusätzliche Risiken entstehen durch geplante Straßenprojekte. Die Bundesstraße BR-319 verbindet Manaus mit Porto Velho und kreuzt die Route des Feuchtigkeitsstroms in der Trockenzeit. Ein im Weißbuch zitierter Modellvergleich kommt zu dem Ergebnis, dass die vollständige Asphaltierung der Straße in einem Maximalszenario bis zu fünf Millionen Hektar zusätzliche Abholzung auslösen könnte.
Weniger Wald bedeutet weniger Evapotranspiration, also weniger Verdunstung und Wasserabgabe durch die Pflanzen. Dadurch gelangt weniger Feuchtigkeit in die Atmosphäre, sodass auch in anderen Teilen des Amazonasgebiets weniger Regen fallen kann. Trockenheit schwächt wiederum die Bäume und erhöht die Brandgefahr. Das kann den Wasserkreislauf zusätzlich beeinträchtigen.
Wie groß der Anteil der Abholzung an einzelnen Dürren ist, lässt sich bislang nicht genau bestimmen. Auch das Weißbuch betont, dass die extreme Trockenheit von 2023 und 2024 mehrere Ursachen hatte und nicht allein dem Waldverlust zugeschrieben werden kann.
Sehr starker El Niño erhöht das Risiko
Hinzu kommt der aktuelle El Niño. Das Klimaphänomen begann nach Angaben des brasilianischen Wetterdienstes INMET im Juni. Die jüngste Prognose der US-Klimabehörde NOAA sieht für die Dreimonatszeiträume von September 2026 bis Januar 2027 eine Wahrscheinlichkeit von mindestens 90 Prozent für einen sehr starken Verlauf.
Mit einer Wahrscheinlichkeit von 69 Prozent könnte der El Niño sogar der stärkste seit Beginn der Vergleichsreihe im Jahr 1950 werden. Nach Angaben des INMET dürfte das Phänomen mindestens bis März 2027 anhalten. Für den Norden Brasiliens werden ab Oktober unregelmäßige und insgesamt unterdurchschnittliche Niederschläge erwartet.
El Niño und die Abholzung des Amazonas haben unterschiedliche Ursachen. Beide können jedoch Hitze, Trockenheit und das Risiko von Waldbränden verstärken. Die Autoren des Weißbuchs fordern deshalb, die Bedeutung der Feuchtigkeitsströme künftig auch bei Straßenprojekten und der Ausweisung von Schutzgebieten zu berücksichtigen.
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